So viele Menschen in Deutschland wie noch nie seit Beginn der Messreihe stehen mit ihrem Girokonto im Minus. Im August erreichte der Anteil nach einer fortlaufenden Umfrage 13,9 Prozent und damit den höchsten Wert seit Dezember 2021. Gleichzeitig bleibt die Kontoüberziehung die teuerste Form des Kredits für Privathaushalte, denn der durchschnittliche Dispozins liegt deutlich über dem eines gewöhnlichen Ratenkredits. Wer dauerhaft im Minus bleibt, zahlt dafür einen Aufschlag, der sich über ein Jahr auf einen dreistelligen Betrag summieren kann.
Der Dispositionskredit ist ein von der Bank eingeräumter Kreditrahmen auf dem Girokonto, den der Kontoinhaber ohne Antrag und ohne Gespräch nutzen kann. Konzipiert wurde er als kurzfristiger Puffer zwischen zwei Gehaltseingängen, etwa wenn eine unerwartete Rechnung vor dem Monatsende eintrifft. Davon zu unterscheiden ist die geduldete Überziehung, bei der ein Konto ohne vereinbarten Rahmen oder über diesen hinaus ins Minus rutscht. Sie widerspricht bei den meisten Instituten den Geschäftsbedingungen, weshalb Banken den Ausgleich in der Regel binnen ein bis zwei Wochen verlangen und höhere Zinsen berechnen. Beide Formen haben gemeinsam, dass die Zinsen taggenau ab dem ersten Tag der Überziehung anfallen und variabel sind, sich also jederzeit ändern können.
Wie verbreitet die Kontoüberziehung ist, erfasst das Meinungsforschungsinstitut Civey seit Dezember 2021 im Auftrag des Finanzierungsportals smava. Befragt werden fortlaufend Personen ab 18 Jahren zum aktuellen Stand ihres Girokontos, seit Juli 2025 sind es 5.000 statt zuvor 2.500 Teilnehmer, wodurch der statistische Fehler beim Gesamtergebnis von 3,5 auf 2,5 Prozentpunkte sank. Die Erhebung findet jeweils am ersten Werktag des Folgemonats statt. Bei der Einordnung ist zu berücksichtigen, dass der Auftraggeber selbst Ratenkredite vermittelt und damit ein wirtschaftliches Interesse an der Umschuldung von Dispokrediten hat. Die verwendeten Zinssätze stammen dagegen von der Finanzaufsicht BaFin und der Deutschen Bundesbank.
Im August 2026 gaben 13,9 Prozent der Befragten an, mit ihrem Girokonto im Minus zu stehen. Das ist der höchste Wert seit dem Start der Erhebung vor rund fünf Jahren und entspricht etwa jedem Siebten. Zum Vergleich lag der Anteil im Juli noch bei 12,5 Prozent, während 75,5 Prozent im Plus waren und 12,0 Prozent ihren Kontostand nicht kannten. Die zuletzt vollständig aufgeschlüsselten Julidaten zeigen zudem, wie tief die Konten im Minus stehen, denn 6,8 Prozent aller Befragten lagen bis zu 1.000 Euro im Minus, 1,1 Prozent zwischen 1.001 und 2.000 Euro und 4,1 Prozent über 2.000 Euro. Regional fielen die Unterschiede deutlich aus, denn im Saarland stand mit 16,4 Prozent der größte Anteil im Minus, während Sachsen mit 78,2 Prozent die meisten Konten im Plus meldete. Alle Angaben beruhen auf Selbstauskünften, wie die fortlaufende Erhebung zum Girokontostand dokumentiert, in der auch die Methodik offengelegt wird.
Die Höhe der Dispozinsen orientiert sich üblicherweise am Hauptrefinanzierungssatz oder am Spitzenrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank oder am Dreimonats-Euribor. Steigen diese Referenzsätze, ziehen die Institute mit zeitlichem Abstand nach, wobei Senkungen erfahrungsgemäß langsamer weitergegeben werden. Nach Angaben der BaFin lag der durchschnittliche Dispozins im August bei 11,42 Prozent, die geduldete Überziehung kostete im Mittel 13,22 Prozent. Ein neu abgeschlossener Ratenkredit war laut Bundesbank mit durchschnittlich 8,35 Prozent deutlich günstiger. Die Entwicklung der zugrundeliegenden Referenzsätze lässt sich in den Zeitreihen der Deutschen Bundesbank nachvollziehen, die den Verlauf des EZB-Leitzinses über Jahre hinweg abbilden.
Der Abstand zwischen den Kreditformen wird an einer einfachen Rechnung sichtbar. Wer ein Jahr lang 2.500 Euro im Minus steht, zahlt beim Dispokredit zum Durchschnittssatz rund 289 Euro Zinsen, bei der geduldeten Überziehung etwa 335 Euro und bei einem Ratenkredit rund 110 Euro. Für einen Monat fallen bei 2.500 Euro Dispo knapp 24 Euro an. Diese Beträge erscheinen einzeln überschaubar, summieren sich bei dauerhafter Nutzung aber erheblich, zumal die Bank die Zinsen monatlich oder vierteljährlich abbucht und sie bei weiterhin negativem Konto selbst wieder verzinst werden. Anders als beim Ratenkredit existiert beim Dispo weder eine feste Rate noch ein Enddatum, sodass die Rückzahlung allein von der Selbstdisziplin des Kontoinhabers abhängt.
Der Gesetzgeber hat auf dieses Muster reagiert. Nach Paragraf 504a des Bürgerlichen Gesetzbuchs müssen Banken ein Beratungsgespräch anbieten, wenn ein Konto über sechs Monate hinweg durchschnittlich zu mehr als 75 Prozent des eingeräumten Rahmens überzogen ist. In diesem Gespräch sind sie verpflichtet, auf kostengünstigere Alternativen hinzuweisen. Zugleich kann ein Institut den Dispokredit jederzeit kürzen oder kündigen, denn ein Anspruch darauf besteht nicht. Bei wiederholter ungenehmigter Überziehung kann die Bank Lastschriften zurückweisen und im äußersten Fall das Girokonto kündigen. Wer den Rahmen dauerhaft ausschöpft, riskiert außerdem eine schlechtere Bewertung bei Auskunfteien, was sich auf künftige Kreditkonditionen auswirken kann.
Über die Ursachen des Anstiegs erlaubt die Umfrage selbst keine Aussage, da sie ausschließlich den Kontostand abfragt und nicht dessen Gründe. Naheliegend sind gestiegene Fixkosten für Wohnen, Energie und Lebensmittel, die den finanziellen Spielraum vieler Haushalte verringern. Der Anteil der Befragten mit einem Minus von über 2.000 Euro deutet darauf hin, dass es sich in einem Teil der Fälle nicht um kurzfristige Engpässe handelt, sondern um länger bestehende Salden. Bemerkenswert ist auch, dass rund jeder Achte den eigenen Kontostand nicht kennt, was eine gezielte Steuerung der Ausgaben erschwert. Für belastbare Aussagen zur Verschuldungslage privater Haushalte bleiben amtliche Statistiken maßgeblich, etwa die Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamts und die Kreditdaten der Bundesbank, die im Gegensatz zu Selbstauskünften auf tatsächlichen Vertragsdaten beruhen.