Millionen Menschen spritzen sich inzwischen Semaglutid oder Tirzepatid, doch eine neue Auswertung großer Behandlungsdaten rückt eine bislang wenig beachtete Begleiterscheinung in den Fokus. In der Analyse trat Haarausfall unter GLP-1-Rezeptoragonisten spürbar häufiger auf als unter zwei anderen Wirkstoffklassen gegen Typ-2-Diabetes. Ausgewertet wurden dafür die elektronischen Krankenakten von Zehntausenden Erwachsenen aus einem großen amerikanischen Versorgungssystem. Die absolute Häufigkeit blieb niedrig, das Muster jedoch über sämtliche Kontrollrechnungen hinweg bemerkenswert stabil.
GLP-1-Rezeptoragonisten haben die Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert. Die Wirkstoffe ahmen ein körpereigenes Darmhormon nach, das die Insulinausschüttung anregt, die Magenentleerung verlangsamt und das Sättigungsgefühl verstärkt. Unter Handelsnamen wie Ozempic, Wegovy, Mounjaro und Zepbound erreichen sie mittlerweile Millionen Anwender, und mit der Verbreitung wächst auch die Aufmerksamkeit für seltenere Begleiterscheinungen. Haarausfall gehörte lange zu jenen Beschwerden, die vor allem in Patientenberichten und in den Meldesystemen der Arzneimittelbehörden auftauchten, ohne dass sich ihr tatsächliches Ausmaß beziffern ließ. Systematische Vergleiche mit anderen Medikamentenklassen fehlten weitgehend. Ähnliche Datenbestände wurden zuvor bereits genutzt, um zu prüfen, ob Abnehmspritzen das Krebsrisiko verändern, weshalb die Methodik in der Fachwelt inzwischen gut etabliert ist.
Mediziner unterscheiden bei krankhaftem Haarverlust grundsätzlich zwei Formen. Bei der vernarbenden Alopezie werden die Haarfollikel zerstört, der Verlust ist dauerhaft. Bei der nicht vernarbenden Variante bleiben die Follikel dagegen intakt, sodass Haare grundsätzlich nachwachsen können. Zu dieser Gruppe zählt auch das telogene Effluvium, bei dem ungewöhnlich viele Haare gleichzeitig in die Ruhephase wechseln und einige Monate später vermehrt ausfallen. Auslöser sind häufig starke körperliche Belastungen, hormonelle Umstellungen oder ausgeprägte Gewichtsabnahmen. Welche biologischen Schalter dabei genau umgelegt werden, ist bis heute nur teilweise verstanden, obwohl die Forschung an einzelnen Signalwegen arbeitet und etwa untersucht, ob sich Haarausfall über das Protein TGF-beta steuern lässt, was die klinische Einordnung neuer Risikosignale zusätzlich erschwert.
Ein Team der University of Pennsylvania griff auf die elektronischen Krankenakten des Penn-Medicine-Versorgungssystems zurück und bildete daraus zwei getrennte Vergleichsgruppen. Berücksichtigt wurden Erwachsene mit Typ-2-Diabetes, die zwischen Januar 2019 und September 2024 erstmals eine von drei Therapien begannen. In der einen Auswertung standen 12.004 Anwender von GLP-1-Rezeptoragonisten 15.221 Personen unter SGLT-2-Hemmern gegenüber, in der zweiten 11.964 Anwender 11.233 Personen unter DPP-4-Hemmern. Die Gruppen unterschieden sich deutlich, denn die GLP-1-Anwender waren im Mittel 58 Jahre alt und damit jünger als die Vergleichsgruppen mit 65 und 67 Jahren, zugleich lag ihr Body-Mass-Index mit 36,2 klar höher. Die in der Fachzeitschrift BMJ veröffentlichte Analyse glich diese Unterschiede über eine Zielstudien-Emulation aus, die Alter, Geschlecht, Herkunft, Begleiterkrankungen, Körpergewicht und weitere Medikamente rechnerisch berücksichtigt.
Nach der statistischen Anpassung blieb ein klarer Abstand bestehen. Gegenüber den SGLT-2-Hemmern war die Behandlung mit GLP-1-Wirkstoffen mit einem um 37 Prozent höheren Alopezie-Risiko verbunden, in absoluten Zahlen 6,91 gegenüber 5,04 dokumentierten Fällen je 1.000 Personenjahre. Im Vergleich mit den DPP-4-Hemmern fiel der Unterschied mit 68 Prozent noch größer aus, hier standen 6,53 Fälle 3,89 Fällen je 1.000 Personenjahre gegenüber. Betrachteten die Forscher gezielt die nicht vernarbende Form, in der ein Nachwachsen der Haare möglich bleibt, stieg der relative Abstand auf 53 beziehungsweise 72 Prozent. Damit liegt erstmals eine systematische Größenordnung vor, die über anekdotische Meldungen hinausgeht. Gleichzeitig bleibt die absolute Häufigkeit gering, was für die Beratung im Sprechzimmer entscheidend ist.
Die Untersuchung kann nicht klären, wodurch der Unterschied entsteht. Als plausibelste Erklärung gilt ein indirekter Weg über den Gewichtsverlust selbst, nicht eine direkte Wirkung auf die Haarfollikel. Eine rasche Reduktion der Energiezufuhr verschiebt einen ungewöhnlich großen Anteil der Haare in die Ruhephase, der vermehrte Ausfall wird dann oft erst Monate später sichtbar und selten mit der Ernährungsumstellung in Verbindung gebracht. Hinzu kommt, dass eine deutlich verringerte Nahrungsmenge die Versorgung mit Eisen und Zink beeinträchtigen kann, was den Haarzyklus zusätzlich stört. Da moderne Wirkstoffe wie das gleichzeitig auf GLP-1- und GIP-Rezeptoren wirkende Tirzepatid besonders starke Gewichtsabnahmen auslösen, passt dieses Erklärungsmuster zu den beobachteten Daten. Auch hormonelle und stoffwechselbedingte Effekte kommen infrage.
Die Autoren benennen mehrere Grenzen ihrer Arbeit. Weil die Auswertung auf Routinedaten aus der Versorgung beruht, ließen sich Schweregrad, Ausdehnung, Dauer und Rückbildung des Haarverlusts nach dem Absetzen nicht durchgängig bestimmen. Leichte Verläufe, die nie in einer Praxis vorgestellt wurden, dürften in den Akten fehlen, sodass die tatsächliche Häufigkeit eher unterschätzt als überschätzt wird. Ein kausaler Nachweis ist aus einer Beobachtungsstudie ohnehin nicht ableitbar. Für die Belastbarkeit spricht dagegen, dass die Datengrundlage groß und die Patientengruppe breit zusammengesetzt war und dass sich das Ergebnis in mehreren zusätzlichen Rechenmodellen bestätigte. Die Forscher ordnen ihren Befund deshalb als systematische Untermauerung früherer Sicherheitssignale ein, die Ärzte und Patienten künftig in die gemeinsame Abwägung einbeziehen sollten. Finanziert wurde die Arbeit von den National Institutes of Health.
BMJ, Risk of hair loss associated with glucagon-like peptide-1 receptor agonists in adults with type 2 diabetes: target trial emulation; doi:10.1136/bmj-2026-100077