Ab dem sechsten Monat sank mit der personalisierten mRNA-Impfung gegen schwarzen Hautkrebs das Risiko für Rückfall oder Tod um 58 Prozent. Das zeigen die vollständigen Daten der Phase-III-Studie INTerpath-001 mit 1.137 Patienten, vorgestellt beim Krebskongress ESMO in Madrid. In den ersten sechs Monaten gab es dagegen keinen Unterschied, und ob die Impfung das Leben verlängert, ist noch nicht belegt.
Getestet wurde der mRNA-Impfstoff Intismeran der Unternehmen Moderna und Merck, der außerhalb der USA und Kanadas als MSD auftritt. Er wird für jeden Patienten eigens nach dem Erbgut seines Tumors hergestellt und zusätzlich zur üblichen Immuntherapie mit dem Antikörper Pembrolizumab gegeben. Alle Teilnehmer hatten ein Melanom der Stadien IIB bis IV, das vollständig operativ entfernt worden war. Über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg senkte die Kombination das Risiko für Rückfall oder Tod um 42 Prozent gegenüber Pembrolizumab mit einem Scheinmedikament. Diese Hauptergebnisse waren schon zwei Tage vor dem Vortrag bekannt geworden, weil Daten vorzeitig im Internet auftauchten. Neu sind nun der zeitliche Verlauf im Detail, die ersten Zahlen zum Gesamtüberleben, die Ergebnisse für einzelne Patientengruppen und eine vollständige Liste der Nebenwirkungen.
Was die Studie zuvor über Aufbau und Hauptergebnis gezeigt hatte, haben wir bereits im Bericht über die Impfung aus dem eigenen Tumor beschrieben. Dieser Artikel ordnet die zusätzlichen Daten ein, die Long im Präsidentensymposium der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie präsentiert hat.
Für die ersten sechs Monate nach Studienbeginn lag das sogenannte Hazard Ratio für Rückfall oder Tod bei 0,99. Das bedeutet, dass sich beide Gruppen in dieser Zeit praktisch nicht unterschieden. Für die Zeit danach ergab eine vorab geplante Auswertung ein Hazard Ratio von 0,42, also ein um 58 Prozent geringeres Risiko. Beim Risiko für Fernmetastasen oder Tod zeigt sich dasselbe Muster mit Werten von 1,01 in den ersten sechs Monaten und 0,50 danach. Fernmetastasen sind Tochtergeschwülste in entfernten Organen wie Lunge, Leber oder Gehirn, die beim Melanom besonders gefürchtet sind.
Eine Erklärung liefert der Ablauf der Behandlung. Pembrolizumab bekamen alle Patienten ab dem Tag, an dem sie der Studie zugeteilt wurden. Den Impfstoff dagegen musste Moderna erst herstellen. Dafür wird das Erbgut des Tumors ausgelesen und mit dem gesunder Zellen aus dem Blut verglichen, ein Computerprogramm wählt bis zu 34 veränderte Eiweißstücke aus, sogenannte Neoantigene, und deren Bauplan wird in eine mRNA geschrieben. Im Mittel vergingen deshalb 64 Tage bis zur ersten Dosis. Danach folgten bis zu neun Impfungen in den Oberarmmuskel im Abstand von drei Wochen, die Patienten erhielten im Mittel alle neun. Moderna schreibt, der größere Unterschied zwischen den Gruppen zeige sich nach Abschluss dieser Impfserie, und das Muster passe zu den Ergebnissen der früheren Phase-II-Studie. Auch biologisch ist eine Verzögerung plausibel, denn die T-Zellen des Immunsystems müssen erst lernen, die Merkmale des Tumors zu erkennen. Für Patienten bedeutet das, dass sich ein Rückfall in den ersten Monaten nach der Operation mit dem Impfstoff nach den bisherigen Daten nicht verhindern lässt. Der Vorteil betrifft die Zeit danach.
Nicht alle 757 Patienten aus der Impfgruppe bekamen am Ende den Impfstoff. Eine mindestens einmalige Dosis erhielten 726 von ihnen, also 95,9 Prozent, in der Vergleichsgruppe bekamen 96,1 Prozent mindestens einmal das Scheinmedikament. Betrachtet man nur diese Patienten, sank das Risiko für Rückfall oder Tod um 49 Prozent, das Hazard Ratio lag bei 0,51. Nach zwei Jahren lebten in dieser Auswertung 84,2 Prozent der Geimpften ohne Rückfall, in der Vergleichsgruppe waren es 70,4 Prozent. Ohne Fernmetastasen waren 90,1 gegenüber 80,7 Prozent, hier lag das Hazard Ratio bei 0,55.
Maßgeblich für die Bewertung bleibt jedoch die Auswertung aller zugeteilten Patienten, weil sie Verzerrungen durch Abbrüche vermeidet. Dort lagen die Zwei-Jahres-Werte bei 82,2 gegenüber 70,0 Prozent ohne Rückfall und bei 88,5 gegenüber 80,2 Prozent ohne Fernmetastasen. Den Impfstoff konnte Moderna nach eigenen Angaben für mehr als 99 Prozent der Patienten der Impfgruppe herstellen. Eine Hürde liegt allerdings schon vor der Studie. Von 1.749 untersuchten Interessenten wurden 302, also 17,3 Prozent, ausgeschlossen, weil ihre Tumorprobe nicht ausreichte. Ohne geeignetes Tumorgewebe lässt sich der persönliche Impfstoff nicht bauen.
Erstmals hat Long auch Zahlen zum Gesamtüberleben gezeigt. Das Hazard Ratio liegt bei 0,77 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,45 bis 1,31, der p-Wert bei 0,33. Das Intervall schließt den Wert 1 ein, der für keinen Unterschied steht. Statistisch ist ein längeres Überleben damit nicht belegt, ein Nachteil aber ebenfalls nicht. Die Studie prüfte ihre Ziele in einer festen Reihenfolge, erst das rückfallfreie Überleben, dann das Überleben ohne Fernmetastasen und zuletzt das Gesamtüberleben. Für die ersten beiden Ziele war der Nutzen signifikant, für das dritte sind die Daten nach im Mittel 24,6 Monaten Beobachtung noch zu unreif, weil bislang wenige Patienten gestorben sind. Die Nachbeobachtung läuft weiter. Moderna spricht von einem günstigen Trend beim Überleben. Ob daraus ein belegter Vorteil wird, entscheidet sich erst in späteren Auswertungen. Für Patienten ist diese Frage zentral, denn ein später Rückfall lässt sich beim Melanom heute oft noch mit weiteren Therapien behandeln.
Der Vorteil zeigte sich in den meisten vorab festgelegten Untergruppen. Bei Patienten mit Melanom der Stadien IIB bis IIIB lag das Hazard Ratio für Rückfall oder Tod bei 0,60, bei den Stadien IIIC bis IV bei 0,57. Für Fernmetastasen oder Tod lauteten die Werte 0,65 und 0,59, wobei das Konfidenzintervall in der früheren Stadiengruppe knapp den Wert 1 berührt. Bemerkenswert ist das Alter. Bei Patienten unter 65 Jahren lag das Hazard Ratio für Rückfall oder Tod bei 0,65, bei Patienten ab 65 Jahren bei 0,53. Ältere Menschen, deren Immunsystem oft schwächer reagiert, profitierten also mindestens ebenso. Ein Beweis für einen größeren Nutzen im Alter ist das nicht, weil sich die Unsicherheitsbereiche der Gruppen überschneiden.
In mehreren kleinen Untergruppen reichen die Daten nicht für klare Aussagen. Auffällig ist die Gruppe der Patienten aus den USA, in der das Hazard Ratio für Fernmetastasen oder Tod bei 1,77 lag. Das Intervall reicht dort allerdings von 0,38 bis 8,35 und beruht auf nur zehn Ereignissen, sodass es sich sehr wahrscheinlich um eine Zufallsschwankung handelt.
Die vollständigen Sicherheitsdaten zeigen, womit Geimpfte rechnen müssen. Fieber trat bei 52,2 Prozent der Patienten mit Impfstoff auf, in der Vergleichsgruppe bei 8,2 Prozent. Schmerzen an der Einstichstelle meldeten 51,0 gegenüber 9,5 Prozent, Müdigkeit 38,5 gegenüber 29,7 Prozent und grippeähnliche Beschwerden 25,4 gegenüber 9,2 Prozent. Die Forscher beschreiben diese Beschwerden als meist leicht und vorübergehend, ähnlich den Reaktionen nach anderen mRNA-Impfungen.
Schwere unerwünschte Ereignisse der Grade 3 bis 5, unabhängig von ihrer Ursache, traten bei 23,6 gegenüber 20,3 Prozent auf. Wegen unerwünschter Ereignisse setzten 16,6 Prozent der Geimpften mindestens eines der Medikamente ab, in der Vergleichsgruppe 9,5 Prozent. Acht Patienten der Impfgruppe, das sind 1,1 Prozent, starben an unerwünschten Ereignissen, in der Vergleichsgruppe keiner. Zwei dieser Todesfälle wurden auf die Behandlung zurückgeführt, beide auf Pembrolizumab, keiner auf den Impfstoff. Die typischen Nebenwirkungen von Pembrolizumab, etwa Entzündungen von Schilddrüse, Darm oder Lunge, traten mit 36,0 und 34,7 Prozent in beiden Gruppen ähnlich oft auf. Der Impfstoff verstärkte sie demnach nicht.
Long zog ein deutliches Fazit. Die Studie setze „einen neuen Maßstab für die adjuvante Therapie des Melanoms“, also für die vorbeugende Behandlung nach der Operation, und mache Intismeran zu einem Meilenstein der personalisierten Krebsmedizin. Die dänische Onkologin Inge Marie Svane vom Krankenhaus Herlev bei Kopenhagen, die die Studie im Symposium kommentierte, nannte den Ansatz laut dem Fachportal EMJ ein völlig neues Konzept, das künftig auch bei anderen Krebsarten eingesetzt werden könne. Moderna und Merck prüfen Intismeran in neun Studien der Phasen II und III, darunter drei Phase-III-Studien zu Lungenkrebs. Wie schwierig das Feld ist, zeigen andere Krebsimpfstoffe, die zuletzt ihre Ziele verfehlten, etwa eine Impfung gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, die zwar Abwehrzellen aktivierte, das Hauptziel der Studie aber nicht erreichte.
Eine Zulassung gibt es bislang nirgends. Merck strebt laut dem Branchendienst Fierce Biotech eine Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA im kommenden Jahr an. „Wir arbeiten so schnell wie möglich daran, alles vorzubereiten und an die Behörde zu schicken“, sagte die Merck-Managerin Shweta Jain. Moderna führt in seinem Rückblick auf die Studienergebnisse eine mögliche Zulassung im Jahr 2027 unter den ausdrücklich unsicheren Zukunftsaussagen auf. Für Europa haben die Unternehmen keinen Zeitplan genannt.
An der Börse kamen die Daten schlecht an. Als Teile der Ergebnisse am 22. Oktober vorzeitig im Netz auftauchten, fiel die Moderna-Aktie im Handelsverlauf um bis zu 25 Prozent und schloss 17,6 Prozent im Minus. Anleger hatten nach der kleineren Phase-II-Studie, die nach fünf Jahren eine Risikosenkung um 49 Prozent gezeigt hatte, offenbar mehr erwartet, vor allem beim Schutz vor Fernmetastasen. Die beiden Studien sind wegen unterschiedlicher Patientengruppen und Dosierungen allerdings nicht direkt vergleichbar. Merck verteidigte die Ergebnisse. Der Rückgang des Risikos für Fernmetastasen oder Tod um 38 Prozent sei „ziemlich bedeutsam“, sagte Jain gegenüber Fierce Biotech.
ESMO Congress 2026, LBA1 INTerpath-001: Phase 3 study of the mRNA-based individualized neoantigen therapy (INT) intismeran autogene (intismeran) plus pembrolizumab (pembro) vs pembro alone for adjuvant treatment of resected stage IIB-IV melanoma (MEL)
Moderna, IR Insights: Recapping the Phase 3 INTerpath-001 Results
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