Abhängigkeitspotenzial

Risiko für Drogensucht durch medizinisches Cannabis

Robert Klatt

Eine Therapie mit medizinischem Cannabis hat ein hohes Abhängigkeitspotenzial, das im schlimmsten Fall eine Drogensucht auslösen kann. Die Autoren empfehlen daher, die Verordnung von medizinischem Cannabis strenger zu regulieren.

Boston (U.S.A.). Medizinisches Cannabis ist inzwischen in 12 Ländern, darunter auch ein Großteil der U.S.A. (36 Bundesstaaten) als Arzneimittel zugelassen. Wissenschaftler des Massachusetts General Hospital (MGH) haben deshalb im Rahmen der MMNE-Studie (Effect of Medical Marijuana on Neuro­cognition and Escalation of Use) analysiert, ob die medizinische Nutzung der pflanzlichen Droge zu einer Cannabissucht führen kann.

Sie analysierten laut ihrer Publikation im Fachmagazin JAMA Network Open dazu Daten von 186 Probanden, die wegen Depressionen und Ängsten (44,6 %), Schmerzen (32,8 %) oder Schlafstörungen (22,6 %) mit Cannabis behandelt wurden. Ein Teil der Probanden erhielt die Rezepte für das medizinische Cannabis sofort, die andere Gruppe musste drei Monate warten.

Medizinisches Cannabis hat Abhängigkeitspotenzial

Laut Gilman vom Center for Addiction Medicine des MGH entwickelten 18 der Probanden (17,1 %), die die sofortige Cannabisverordnung erhielten, eine Cannabisabhängigkeit. In der Gruppe mit späterem Therapiebeginn waren es nur 7 Patienten (8,6 %). Die Symtome der Probanden, die eine Sucht entwickelten, war bei beiden Gruppen milde.

Die CUD-Score (cannabis use disorder) von 0 bis 11 Punkten stieg in der Gruppe, die sofort Cannabis erhielt, im Mittel lediglich von 0,08 auf 0,55 Punkte. Die Differenz zur Vergleichsgruppe lag bei 0,28 Punkten. Weil das 95-%-Konfidenzintervall von 0,15 bis 0,40 Punkte jedoch signifikant ist, vertritt Gilman die Ansicht, dass eine Therapie mit medizinischem Cannabis ein Abhängigkeitspotenzial besitzt.

Depressionen und Angststörungen besonders problematisch

Besonders hoch ist das Abhängigkeitspotenzial bei Personen mit Depressionen und Angststörungen. Aus der Gruppe, die sofort Cannabis erhielt, entwickelten 13 der 46 Probanden (28,3 %) Symptome einer Cannabisabhängigkeit. In der Vergleichsgruppe waren es 4 von 37 Probanden (10,8 %).

Zudem erreichte die Cannabisbehandlung nicht das erwünschte Ziel. Die Depressionen und Angstzustände zu bessern oder die Schmerzen zu lindern, funktionierte in den ersten drei Monaten nicht. Nachgewiesen werden konnte lediglich ein geringer Rückgang der Symptome, der das Signifikanzniveau nicht erreicht. Lediglich bei Schlafstörungen war die Wirkung des Cannabis auf Rezept zufriedenstellend.

Gilman empfiehlt auf Basis der neuen Erkenntnisse deshalb, die Verordnung von medizinischem Cannabis strenger zu regulieren, besonders wenn der Patient unter Depressionen und Angststörungen leidet.

JAMA Network Open, doi: 10.1001/jamanetworkopen.2022.2106

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