Extreme Langlebigkeit

Menschen über 110 tragen ungewöhnlich viele Killerzellen im Blut

 Dennis Lenz

Menschen über 110 tragen ungewöhnlich viele Killerzellen im Blut
(Symbolbild) Nur etwa einer von 100.000 Menschen erreicht ein Alter von mehr als 110 Jahren, und viele dieser sogenannten Supercentenarians bleiben bis zuletzt körperlich und geistig erstaunlich fit. Ein Team der Universität Osaka hat Blutproben von 28 Personen aus drei Altersgruppen untersucht und dabei einen seltenen Immunzelltyp verglichen. Dessen Anteil stieg von vier Prozent bei den unter Hundertjährigen auf 17,6 Prozent bei den über 110-Jährigen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Wer 110 Jahre alt wird, gehört zu den seltensten Menschen überhaupt, denn die Chance dafür liegt bei etwa eins zu 100.000. Auffällig ist, dass viele dieser Hochbetagten bis zuletzt weder Krebs noch Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Eine Analyse von Blutproben zeigt nun, was ihr Immunsystem anders macht: Ein seltener Zelltyp, der kranke Zellen selbst tötet, ist bei ihnen vervierfacht.

Das Immunsystem gilt gemeinhin als Verlierer des Alterns. Mit den Jahren nimmt die Zahl neu gebildeter Abwehrzellen ab, Impfungen wirken schlechter, Infektionen verlaufen schwerer, und stille Entzündungsprozesse nehmen zu. Fachleute sprechen von Immunseneszenz. Umso rätselhafter ist eine kleine Gruppe von Menschen, die diesem Muster widerspricht: die Supercentenarians, also Personen ab 110 Jahren. In der japanischen Volkszählung von 2015 standen 61.763 Hundertjährigen lediglich 146 Menschen jenseits der 110 gegenüber. Charakteristisch für diese Gruppe ist weniger die reine Lebensdauer als die Gesundheitsspanne: Viele bleiben bis weit über die 100 hinaus geistig klar und selbstständig und sind auffallend widerstandsfähig gegen Krebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Auf der Suche nach der Ursache stieß ein Team um den Bioinformatiker Kosuke Hashimoto von der Universität Osaka bereits 2019 auf einen ungewöhnlichen Befund. In den Blutproben von Supercentenarians fanden sich auffällig viele CD4-zytotoxische T-Lymphozyten, kurz CD4-CTL. Diese Zellen sind eine Besonderheit: Normalerweise übernehmen CD4-Zellen die Rolle von Helfern, die andere Abwehrzellen koordinieren, während das Töten infizierter oder entarteter Zellen den CD8-Zellen zufällt. CD4-CTL vereinen beides und greifen selbst an. Bei den meisten Menschen machen sie weniger als fünf Prozent aller T-Zellen aus. Bekannt sind sie vor allem aus Virusinfektionen, und es mehren sich Hinweise, dass sie auch Tumorzellen töten können, etwa bei Lungenkrebs und schwarzem Hautkrebs.

Vier, zehn und knapp achtzehn Prozent

Offen blieb bislang, ab welchem Alter diese Zellen zunehmen. Für die neue Untersuchung analysierte das Team Blutproben von 28 Personen in drei Gruppen: 70 bis 99 Jahre, 100 bis 109 Jahre sowie 110 Jahre und älter. Ausgewertet wurden dabei mehr als 40.000 einzelne T-Zellen. Der Anteil der CD4-CTL stieg mit dem Alter deutlich an: Bei den jüngeren Teilnehmern lag der Mittelwert bei vier Prozent, bei den Hundertjährigen bei 9,6 Prozent und bei den über 110-Jährigen bei 17,6 Prozent, wie die Fachzeitschrift Cell Reports darlegt. Der Anstieg beginnt demnach etwa ab dem hundertsten Lebensjahr, also nicht erst im extremen Ausnahmealter.

Das Immunsystem reagiert noch mit 110

Der eigentlich bemerkenswerte Befund steckt jedoch in der Feinstruktur dieser Zellen. Jede T-Zelle trägt einen einzigartigen Rezeptor, mit dem sie ein bestimmtes Erkennungsmerkmal aufspürt. Trifft sie darauf, vermehrt sie sich zu einer Gruppe identischer Nachkommen, ein Vorgang, der als klonale Expansion bezeichnet wird. Genau das fanden die Forscher: Bei den Hochbetagten stammte der jeweils häufigste Klon im Mittel für ein Drittel aller CD4-CTL auf. Das Immunsystem reagierte also nicht zufällig, sondern gezielt auf bestimmte, offenbar dauerhaft vorhandene Bedrohungen. Hashimoto folgert daraus, dass das Altern des Immunsystems kein reiner Abbauprozess sei, sondern dass es sich selbst im extremen Alter noch aktiv an neue Herausforderungen anpasse. Bemerkenswerterweise glichen einige der gefundenen Rezeptorsequenzen jenen, die aus Krebsuntersuchungen bekannt sind.

Was daraus nicht folgt

Die Autoren treten voreiligen Schlüssen entgegen. Die Untersuchung beweist nicht, dass ein hoher Anteil dieser Zellen vor Krebs schützt oder das Leben verlängert, denn sie zeigt lediglich einen Zusammenhang bei einer sehr kleinen Gruppe. Mit 28 Teilnehmern ist die Stichprobe klein, was in der Natur der Sache liegt, weil kaum jemand dieses Alter erreicht. Zudem wurden ausschließlich Zellen im Blut untersucht, nicht in Geweben, wo Immunzellen ihre eigentliche Arbeit verrichten. Denkbar ist auch die umgekehrte Erklärung: Die Zellen könnten sich vermehren, weil im hohen Alter besonders viele auffällige Zellen anfallen, nicht weil sie den Träger schützen. Als nächsten Schritt will das Team deshalb untersuchen, wie sich diese Zellen im Gewebe verhalten.

Warum das hohe Alter die Forschung fasziniert

Der Reiz solcher Untersuchungen liegt darin, dass sie an lebenden Ausnahmefällen ansetzen statt an Modellen. Wer 110 wird, hat alle klassischen Todesursachen der Industrieländer über Jahrzehnte hinweg überstanden, und das lässt sich mit Glück allein kaum erklären. Parallel dazu zeigen andere Untersuchungen, wie anpassungsfähig der Körper bis ins hohe Alter bleibt, etwa dass sich das Gehirn noch mit über 90 Jahren verbessern kann. Interessant ist dabei auch die psychologische Seite, denn Untersuchungen belegen, dass Erwartungen an das Altern zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Sollte sich der Immunbefund bestätigen, rückt eine praktische Frage in den Vordergrund: ob sich diese seltenen Zellen gezielt fördern lassen, etwa durch Impfstoffe oder Zelltherapien.

Cell Reports, CD4 CTLs in supercentenarians: Signs of adaptive expansion in healthy aging; doi:10.1016/j.celrep.2026.117728

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