Sehprothese im Gehirn

Hirnimplantat von Neuralink soll Geburtsblinden das Sehen ermöglichen

 Dennis Lenz

Hirnimplantat von Neuralink soll Geburtsblinden das Sehen ermöglichen
(Symbolbild) Viele von Geburt an blinde Menschen lesen Blindenschrift mit dem Tastsinn und nutzen dafür teils sogar ihre Sehrinde. Genau diesen Bereich des Gehirns will Neuralink mit dem Hirnimplantat Blindsight elektrisch reizen, um künstliche Lichtpunkte zu erzeugen. Elon Musk verspricht, dass so auch Geburtsblinde sehen können. Belegt ist das bisher nicht, Ergebnisse vom Menschen hat Neuralink noch nicht veröffentlicht. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Elon Musk verspricht mit dem Hirnimplantat Blindsight von Neuralink, dass sogar Geburtsblinde sehen können. Ein Video, das derzeit auf X als neue Ankündigung kursiert, stammt allerdings aus dem Juni 2025, und die darin genannte Frist von sechs bis zwölf Monaten für die ersten Implantate beim Menschen ist abgelaufen. Ein veröffentlichtes Ergebnis beim Menschen gibt es bisher nicht, Neuralink selbst spricht von künftigen Studien. Frühere Sehprothesen in der Sehrinde zeigen, was realistisch ist: einzelne Lichtpunkte statt Bilder, und das bislang nur bei Menschen, die früher einmal sehen konnten.

Seit einigen Tagen verbreitet sich auf X ein kurzer Clip, in dem Elon Musk über die nächste Anwendung seines Hirnimplantats spricht. Mehrere Konten teilen ihn mit Formulierungen wie „gerade angekündigt“, einzelne Beiträge haben mehr als eine Million Aufrufe erreicht. Im Video sagt Musk: „In den nächsten sechs bis zwölf Monaten werden wir unsere ersten Implantate für das Sehen einsetzen, bei denen wir selbst bei völlig blinden Menschen direkt in die Sehrinde schreiben können.“ Langfristig verspricht er eine sehr hohe Auflösung und die Wahrnehmung von Infrarot, Ultraviolett und Radar, „wie eine Superkraft“. Die Aufnahme ist jedoch nicht neu. Musk äußerte sich so im Juni 2025 bei einer Veranstaltung des US-Start-up-Förderers Y Combinator, wie Fachmedien damals berichteten. Die Behauptung, Blindsight könne auch Geburtsblinden helfen, hatte er bereits im September 2024 aufgestellt.

Damals gab Neuralink bekannt, dass die US-Arzneimittelbehörde FDA dem System den Status eines Breakthrough Device verliehen hat. Musk schrieb dazu in einem Beitrag auf X, das Gerät werde selbst Menschen ohne Augen und Sehnerv das Sehen ermöglichen. Sofern die Sehrinde intakt sei, könnten sogar Menschen, die seit ihrer Geburt blind sind, zum ersten Mal sehen. Zugleich dämpfte er die Erwartungen: Anfangs werde die Auflösung niedrig sein, vergleichbar mit der Grafik früher Atari-Spielkonsolen. Seitdem hat Musk das Versprechen mehrfach wiederholt und dabei auch neue Zeitpunkte genannt.

Wie Blindsight funktionieren soll

Beim normalen Sehen wandelt die Netzhaut Licht in elektrische Signale um, die über den Sehnerv ins Gehirn gelangen. Am Hinterkopf liegt die primäre Sehrinde, in der aus diesen Signalen der Seheindruck entsteht. Blindsight soll die Augen und den Sehnerv vollständig umgehen. Nach Angaben auf der Studienseite von Neuralink zur Sehprothese nimmt eine Videokamera die Umgebung auf und überträgt die Bilder drahtlos an ein Implantat. Dessen feine Elektroden aktivieren Nervenzellen in den für das Sehen zuständigen Hirnregionen. Werden solche Neuronen elektrisch gereizt, nehmen Menschen kleine Lichtpunkte wahr, die Fachleute als Phosphene bezeichnen. Aus vielen gleichzeitig erzeugten Phosphenen soll ein grobes Bild entstehen, ähnlich einer Anzeigetafel aus einzelnen Lämpchen.

Retinaimplantate setzen dagegen früher an. Sie ersetzen ausgefallene Sinneszellen der Netzhaut, brauchen aber einen funktionierenden Sehnerv. Ein solches System erprobt derzeit etwa ein Team in Lübeck, das einer 80-jährigen Patientin mit einem Netzhautchip das Lesen zurückgeben will. Eine Sehprothese in der Sehrinde käme dagegen auch für Menschen infrage, deren Augen oder Sehnerven vollständig zerstört sind, etwa durch ein Glaukom, eine Verletzung oder eine Erkrankung des Sehnervs. Dafür ist allerdings ein Eingriff am offenen Gehirn nötig. Neuralink will die Elektroden mit einem eigens entwickelten Operationsroboter einsetzen, der bereits bei den Implantaten für gelähmte Menschen verwendet wird.

Neuralink kündigt Blindsight seit Jahren an

Belegt sind bisher vor allem Versuche an Affen. Im Juni 2025 berichtete der Neuralink-Ingenieur Joseph O'Doherty auf einer Fachkonferenz, dass ein Affe nach einer Reizung seiner Sehrinde in mindestens zwei Dritteln der Fälle mit den Augen auf einen Punkt blickte, an dem die Forscher einen künstlichen Seheindruck erzeugen wollten. Eine begutachtete Veröffentlichung dieser Daten liegt nicht vor. Bei Affen liegt die Sehrinde zudem näher an der Oberfläche des Gehirns als beim Menschen, was die Übertragung erschwert. Musk sagte im selben Monat, ein Affe trage ein solches Implantat bereits seit etwa drei Jahren. Im September 2025 erklärte er auf X, man wolle im Folgejahr „völlig Blinden ein begrenztes Sehen“ zurückgeben. Im Januar 2026 schrieb er, Neuralink sei vorbehaltlich der behördlichen Genehmigung bereit für das erste Blindsight-Implantat.

Ein solches Implantat beim Menschen hat Neuralink bislang weder auf seiner Website noch in seinen offiziellen Mitteilungen gemeldet. Die Studienseite lädt Interessierte lediglich ein, sich in ein Patientenregister einzutragen, um über künftige Studien zur Sehprothese in den USA informiert zu werden. Die Bezeichnung als Breakthrough Device bedeutet keine Zulassung. Sie verschafft einem Hersteller vor allem einen engeren Austausch mit der Behörde und eine bevorzugte Prüfung, wenn ein Gerät eine schwere Erkrankung behandeln soll, für die es keine gleichwertige Alternative gibt. Nach eigenen Angaben nehmen weltweit mindestens 21 Menschen an den Studien von Neuralink teil, allerdings mit Implantaten, mit denen sie Computer und Geräte per Gedanken steuern. Zeitpläne von Neuralink haben sich schon früher verschoben: Erste Studien am Menschen waren ursprünglich für 2020 geplant, später lehnte die FDA einen ersten Antrag auf eine Studie am Menschen zunächst ab.

Was frühere Sehprothesen im Gehirn erreicht haben

Neu ist die Idee nicht. Bereits um das Jahr 2000 beschrieb der US-Forscher William Dobelle ein System, das eine Fernsehkamera über Elektroden auf der Oberfläche der Sehrinde mit dem Gehirn eines blinden Mannes verband. Das Unternehmen Second Sight, heute Cortigent, setzte zwischen 2018 und 2019 sechs Menschen mit seiner Prothese Orion 60 Elektroden auf die Sehrinde. In der Anfang 2025 abgeschlossenen Studie konnten alle Teilnehmer mit eingeschaltetem System ein kleines helles Quadrat auf einem Bildschirm besser lokalisieren und Bewegungen besser erkennen als ohne. Zu Beginn trat ein epileptischer Anfall auf, nach einer Anpassung der Reizmuster blieben weitere schwere Zwischenfälle laut Unternehmen aus. Alle Teilnehmer waren im Laufe ihres Lebens erblindet. Ein normales Sehen ermöglichte das System keinem von ihnen.

Weiter kam ein Team um den Neurowissenschaftler Eduardo Fernández von der Universität Miguel Hernández im spanischen Elche. Die Forscher setzten einer 57-jährigen, vollständig erblindeten Frau für sechs Monate ein Implantat mit 96 Elektroden ein, die wie bei Neuralink in das Hirngewebe hineinragen. Wie sie im Journal of Clinical Investigation berichten, verliefen Einsetzen und Entfernen ohne Komplikationen. Wurden mehrere Elektroden gleichzeitig gereizt, sank die nötige Stromstärke, und die Patientin konnte einige Buchstaben sowie die Umrisse von Gegenständen erkennen. Das ist für die Forschung ein wichtiger Schritt, zeigt aber auch die Größenordnung: Wenige Dutzend Lichtpunkte ergeben eher ein Raster als ein Bild. Eine kortikale Sehprothese ist bis heute nirgends als Behandlung zugelassen.

Warum Geburtsblinde die größte Hürde sind

Die entscheidende Frage für Geburtsblinde lautet, ob ihre Sehrinde elektrische Reize überhaupt in einen Seheindruck übersetzen kann. Das Gehirn entwickelt seine Sehfähigkeit in den ersten Lebensjahren durch Erfahrung, in sogenannten sensiblen Phasen. Fehlt der Seheindruck in dieser Zeit, übernimmt die Sehrinde andere Aufgaben. Bereits 1996 zeigten Forscher der US-Gesundheitsbehörde NIH im Fachmagazin Nature, dass bei früh erblindeten Menschen die primäre Sehrinde aktiv wird, wenn sie Blindenschrift ertasten. Wurde dieser Bereich später mit Magnetimpulsen gezielt gestört, lasen früh erblindete Probanden Brailleschrift schlechter. Der Teil des Gehirns, den Blindsight ansprechen soll, ist bei ihnen also oft bereits mit anderen Sinnen beschäftigt.

Eine Untersuchung der Berliner Charité stützt diese Bedenken. Die Forscher reizten die Sehrinde von 35 seit mehr als zehn Jahren blinden Menschen mit Magnetimpulsen von außen durch den Schädel. Wie sie im Fachmagazin Brain berichten, nahmen alle Teilnehmer mit einem Sehrest Phosphene wahr, aber nur 20 Prozent derjenigen ohne jede Lichtwahrnehmung. Besonders selten gelang dies bei Menschen, die nie sehen konnten. Ein ins Gewebe eingesetztes Implantat reizt die Neuronen allerdings direkter als ein Magnetfeld von außen, deshalb lassen sich die Ergebnisse nicht vollständig übertragen. Hoffnung machen Beobachtungen an Kindern und Jugendlichen, die von Geburt an blind waren und nach einer Augenoperation erstmals sehen konnten: Sie erkannten Gegenstände, die sie nur vom Tasten kannten, zunächst nicht, lernten diese Zuordnung aber rasch. Ihre Augen und Sehnerven funktionierten jedoch nach dem Eingriff, was bei Blindsight-Patienten gerade nicht der Fall wäre.

Infrarotsehen bleibt vorerst eine Vision

Noch weiter von belegten Ergebnissen entfernt ist Musks langfristiges Versprechen, Menschen sollten mit Blindsight eines Tages Infrarot, Ultraviolett oder Radar sehen. Technisch wäre dafür vor allem eine andere Kamera nötig, die solche Strahlung erfasst. Das Gehirn würde allerdings keine neue Farbe sehen, sondern dieselben Lichtpunkte, die das Implantat auch bei sichtbarem Licht erzeugt. Unter besonderen Laborbedingungen kann das menschliche Auge bereits nahes Infrarotlicht wahrnehmen, ein Hirnimplantat ist dafür nicht erforderlich. Für die meisten blinden Menschen ginge es zunächst um weit grundlegendere Fähigkeiten, etwa eine Tür, einen Menschen oder eine Bordsteinkante zu erkennen.

Ob Blindsight diese Schwelle erreicht, lässt sich erst sagen, wenn Neuralink Daten aus einer genehmigten Studie am Menschen vorlegt. Entscheidend werden dabei die Zahl und Haltbarkeit der Elektroden, die Sicherheit des Eingriffs und die Frage sein, wie viel ein Patient mit dem künstlichen Sehen im Alltag tatsächlich anfangen kann. Die Ergebnisse aus Spanien und mit Orion deuten darauf hin, dass Menschen, die im Laufe ihres Lebens erblindet sind, mit solchen Implantaten eine grobe, aber nützliche Sehhilfe erhalten könnten. Ob auch Geburtsblinde davon profitieren können, ist dagegen wissenschaftlich offen. Musks Aussage ist daher eine Ankündigung, die bisher weder durch Daten vom Menschen noch durch einen eingehaltenen Zeitplan gedeckt ist.

Neuralink, Neuralink for Visual Prosthesis

Journal of Clinical Investigation, Visual percepts evoked with an intracortical 96-channel microelectrode array inserted in human occipital cortex; doi:10.1172/JCI151331

Brain, Changes in visual cortex excitability in blind subjects as demonstrated by transcranial magnetic stimulation; doi:10.1093/brain/awf045

Spannend & Interessant
VGWortpixel