Elektronisches Sehen

Netzhautchip in Lübeck soll einer 80-Jährigen das Lesen zurückgeben

 Dennis Lenz

Netzhautchip in Lübeck soll einer 80-Jährigen das Lesen zurückgeben
(Symbolbild) Ein Netzhautchip eröffnet bei einer fortgeschrittenen Form der Makuladegeneration neue Möglichkeiten für die visuelle Wahrnehmung. Das Verfahren nutzt noch vorhandene Nervenzellen und ergänzt ihre Anregung durch technische Signale. Die Auswahl geeigneter Patienten und das Sehtraining sind wichtige Bestandteile der Behandlung. Ein konkretes Ziel ist die Rückgewinnung einer begrenzten Lesefähigkeit. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein Netzhautchip soll einer 80-jährigen Patientin in Lübeck einen Teil ihrer verlorenen Sehfähigkeit zurückgeben. Das nur zwei Millimeter breite Implantat arbeitet mit einer Spezialbrille zusammen. Nach einer fortgeschrittenen Makuladegeneration ist ihr wichtigstes Ziel, wieder Buchstaben lesen zu können. Die Behandlung verbindet eine hochspezialisierte Operation mit anschließendem Sehtraining.

Für Gisela Sudhop sind Gesichter und gedruckte Zeilen seit Langem nicht mehr zu erkennen. Mehr als zehn Jahre lebt die 80-Jährige mit einer altersbedingten Makuladegeneration, bei der die lichtempfindlichen Zellen im Zentrum ihrer Netzhaut abgestorben sind. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck setzte das Team um Salvatore Grisanti deshalb einen kleinen Chip unter die geschädigte Netzhaut. Nach der Mitteilung der Augenklinik vom 9. Oktober 2026 war dies der erste Eingriff dieser Art nach der europäischen Zulassung des Systems. Einen Tag zuvor konnte Sudhop erstmals die dazugehörige Kamerabrille tragen. Nun beginnt die Rehabilitation. Die Ärzte erwarten, dass sie mit dem Implantat mittelgroße Buchstaben lesen lernen kann. Damit steht hinter dem technischen Fortschritt ein sehr konkretes Ziel: Schrift wieder selbst wahrzunehmen, statt Informationen ausschließlich über andere Menschen oder akustische Hilfen zu erhalten.

Die Erkrankung trifft einen besonders wichtigen Bereich des Auges. In der Makula entsteht das scharfe zentrale Sehen, das beim Lesen und Erkennen kleiner Einzelheiten gebraucht wird. Die medizinische Übersicht zur Makuladegeneration beschreibt deshalb eine charakteristische Einschränkung: Die Umgebung kann am Rand noch wahrgenommen werden, während genau dort Informationen fehlen, wohin der Blick gerichtet ist. Eine vorhandene Restwahrnehmung bedeutet also nicht, dass ein Gesicht oder ein Wort erkennbar bleibt. Umgekehrt muss ein schwerer zentraler Sehverlust nicht bedeuten, dass überhaupt kein Licht mehr ankommt. Diese räumliche Unterscheidung erklärt den Ansatz des Implantats. Es soll einen beschädigten Abschnitt der Signalaufnahme überbrücken und dabei vorhandene Funktionen ergänzen. Der Chip ersetzt nicht den gesamten Augapfel, sondern setzt an einer begrenzten Stelle innerhalb eines weiterhin teilweise funktionsfähigen Systems an.

Wie der Netzhautchip Licht wieder in Nervensignale verwandelt

Das System heißt PRIMA und nutzt das Prinzip der Photovoltaik. Eine Kamera in der Brille erfasst die Umgebung. Ein Projektor überträgt die aufbereiteten Informationen mit nahinfrarotem Licht auf das Implantat. Dort erzeugen kleine lichtempfindliche Elemente elektrische Signale, die noch vorhandene Netzhautzellen anregen. Über die nachfolgenden Nervenbahnen und den Sehnerv gelangen Informationen zum Gehirn. Licht übernimmt dabei gleichzeitig zwei Aufgaben: Es trägt das Bild und liefert Energie für die elektrische Stimulation. Ein Kabel, das durch die Augenwand zu einem äußeren Gerät geführt werden müsste, ist dafür nicht notwendig. Die klinische Untersuchung des photovoltaischen Implantats beschreibt somit eine technische Umleitung innerhalb der Sehbahn. Abgestorbene Lichtsinneszellen wachsen dadurch nicht nach. Ihre Aufgabe, eintreffende Bildinformationen in eine für das Nervensystem nutzbare Form zu übersetzen, wird teilweise von einem elektronischen Bauteil übernommen.

Warum die Brille genauso wichtig ist wie das Implantat

Ein gewöhnliches Brillenglas verändert den Weg des Lichts, damit ein Bild besser auf der Netzhaut scharfgestellt wird. Die Kamerabrille dieses Systems erfüllt eine andere Aufgabe. Sie bereitet Bildinformationen für eine künstliche Schnittstelle auf. Dazu gehört auch eine Vergrößerungsfunktion, mit der Buchstaben größer dargestellt werden können. Zwischen einer Kameraaufnahme und einer nutzbaren Wahrnehmung liegen damit mehrere aufeinander abgestimmte Schritte. Ein stark vergrößerter Buchstabe beansprucht mehr Bildfläche; dafür können seine Formen leichter unterscheidbar werden. Aus dieser geometrischen Beziehung ergibt sich ein praktischer Unterschied zwischen dem Erkennen einzelner Zeichen und dem flüssigen Lesen einer ganzen Zeile. Mehr Vergrößerung bedeutet nicht automatisch, dass gleichzeitig mehr Text überblickt wird. Die Bedienung und das Sehtraining gehören deshalb zum Gesamtsystem. Nicht allein die Zahl elektronischer Elemente entscheidet über den Nutzen, sondern auch, wie die verfügbaren Informationen aufbereitet und vom Menschen beim Blick auf einen Gegenstand eingesetzt werden.

Welche Sehverbesserung in der Studie erreicht wurde

In der internationalen Untersuchung erhielten 38 Menschen mit geographischer Atrophie ein Implantat. Für 32 lagen nach zwölf Monaten auswertbare Sehprüfungen vor. Davon erreichten 26 eine Verbesserung um mindestens zehn Buchstaben auf einer standardisierten Sehtafel, entsprechend rund 81 Prozent der ausgewerteten Gruppe. Dieser Schwellenwert war vorher als klinisch bedeutsam festgelegt worden. Solche Prüfungen schaffen eine gemeinsame Grundlage: Alle Teilnehmer bearbeiten vergleichbare Aufgaben, statt ihre Fortschritte ausschließlich frei zu beschreiben. Die Verbesserung betrifft dabei das mit dem System erreichbare Sehen. Sie ist nicht als Rückkehr einer vollständig gesunden Netzhaut zu verstehen. Ebenso sollte der Anteil nicht ohne Weiteres als persönliche Erfolgswahrscheinlichkeit eines neuen Patienten gelesen werden. Für dessen Ergebnis zählen auch die verbliebene Funktion des Auges, die Eignung für die Operation und das Training. Die Studie zeigt aber, dass aus der elektrischen Stimulation bei vielen ausgewählten Teilnehmern tatsächlich nutzbare Informationen über Buchstaben wurden.

Was die längere Nachbeobachtung erkennen lässt

Inzwischen liegen auch Ergebnisse über drei Jahre vor. Nach den vom Hersteller veröffentlichten Kongressdaten waren nach 36 Monaten noch 18 Teilnehmer für die Wirksamkeitsauswertung und 27 für die Sicherheitsauswertung verfügbar. In der kleineren Gruppe lag der mittlere Zugewinn bei 29 Buchstaben; 14 der 18 erreichten mindestens 15 zusätzliche Buchstaben. Die natürlich verbliebene Sehfunktion blieb nach diesen Angaben stabil. Die geringere Zahl nachbeobachteter Teilnehmer begrenzt den Vergleich mit den ursprünglichen Zwölfmonatswerten, weil nicht mehr dieselbe vollständige Gruppe beurteilt wird. Dennoch ist der längere Verlauf für die technische Idee wichtig: Ein Implantat muss nicht nur unmittelbar nach der Operation funktionieren, sondern seinen Nutzen über längere Zeit behalten. Die Meldung stammt von Science Corporation, dem Hersteller des Systems, und berichtet über eine Kongresspräsentation. Die längerfristige Entwicklung bleibt daher Teil der weiteren klinischen Beobachtung.

Für den Einbau ist eine Operation unter der Netzhaut notwendig, einem empfindlichen und nur begrenzt zugänglichen Gewebe. Die klinische Studie erfasste deshalb auch unerwünschte Ereignisse. Insgesamt wurden 26 schwerwiegende Ereignisse bei 19 Teilnehmern berichtet. Davon traten 21 in den ersten beiden Monaten auf; 20 dieser frühen Ereignisse waren innerhalb von zwei Monaten nach ihrem Auftreten abgeklungen. Diese Zahlen gehören zur medizinischen Abwägung, ebenso wie der mögliche Gewinn an Sehfunktion. Eine erfolgreiche Implantation setzt eine sorgfältige Untersuchung voraus, ob noch ausreichend nutzbare Nervenzellen und eine geeignete Sehbahn vorhanden sind. Das Verfahren richtet sich an ausgewählte Menschen mit fortgeschrittener geographischer Atrophie. Eine durch eine andere Ursache geschädigte Sehbahn stellt andere Anforderungen. Der klinische Nutzen entsteht damit aus der Verbindung von passender Erkrankung, geeigneter Anatomie, kontrolliertem Eingriff und anschließender Betreuung. Das winzige Format des Bauteils macht die Behandlung nicht zu einer kleinen Routinekorrektur.

Welche Rolle die europäische Zulassung spielt

Das Implantat erhielt im Juli 2026 die CE-Kennzeichnung nach der europäischen Medizinprodukteverordnung. Die Zulassungsmitteilung des Herstellers nennt damit einen wesentlichen Schritt von der klinischen Prüfung zur regulären Anwendung in Europa. Für Patienten bedeutet ein solches Verfahren allerdings mehr als die Verfügbarkeit eines einzelnen Produkts. Es braucht spezialisierte Zentren, eine individuelle Eignungsprüfung, eine Operation und organisierte Rehabilitation. Auch die Finanzierung einer Behandlung ist eine eigenständige Frage und folgt nicht automatisch allein aus der CE-Kennzeichnung. Die Lübecker Klinik bringt Erfahrung aus der internationalen Untersuchung mit und kann die technische Versorgung mit der medizinischen Nachbetreuung verbinden. Gerade bei einer Sehprothese ist diese Verbindung entscheidend: Ein funktionsfähiger Chip ist die Voraussetzung, während ein verlässlich nutzbarer visueller Eindruck das eigentliche Ziel ist. Der Eingriff eröffnet also einen Behandlungsweg, dessen einzelne Schritte aufeinander aufbauen.

Wie ein kleiner visueller Gewinn den Alltag verändern kann

Die Bedeutung des Fortschritts liegt nicht nur in einer Zahl auf der Sehtafel. Zwischen vollständiger Abhängigkeit von vorgelesenen Informationen und dem selbstständigen Erkennen einer kurzen Beschriftung kann ein wichtiger Unterschied liegen. Das ist eine mögliche praktische Bedeutung der erreichten Fähigkeit, kein bereits für jeden Patienten dokumentiertes Ergebnis. Andere Ansätze wie eine Gentherapie mit Spezialbrille versuchen ebenfalls, erhaltene Teile des Sehsystems für neue Lichtinformationen nutzbar zu machen, setzen dafür jedoch an anderen Zellen und Erkrankungen an. PRIMA wählt den elektronischen Weg unter der Netzhaut. Für Gisela Sudhop wird nun entscheidend, wie sich dieser Weg in eine stabile Wahrnehmung übersetzen lässt. Ihre Hoffnung richtet sich nicht auf eine abstrakte technische Kennzahl, sondern auf etwas sehr Vertrautes: eine Folge von Buchstaben wieder selbst zu einem Wort zusammensetzen zu können.

New England Journal of Medicine, Subretinal Photovoltaic Implant to Restore Vision in Geographic Atrophy Due to AMD; doi:10.1056/NEJMoa2501396

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