Eine Impfung, die in Deutschland jeden Herbst millionenfach verabreicht wird, rückt als möglicher Schutzfaktor für das alternde Gehirn in den Blick. Ein Forschungsteam hat die Daten von fast 200.000 Menschen ab 65 Jahren ausgewertet und dabei zwei Varianten desselben Impfstoffs direkt miteinander verglichen. Beide unterscheiden sich ausschließlich in der Menge des enthaltenen Antigens. Der Abstand zwischen den Gruppen fiel deutlich größer aus, als es die bisherige Datenlage nahegelegt hatte.
Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz und betrifft in Deutschland nach Schätzungen zwischen 1,4 und 1,8 Millionen Menschen, wobei rund 70 Prozent aller Demenzfälle auf sie entfallen. Charakteristisch sind Ablagerungen des Proteins Beta-Amyloid zwischen den Nervenzellen und Bündel aus fehlgefaltetem Tau-Protein im Inneren der Zellen. Diese Veränderungen beginnen 15 bis 20 Jahre vor den ersten Gedächtnislücken, zerstören nach und nach Synapsen und lassen ganze Hirnareale schrumpfen. Lange galt diese Eiweißkaskade als nahezu vollständige Erklärung der Erkrankung. Inzwischen rückt ein zweiter Strang in den Vordergrund, denn dauerhafte Entzündungsprozesse im Nervengewebe scheinen den Verlauf mitzubestimmen. Weil das Immunsystem im höheren Lebensalter schlechter reguliert wird und schwächer auf Erreger reagiert, gerät der Zusammenhang zwischen Infektionen, Impfschutz und Alzheimer zunehmend in den Fokus großer Datenanalysen. Genau hier setzt eine Untersuchung an, die den Blick von neuen Wirkstoffen weg und hin zu einer längst etablierten Routinemaßnahme lenkt.
Im Zentrum steht kein neu entwickelter Wirkstoff, sondern ein seit Jahren zugelassener Impfstoff gegen Influenza. Für Menschen ab 65 Jahren existiert neben der üblichen Zusammensetzung eine hochdosierte Variante, die die vierfache Antigenmenge enthält und dadurch eine kräftigere Antikörperantwort auslösen soll. Ein Forschungsteam aus Houston hat ausgewertet, ob sich diese beiden Formulierungen auch im späteren Auftreten einer Alzheimer-Demenz unterscheiden. Grundlage waren anonymisierte Gesundheits- und Abrechnungsdaten von knapp 200.000 Personen ab 65 Jahren, die entweder den Hochdosis-Impfstoff oder die Standarddosis erhalten hatten und anschließend über mehrere Jahre hinweg beobachtet wurden. Eine neu aufgetretene Alzheimer-Demenz wurde dabei über ärztliche Diagnosecodes sowie über Verordnungen typischer Antidementiva erfasst. Die im Fachjournal Neurology veröffentlichten Ergebnisse fielen deutlicher aus als erwartet und verschieben damit die Debatte über Impfungen als möglichen Baustein der Demenzprävention.
Mit steigendem Lebensalter verliert das Immunsystem an Schlagkraft, ein Prozess, der als Immunseneszenz bezeichnet wird. T-Zellen reagieren träger, das immunologische Gedächtnis wird lückenhaft, und die Antikörpertiter nach einer Impfung fallen niedriger aus als bei jüngeren Erwachsenen. Genau deshalb existiert für die jährliche Influenza-Saison ein Hochdosis-Impfstoff, der die vierfache Antigenmenge der üblichen Präparate enthält. In den Vereinigten Staaten empfiehlt die Gesundheitsbehörde diese Variante allen Menschen ab 65 Jahren. In Deutschland rät die Ständige Impfkommission Personen ab 60 Jahren ebenfalls zu einem hochdosierten Präparat oder alternativ zu einem mit dem Wirkverstärker MF59 versetzten Impfstoff, und die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür. Dass eine Impfung je nach Dosierung unterschiedlich stark schützt, ist für schwere Grippeverläufe seit Langem belegt. Ob sich dieser Unterschied auch im Gehirn niederschlägt, war bislang offen.
Die Auswertung stützt sich auf eine große Kohorte von Versicherten ab 65 Jahren, die sich in einem entscheidenden Punkt unterschieden. Ein Teil hatte den Hochdosis-Impfstoff erhalten, der andere die Standarddosis, weil das höher dosierte Präparat regional nicht immer in ausreichender Menge verfügbar war. Diese Versorgungslücke erzeugte eine Vergleichssituation, die sich sonst nur schwer herstellen lässt. Nach Angaben von UTHealth Houston war eine Grippeimpfung in der Standarddosis bereits mit einem um rund 40 Prozent verringerten Alzheimerrisiko verbunden. Bei der hochdosierten Variante fiel der Unterschied noch klarer aus, denn hier lag die relative Risikoreduktion bei annähernd 55 Prozent. Besonders ausgeprägt zeigte sich der Schutzeffekt bei Frauen. Die Autoren betonen jedoch, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt und ein ursächlicher Zusammenhang damit nicht bewiesen ist.
Wie eine Grippeimpfung das Gehirn überhaupt erreichen soll, ist bislang nicht geklärt. Diskutiert werden mehrere Wege. Zum einen verhindert der Impfschutz schwere Influenza-Verläufe, die mit starken systemischen Entzündungsreaktionen einhergehen und bei älteren Menschen häufig einen messbaren kognitiven Einbruch hinterlassen. Zum anderen könnten Impfstoffe unspezifische Effekte auf das angeborene Immunsystem entfalten und die Mikroglia, die Fresszellen des Gehirns, in einen weniger schädlichen Aktivierungszustand versetzen. Eine höhere Antigendosis würde beide Effekte verstärken und damit erklären, warum die Kurven zwischen den Gruppen auseinanderlaufen. Vergleichbare Beobachtungen gibt es für andere Impfstoffe, denn auch eine Gürtelroseimpfung senkt nicht nur das Erkrankungsrisiko, sondern beeinflusst den Verlauf einer bestehenden Demenz. Ob der Effekt tatsächlich vom Impfstoff ausgeht oder ob sich geimpfte Personen in weiteren Merkmalen unterscheiden, lässt sich abschließend nur in randomisierten Studien klären.
Neurology, Risk of Alzheimer Dementia After High-Dose vs Standard-Dose Influenza Vaccination; doi:10.1212/WNL.0000000000214782