Weiße Substanz

Viel Fernsehen mit 50 zeigt sich Jahrzehnte später im Gehirn

 Dennis Lenz

Viel Fernsehen mit 50 zeigt sich Jahrzehnte später im Gehirn
(Symbolbild). Fernsehen gilt als harmlose Freizeitbeschäftigung, unterscheidet sich im Gehirn aber offenbar deutlich von anderen Formen des Sitzens. Eine Langzeitauswertung mit rund 1.700 Erwachsenen verknüpft Angaben aus den späten 1980er Jahren mit Hirnaufnahmen aus den Jahren 2011 bis 2013. Betroffen sind ausgerechnet jene Regionen, die bei Alzheimer besonders früh an Substanz verlieren. (Foto: © Forschung und Wissen)

Fernsehen im mittleren Lebensalter hängt einer Langzeitauswertung zufolge mit messbaren Unterschieden in der Hirnstruktur zusammen, die erst mehr als 20 Jahre später sichtbar werden. Untersucht wurden 1.712 Erwachsene, die zu Beginn im Mittel 53 Jahre alt waren und deren Gehirn Jahrzehnte später mit einem 3-Tesla-MRT vermessen wurde. Auffällig ist dabei weniger das Sitzen an sich als die Art der Tätigkeit dabei. Denn eine andere, ebenso sitzende Beschäftigung zeigte in derselben Auswertung genau das gegenteilige Muster.

Sitzendes Verhalten gilt seit Jahren als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und kognitiven Abbau. Für den Zusammenhang mit der Struktur des Gehirns war die Datenlage bislang jedoch dünn, weil die meisten Untersuchungen entweder nur kurze Zeiträume abdecken oder alle Formen von Inaktivität zu einer einzigen Größe zusammenfassen. Genau hier setzt die neue Auswertung an, die Fernsehen und berufliches Sitzen getrennt betrachtet und damit das Sitzverhalten inhaltlich aufschlüsselt. Grundlage ist die ARIC-Studie, eine seit Ende der 1980er Jahre laufende Beobachtungsstudie aus vier Regionen der Vereinigten Staaten, in die ursprünglich 15.792 Erwachsene im Alter zwischen 45 und 64 Jahren aufgenommen wurden. Die Teilnehmer gaben zu Beginn an, wie häufig sie in ihrer Freizeit fernsahen und welchen Anteil ihres Arbeitstages sie sitzend verbrachten. Erst beim fünften Untersuchungstermin zwischen 2011 und 2013 folgte die Bildgebung.

Gemessen wurde das Volumen kortikaler und subkortikaler Strukturen sowie jener Areale, die bei der Alzheimer-Krankheit typischerweise zuerst schrumpfen und deshalb als Signaturregionen bezeichnet werden. Zusätzlich erfasste das MRT das Ausmaß sogenannter Hyperintensitäten im Marklager. Die weiße Substanz besteht überwiegend aus myelinisierten Nervenfasern und verbindet weit auseinanderliegende Hirnareale miteinander. Helle Flecken in dieser Region weisen auf Schädigungen kleiner Blutgefäße hin und stehen mit Schlaganfallrisiko, kognitivem Abbau und Demenz in Verbindung. Ihr Umfang nimmt mit dem Alter zu, unterscheidet sich zwischen einzelnen Personen aber erheblich. Wie ungleichmäßig das Gehirn im Lauf der Jahre an Substanz verliert, zeigt auch eine Auswertung, nach der das Hirnvolumen bei Männern schneller abnimmt als bei Frauen, wobei die Unterschiede regional stark auseinandergehen.

Was das viele Fernsehen im Gehirn hinterlässt

Wer angab, in der Freizeit sehr häufig fernzusehen, wies Jahrzehnte später ein größeres Volumen an Hyperintensitäten auf als Personen, die nie oder selten fernsahen. Gleichzeitig fielen das Volumen des Frontallappens, des Okzipitallappens und der Alzheimer-Signaturregionen geringer aus. Betroffen sind damit unter anderem Areale, die an Planung, Handlungssteuerung, visueller Verarbeitung und Gedächtnisbildung beteiligt sind. Die Arbeitsgruppe um Natan Feter berichtet diese Befunde in der Fachzeitschrift Alzheimers and Dementia und ordnet sie ausdrücklich als Zusammenhang und nicht als bewiesene Ursache ein. Da die Angaben zum Fernsehverhalten auf Selbstauskunft beruhen und nur einmal zu Beginn erhoben wurden, bleibt offen, wie sich die Gewohnheiten der Teilnehmer über die folgenden Jahrzehnte veränderten.

Warum berufliches Sitzen anders abschneidet

Der aufschlussreichste Teil der Auswertung betrifft den direkten Vergleich. Sitzen während der Arbeit war in derselben Stichprobe mit einem geringeren Volumen an Hyperintensitäten und mit größeren Volumina im Okzipital- und Parietallappen verbunden, beim Frontallappen zeigte sich dieser Zusammenhang nur bei Männern. Damit fällt die naheliegende Erklärung weg, dass allein die körperliche Inaktivität den Unterschied macht, denn beide Tätigkeiten werden im Sitzen ausgeübt. Die Arbeitsgruppe vermutet, dass die geistige Beanspruchung entscheidend ist. Berufliches Sitzen geht in vielen Fällen mit Problemlösen, Sprache, sozialer Interaktion und wechselnden Anforderungen einher, während Fernsehen überwiegend passiv aufgenommen wird. Zusätzlich unterscheiden sich beide Situationen in Begleitfaktoren wie Essverhalten, Tageszeit und Schlafqualität. Dass auch der Schlaf hineinspielt, legen Ergebnisse nahe, nach denen regelmäßige Mittagsschläfchen mit einem größeren Hirnvolumen einhergehen, was die Vielzahl beteiligter Einflüsse verdeutlicht.

Was sich daraus für den Alltag ableiten lässt

Die Arbeitsgruppe betont, dass ihre Ergebnisse bestehende Empfehlungen zur Verringerung langer Sitzzeiten stützen und zusätzlich einen Hinweis auf die Qualität der sitzenden Beschäftigung geben. Wo sich passives Fernsehen durch geistig fordernde Tätigkeiten wie Lesen oder das Erlernen neuer Fähigkeiten ersetzen lässt, könnte das für die Hirngesundheit günstiger sein. Belastbar belegt ist dieser Schritt allerdings nicht, weil eine Beobachtungsstudie keine Kausalität nachweisen kann und sich Menschen mit hohem Fernsehkonsum auch in Bildung, Einkommen, Ernährung und Vorerkrankungen von anderen unterscheiden. Interessant ist der Befund vor allem wegen seines Zeitpunkts. Strukturelle Veränderungen beginnen lange vor den ersten Beschwerden, und Bildgebung kann Hinweise darauf liefern, wie eine entstehende Demenz Jahre vor den ersten Symptomen sichtbar wird, was den Blick auf das mittlere Lebensalter zusätzlich schärft.

Alzheimers and Dementia, Associations of distinct sedentary behaviors with cortical, subcortical, and white matter hyperintensity volumes: Evidence from the ARIC study; doi:10.1002/alz.71582

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