Rationierung

Weniger Zucker im ersten Lebensjahr senkt das Demenzrisiko

 Dennis Lenz

Weniger Zucker im ersten Lebensjahr senkt das Demenzrisiko
(Symbolbild). Die britische Zuckerrationierung endete 1953 und teilte damit eine ganze Generation in zwei Gruppen. Wer kurz davor zur Welt kam, wuchs mit deutlich weniger Zucker auf als die Jahrgänge danach. Eine Auswertung von 64.737 Datensätzen vergleicht beide Gruppen und findet Unterschiede beim Demenzrisiko im hohen Alter. Aufnahmen des Gehirns stützen den Befund. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die britische Zuckerrationierung endete 1953, und dieser Stichtag prägt bis heute das Demenzrisiko einer ganzen Generation. Wer davor geboren wurde, bekam in den ersten Lebensmonaten kaum Zucker, wer danach kam, wuchs im Überfluss auf. Eine Auswertung von 64.737 Datensätzen der UK Biobank vergleicht beide Gruppen über einen Zeitraum von bis zu 15 Jahren. Wie weit die Unterschiede reichen und was Aufnahmen des Gehirns dazu beitragen, ordnet die Arbeit erstmals gemeinsam ein.

Demenz entwickelt sich über Jahrzehnte, lange bevor Gedächtnislücken auffallen. Ablagerungen, Gefäßschäden und der Abbau von Nervenzellen beginnen im mittleren Lebensalter oder früher, weshalb die Forschung Risikofaktoren immer weiter nach vorn im Lebenslauf verfolgt. Besonders im Blick stehen die ersten tausend Tage nach der Empfängnis, ein Zeitraum, in dem sich Stoffwechselwege, Insulinregulation und Geschmacksprägung dauerhaft einstellen. Ein hoher Zuckerkonsum in dieser Phase gilt seit langem als Kandidat für ein erhöhtes Demenzrisiko, ließ sich bislang aber kaum sauber prüfen. Untersuchungen zur Ernährung beruhen fast immer auf Selbstauskünften, und wer viel Zucker isst, unterscheidet sich meist auch in Bildung, Bewegung und Einkommen von anderen. Genau diese Verzerrung macht belastbare Aussagen über Ursache und Wirkung schwierig, weil sich die eigentliche Größe nie isolieren lässt.

Einen Ausweg bieten historische Zufälle, die eine Bevölkerung ohne ihr Zutun in zwei Gruppen teilen. Die britische Regierung rationierte ab 1940 mehrere Lebensmittel, darunter Zucker, und hob die Beschränkung erst 1953 auf. Säuglinge und werdende Mütter waren dadurch über Jahre auf eine Menge begrenzt, die heutigen Empfehlungen näherkommt als der spätere Durchschnitt. Wer wenige Monate vor oder nach dem Stichtag zur Welt kam, unterscheidet sich in fast allem außer dieser einen Größe, weshalb Fachleute von einem natürlichen Experiment sprechen. Dieselbe Kohorte hat bereits Hinweise auf ein niedrigeres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall geliefert. Dass sich Lebensumstände messbar in der Hirnstruktur niederschlagen, zeigte zuletzt auch eine Untersuchung dazu, wie sich viel Fernsehen im mittleren Alter später im Gehirn abbildet.

Wie stark sich das Demenzrisiko unterscheidet

Für die Untersuchung teilte das Team um Jiazhen Zheng von der Hong Kong University of Science and Technology in Guangzhou die Teilnehmer in drei Gruppen. 15.025 Personen waren vor der Geburt und im ersten Lebensjahr von der Rationierung betroffen, bei 15.256 reichte die Beschränkung bis zum zweiten Geburtstag, und 23.774 kamen erst danach zur Welt. Die Beobachtung begann im Mittel im Alter von 55 Jahren und stützte sich auf Diagnosen aus medizinischen Registern. In der ersten Gruppe traten 388 Erkrankungen auf, in der zweiten 456 und in der Vergleichsgruppe 504. Nach Korrektur für Alter, Geschlecht, Bluthochdruck und Diabetes fällt das Demenzrisiko laut der Mitteilung der American Academy of Neurology um 21 beziehungsweise 23 Prozent niedriger aus, und die Erkrankung setzte im Mittel 2,6 Jahre später ein.

Was die Aufnahmen des Gehirns zeigen

Bei einem Teil der Teilnehmer lagen zusätzlich Magnetresonanzaufnahmen vor, und dort setzt sich das Muster fort. Wer früh wenig Zucker bekam, hatte im Alter insgesamt mehr graue Substanz und weniger sogenannte White Matter Hyperintensities, also helle Flecken in der weißen Substanz, die als Marker für Schäden an kleinen Blutgefäßen gelten. Beide Größen zählen zu den etablierten Indikatoren des Hirnalterns und lassen sich unabhängig von einer klinischen Diagnose messen. Damit stützt die Bildgebung den Befund aus den Registerdaten, ohne ihn zu beweisen, weil auch hier nur ein Zusammenhang und keine Wirkkette sichtbar wird. Ähnlich deutlich fiel zuletzt der Effekt einer Impfung aus, denn eine Gürtelroseimpfung verlangsamte den Demenzverlauf in einer walisischen Auswertung messbar.

Warum daraus kein Versprechen wird

Die Arbeit ist eine Beobachtungsstudie und kann keine Ursache belegen. Auch wenn der Stichtag die Jahrgänge sauber trennt, unterschieden sie sich in weiteren Punkten, etwa bei anderen rationierten Lebensmitteln, bei Infektionskrankheiten und bei der medizinischen Versorgung der Nachkriegszeit. Zudem stammt die UK Biobank aus einer Bevölkerung, die im Durchschnitt gesünder und besser gebildet ist als die Allgemeinheit, was absolute Zahlen verschiebt. Für die Praxis bleibt eine vorsichtige Empfehlung, den Zusatzzucker während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren gering zu halten, was ohnehin dem geltenden Rat zur Ernährung entspricht. Wie stark das Verlangen nach Süßem überhaupt beeinflussbar ist, hängt dabei nicht allein vom Willen ab, denn auch Darmbakterien prägen das Verlangen nach Zucker, wie Versuche an Mäusen und Menschen mit Typ-2-Diabetes nahelegen.

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