Eine Windrad-Studie aus dem Kreis Paderborn sorgt seit Wochen für heftige Debatten. Zwei Mediziner werteten Abrechnungsdaten von rund 70.000 Patienten aus und berichten von auffällig vielen Neuerkrankungen am Herzen in Kommunen mit dichtem Ausbau der Windenergie. Windkraftverbände, unabhängige Fachleute und die Universitätsmedizin Mainz widersprechen der Darstellung deutlich. Der Streit dreht sich dabei weniger um die Zahlen selbst als um die Frage, was sie überhaupt belegen können.
Windkraftanlagen erzeugen neben hörbarem Schall auch tieffrequente Druckschwankungen unterhalb der menschlichen Hörschwelle. Diesen Anteil bezeichnet die Akustik als Infraschall, üblicherweise definiert als Schall mit Frequenzen unter 20 Hz. Bei modernen Anlagen entsteht er vor allem durch die Blattdurchgangsfrequenz, also den Moment, in dem ein Rotorblatt am Turm vorbeistreicht. Bei großen Anlagen liegt diese Frequenz bei etwa 0,5 bis 1 Hz. Der Schalldruckpegel dieser Komponente fällt mit der Entfernung rasch ab und liegt an Wohnhäusern in üblichen Abständen nach vorliegenden Messungen deutlich unter der Wahrnehmungsschwelle, die bei 1 Hz bei rund 130 dB liegt. In Deutschland drehen sich inzwischen rund 30.000 Anlagen an Land, und die Windenergie deckt einen erheblichen Teil der Stromerzeugung ab. Der Kreis Paderborn gehört dabei zu den am dichtesten bebauten Regionen Nordrhein-Westfalens.
Ob ein Umweltfaktor eine Krankheit auslöst, prüft die Epidemiologie über die Inzidenz, also die Zahl neu auftretender Fälle in einer definierten Bevölkerung und Zeitspanne. Vergleicht eine Auswertung dabei nur Gruppen von Orten statt einzelner Personen, spricht die Methodenlehre von einer ökologischen Studie. Solche Analysen sind schnell und günstig, weil sie auf vorhandene Register oder Abrechnungsdaten zurückgreifen. Sie tragen aber ein bekanntes Problem: Aus einem Zusammenhang auf Gemeindeebene lässt sich nicht zwingend auf einzelne Menschen schließen. Unterschiede in Altersstruktur, Arztdichte, Diagnoseverhalten, Einkommen oder Vorerkrankungen können dasselbe Muster erzeugen wie der vermutete Auslöser. Frühere Untersuchungen zum Einfluss von Infraschall auf den Schlaf arbeiteten deshalb mit kontrollierten Laborbedingungen. Genau an diesen methodischen Punkten setzt die aktuelle Debatte an.
Hinter der Auswertung stehen der pensionierte Herzchirurg Christian-Friedrich Vahl und der Mainzer Oberarzt Sven-Oliver Dietz, die unter dem Namen Arbeitsgruppe Infraschall firmieren. Sie stellten ihre Ergebnisse im April 2026 als Poster auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden vor. Verglichen wurden vier Kommunen im Kreis Paderborn, nämlich Borchen und Lichtenau als Regionen mit sehr dichtem Ausbau sowie Hövelhof und Delbrück als Vergleichsgruppe mit wenigen Anlagen. Die Datengrundlage lieferte die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe mit Abrechnungsdaten aus den Zeiträumen 2021 bis 2022 und 2023 bis 2024. Insgesamt flossen Angaben zu rund 70.000 Patienten ein, davon mindestens 18.000 in den stärker belasteten Kommunen. Nach Angaben der Autoren wurden Alter, Geschlecht, Klima und sozioökonomische Kennzahlen bei der Auswahl der Gemeinden bewusst angeglichen.
Als Zielgrößen wählten die Autoren ärztlich dokumentierte Neudiagnosen von Herzinsuffizienz sowie bedrohliche Herzrhythmusstörungen, erfasst über die Diagnoseschlüssel I50 und I49. Für Borchen berichten sie eine Steigerung der Inzidenz neu aufgetretener Herzschwäche von 21 bis 51 Prozent im Jahresmittel, für Lichtenau von 20 bis 68 Prozent. In den beiden Vergleichsgemeinden blieben die Fallzahlen den Angaben zufolge unauffällig. Vahl betont, seine Gruppe habe keine Diagnosen selbst gestellt, sondern ausschließlich vorhandene Abrechnungsdaten ausgewertet, und arbeite ohne externen Auftraggeber. Er weist zudem darauf hin, dass Infraschall nur einen Teil der niederfrequenten Schallenergie von Windkraftanlagen ausmache und der relevante Einfluss damit breiter sein könnte. Wie belastbar solche Vergleiche zwischen Wohnorten sind, ist in der Forschung zu Windparks und Anwohnergesundheit seit Jahren umstritten.
Die Annahme, dass Infraschall überhaupt direkt auf das Herz wirken könnte, stützt sich auf frühere Laborarbeiten derselben Gruppe. In einem Experiment an isoliertem menschlichem Herzmuskelgewebe aus dem Jahr 2021 sank die Kontraktionskraft der Fasern unter Beschallung mit 16 Hz bei einem Pegel von 120 dB messbar ab, während der Unterschied bei 110 dB nicht mehr signifikant ausfiel. Die Autoren beschrieben zusätzlich Veränderungen im intrazellulären Calciumstoffwechsel, der für Kontraktion und Rhythmus der Herzmuskelzelle entscheidend ist. Genau diese Mechanismen sollen nach ihrer Lesart Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen begünstigen. Der Sprung von der Gewebekammer in die Wohnsiedlung ist allerdings groß, denn die im Labor eingesetzten Pegel und Frequenzen entsprechen nicht dem, was an Wohnhäusern in der Umgebung moderner Anlagen tatsächlich ankommt.
Die Universitätsmedizin Mainz hat sich öffentlich distanziert und stellt klar, dass weder das Institut für Infraschallforschung noch die Arbeitsgruppe Infraschall zu ihr gehören, denn eine Anbindung besteht seit 2022 nicht mehr. Der Landesverband Erneuerbare Energien Nordrhein-Westfalen bezweifelt die Aussagekraft der Ergebnisse und wirft den Autoren eine Politisierung des Themas vor. Bereits die Laborarbeit von 2021 wurde in einem peer-reviewten Übersichtsartikel derselben Fachzeitschrift methodisch zerlegt, weil die Herzmuskelfasern mechanisch mit einem Vibrator gestaucht statt akustisch angeregt worden seien und die verwendeten 10 bis 20 Hz weit über der Blattdurchgangsfrequenz realer Windkraftanlagen von etwa 0,5 bis 1 Hz lägen. Auch das Umweltbundesamt kritisierte die Methodik und warnte vor einer populistischen Instrumentalisierung der Forschungsfrage.
Für die aktuelle Auswertung wiegen zwei Einwände besonders schwer. Es wurde weder Infraschall gemessen noch ein Patient klinisch untersucht, und als Maß für die Belastung diente allein die installierte Leistung einer Kommune, nicht der Abstand zwischen Wohnhaus und Anlage. Damit bleibt offen, ob die tatsächlich stärker belasteten Bewohner überhaupt jene sind, bei denen die zusätzlichen Diagnosen auftauchen. Hinzu kommt, dass ein Kongressposter ein vollständig begutachtetes Fachpapier nicht ersetzt. Eine niederländische Kohortenstudie aus dem Jahr 2025 mit mehreren Hunderttausend Personen findet keinen entsprechenden Zusammenhang, und auch verbreitete Annahmen über Windräder hielten einer systematischen Prüfung zuletzt nicht stand. Ob die Zahlen aus dem Kreis Paderborn ein reales Signal oder ein Artefakt der Datenauswahl abbilden, lässt sich erst nach vollständiger Publikation und unabhängiger Nachrechnung beurteilen.
Noise and Health, Negative Effect of High-Level Infrasound on Human Myocardial Contractility, In-Vitro Controlled Experiment; doi:10.4103/nah.NAH_28_19
Noise and Health, Can Infrasound from Wind Turbines Affect Myocardial Contractility, A Critical Review; doi:10.4103/nah.nah_28_22