Zu kurze Nächte

Vier von zehn Deutschen schlafen unter der Woche zu wenig

 Dennis Lenz

Vier von zehn Deutschen schlafen unter der Woche zu wenig
(Symbolbild) Fast vier von zehn Erwachsenen in Deutschland kommen an Wochentagen nicht auf die empfohlenen sieben Stunden Schlaf. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Robert Koch-Instituts mit über 8.000 Befragten. Dauerhafter Schlafmangel steht mit Bluthochdruck und weiteren Erkrankungen in Verbindung, doch eine Gruppe ist auffällig stärker betroffen als alle anderen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Zu spät ins Bett, zu früh wieder raus: Für einen erheblichen Teil der Bevölkerung in Deutschland ist die Nacht regelmäßig zu kurz. Chronischer Schlafmangel gilt in der Medizin längst nicht mehr als harmlose Alltagserscheinung, sondern als ernstzunehmender Risikofaktor für Körper und Psyche. Eine neue Auswertung des Robert Koch-Instituts beziffert nun erstmals mit aktuellen Daten, wie verbreitet zu kurze Nächte hierzulande tatsächlich sind. Das Ergebnis fällt deutlich aus, und eine Bevölkerungsgruppe sticht dabei besonders hervor.

Schlaf ist weit mehr als eine passive Ruhephase. Während der Nacht konsolidiert das Gehirn Gedächtnisinhalte, der Stoffwechsel reguliert Zucker- und Fetthaushalt, das Immunsystem stößt Reparaturprozesse an und der Blutdruck sinkt auf ein Erholungsniveau ab. Internationale Schlafempfehlungen definieren für Erwachsene eine Schlafdauer von weniger als sieben Stunden pro Nacht als kurz, weil unterhalb dieser Schwelle messbare Veränderungen der hormonellen Regulation, des sympathischen Nervensystems und des zirkadianen Rhythmus auftreten können. Wer dauerhaft unter dieser Marke bleibt, riskiert damit schleichende Folgen, die sich oft erst nach Jahren bemerkbar machen. Umso wichtiger ist es für die Gesundheitsforschung zu wissen, wie groß der Anteil der Bevölkerung ist, der von Schlafmangel betroffen ist, und welche Gruppen besonders gefährdet sind.

Genau dieser Frage ist eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Robert Koch-Instituts nachgegangen. Grundlage ist die Studie Gesundheit in Deutschland aktuell, kurz GEDA 2023, eine deutschlandweite, repräsentative Telefonbefragung der erwachsenen Wohnbevölkerung. Zwischen Mai 2023 und Februar 2024 machten dafür 8.026 Erwachsene ab 18 Jahren Angaben zu ihrem Schlafverhalten der jeweils vergangenen vier Wochen, darunter Zubettgehzeit, Einschlafdauer und morgendliche Aufwachzeit, getrennt nach Wochentagen und Wochenende. Aus diesen Angaben berechneten die Forscher die tatsächliche Schlafdauer und verglichen sie mit der Sieben-Stunden-Schwelle. Die Ergebnisse sind jetzt im Journal of Health Monitoring erschienen und zeichnen ein detailliertes Bild davon, wie es um den Schlaf der Menschen in Deutschland bestellt ist.

Wie viele Menschen von Schlafmangel betroffen sind

Das zentrale Ergebnis: An Wochentagen schlafen 39,6 Prozent der Erwachsenen in Deutschland weniger als sieben Stunden, also knapp vier von zehn. Am Wochenende sinkt der Anteil auf 22,7 Prozent, was darauf hindeutet, dass viele Menschen die verlorene Nachtruhe an freien Tagen zumindest teilweise nachholen. Die vollständigen Auswertungen hat das Institut im Journal of Health Monitoring veröffentlicht. Bemerkenswert ist die Größenordnung des Befunds: Hochgerechnet auf die erwachsene Bevölkerung bedeutet der Wert, dass an einem gewöhnlichen Werktag viele Millionen Menschen mit einem Schlafdefizit in den Tag starten. Die Autoren sprechen deshalb von einer hohen Public-Health-Relevanz des Themas, denn anders als viele Risikofaktoren betrifft zu kurzer Schlaf breite Teile der Gesellschaft quer durch alle Lebensbereiche.

Männer mittleren Alters schlafen am kürzesten

Hinter dem Durchschnittswert verbergen sich deutliche Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Männer sind mit rund 43 Prozent häufiger von zu kurzen Nächten betroffen als Frauen mit rund 36 Prozent. Am stärksten fällt der Befund bei Männern zwischen 45 und 64 Jahren aus: In dieser Gruppe schläft mit 53,0 Prozent mehr als jeder Zweite an Wochentagen weniger als sieben Stunden. Auch der Bildungshintergrund spielt eine Rolle, allerdings statistisch eindeutig nur bei Männern. Während in der hohen Bildungsgruppe rund 35 Prozent der Männer unter der Woche zu kurz schlafen, sind es in der niedrigen etwa 43 Prozent und in der mittleren sogar rund 46 Prozent. Berufliche Belastung, Schichtarbeit und lange Pendelzeiten gelten als mögliche Erklärungen für diese Verteilung, wurden in der Erhebung selbst aber nicht ursächlich untersucht.

Aufschlussreich ist auch der Blick auf das Wochenende. Bei Männern bleibt dann noch rund ein Viertel unter der Sieben-Stunden-Marke, bei Frauen etwa ein Fünftel. Besonders stark holen junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren an freien Tagen Schlaf nach, ihr Anteil kurzer Nächte sinkt am Wochenende deutlich. Ganz anders sieht es bei Menschen ab 65 Jahren aus: Bei ihnen unterscheiden sich Wochentage und Wochenende kaum, was plausibel ist, da der Taktgeber Erwerbsarbeit in dieser Altersgruppe meist wegfällt. Das Muster legt nahe, dass ein großer Teil des werktäglichen Schlafmangels nicht auf Schlafstörungen zurückgeht, sondern auf äußere Zwänge wie Arbeitszeiten, Betreuungspflichten und volle Terminkalender, die die Nacht systematisch verkürzen.

Welche Folgen dauerhafter Schlafmangel haben kann

Warum die Zahlen medizinisch relevant sind, zeigt der Blick auf die Studienlage, die die Autoren einordnen. Eine dauerhaft kurze Schlafdauer steht demnach in Zusammenhang mit Bluthochdruck und gilt als bedeutender Risikofaktor für zahlreiche nicht übertragbare Erkrankungen, darunter Adipositas, Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die psychische Gesundheit kann leiden, denn Schlafentzug begünstigt unter anderem depressive Verstimmungen und Angstsymptome. Wie stark vermeidbare Alltagsfaktoren langfristig auf das Gehirn wirken, unterstreicht auch eine aktuelle Langzeituntersuchung, nach der fast die Hälfte aller Demenzerkrankungen auf vermeidbare Risiken zurückgeht. Schlaf reiht sich damit in eine wachsende Liste von Lebensstilfaktoren ein, die über Jahrzehnte hinweg mit über Gesundheit und Krankheit entscheiden.

Zu den Wirkmechanismen gehört, dass anhaltend verkürzter Schlaf die Ausschüttung von Stress- und Appetithormonen verschiebt, das sympathische Nervensystem dauerhaft aktiviert und die innere Uhr aus dem Takt bringt. In der Folge steigen Blutdruck und Entzündungswerte, während die Insulinempfindlichkeit sinkt. Solche stillen, lange unbemerkten Prozesse gelten in der Medizin als besonders tückisch, weil Betroffene zunächst nur Müdigkeit und Konzentrationsschwäche wahrnehmen, während sich die eigentlichen Schäden im Verborgenen aufbauen. Ein ähnliches Muster schleichender Belastung beschreibt die Forschung etwa auch bei einem verbreiteten Nährstoffdefizit, das stille Entzündungen im Körper verstärken kann. Umso wichtiger erscheint es, Schlaf nicht als verhandelbare Restgröße des Tages zu behandeln, sondern als eigenständige Säule der Gesundheit.

Was die Zahlen aussagen und wo ihre Grenzen liegen

Bei aller Deutlichkeit haben die Daten methodische Grenzen, auf die die Autoren selbst hinweisen. Die Schlafdauer beruht auf Selbstauskünften am Telefon und nicht auf objektiven Messungen, was zu Über- oder Unterschätzungen führen kann. Zudem handelt es sich um eine Querschnittserhebung, die Zusammenhänge abbildet, aber keine Ursachen belegt. Wichtig ist auch: Nicht jeder Mensch mit kurzen Schlafzeiten trägt automatisch ein erhöhtes Gesundheitsrisiko, denn das individuelle Schlafbedürfnis variiert, und genetische Veranlagung, Lebensstil und Vorerkrankungen beeinflussen die Folgen erheblich. Als Frühwarnsignal taugen die Zahlen dennoch. Wer über längere Zeit schlecht schläft, sich tagsüber erschöpft fühlt oder häufig wachliegt, sollte die Beschwerden ärztlich abklären lassen, denn hinter chronisch kurzen Nächten können auch behandelbare Erkrankungen wie eine Schlafapnoe stecken, die das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall zusätzlich erhöhen.

Journal of Health Monitoring (Robert Koch-Institut), Welche Bevölkerungsgruppen schlafen eher zu wenig? Ergebnisse der Studie Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA 2023); doi:10.25646/14300

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