Eine Impfung, die für jeden Patienten eigens nach dem Erbgut seines Tumors gebaut wird, senkt bei operiertem Hautkrebs das Risiko für einen Rückfall deutlich. In einer großen Studie mit 1.137 Patienten mit schwarzem Hautkrebs verringerte der mRNA-Impfstoff Intismeran zusammen mit der üblichen Immuntherapie das Risiko für Rückfall oder Tod um 42 Prozent gegenüber der Immuntherapie allein. Nach zwei Jahren lebten 82 Prozent der geimpften Patienten ohne Rückfall, in der Vergleichsgruppe waren es 70 Prozent. Es ist das erste Mal, dass eine individuell hergestellte Krebsimpfung in einer Studie der letzten Phase vor der Zulassung einen solchen Nutzen zeigt. Ob die Impfung auch das Leben verlängert, ist allerdings noch offen, und bis zu einer Zulassung dürften Jahre vergehen.
Das Melanom, auch schwarzer Hautkrebs genannt, gehört zu den gefährlichsten Krebsarten der Haut. Selbst wenn Chirurgen den Tumor vollständig entfernen, bleibt bei Patienten mit hohem Risiko die Gefahr, dass der Krebs zurückkehrt. Meist geschieht das in den ersten beiden Jahren nach der Operation, und bei mehr als der Hälfte der Betroffenen mit Rückfall bilden sich Tochtergeschwülste in entfernten Organen wie Lunge, Leber oder Gehirn. Viele dieser Patienten erhalten nach der Operation deshalb ein Jahr lang eine Immuntherapie mit dem Antikörper Pembrolizumab. Sie senkt das Rückfallrisiko, verhindert Rückfälle aber längst nicht immer. Genau hier setzt der neue Ansatz an.
Entwickelt wird der Impfstoff Intismeran, früher unter den Kürzeln mRNA-4157 und V940 bekannt, gemeinsam von dem US-Biotechunternehmen Moderna und dem Pharmakonzern Merck, der außerhalb der USA und Kanadas als MSD auftritt. Geleitet hat die internationale Phase-III-Studie mit dem Namen INTerpath-001 die Onkologin Georgina Long, medizinische Direktorin des Melanoma Institute Australia und Professorin an der University of Sydney. Long wird die Ergebnisse am Samstag im Präsidentensymposium des Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) in Madrid vorstellen. Bereits im August hatten die Unternehmen mitgeteilt, dass die Studie ihr Hauptziel erreicht hat, damals aber keine Zahlen genannt. Mit den Kongressdaten liegen nun erstmals die detaillierten Ergebnisse vor. Die Studie wurde außerdem zur Veröffentlichung im Fachjournal New England Journal of Medicine angenommen.
Anders als eine klassische Schutzimpfung soll Intismeran keine Krankheit bei Gesunden verhindern. Es handelt sich um eine therapeutische Krebsimpfung für Menschen, deren Tumor bereits entfernt wurde. Grundlage ist eine Gewebeprobe des Tumors. Fachleute lesen dessen Erbgut aus und vergleichen es mit dem Erbgut gesunder Zellen desselben Patienten. So finden sie Mutationen, die nur im Tumor vorkommen. Aus ihnen entstehen veränderte Eiweiße, sogenannte Neoantigene, die jedem Melanom eine eigene Identität geben, ähnlich einem Fingerabdruck. Aus diesen Daten entsteht für jeden Patienten ein eigener Bauplan. Der fertige Impfstoff besteht aus einem künstlichen Botenmolekül, der mRNA, das die Bauanleitung für bis zu 34 solcher Neoantigene enthält.
Nach der Injektion stellen die Zellen des Körpers diese Eiweißstücke selbst her und präsentieren sie dem Immunsystem. Das soll T-Zellen, eine Gruppe von Abwehrzellen, darauf trainieren, Krebszellen mit genau diesen Merkmalen zu erkennen und zu zerstören. Long vergleicht den Impfstoff in einer Mitteilung des Melanoma Institute Australia mit einem Fahndungsplakat. Man lese den einzigartigen Fingerabdruck des Tumors aus und erstelle daraus einen Steckbrief des Krebses, den die körpereigenen Zellen dem Immunsystem zeigen. Pembrolizumab ergänzt das auf andere Weise. Der Antikörper löst eine Bremse, mit der Tumore Abwehrzellen ausbremsen. Diese Bremse ist jedoch bei allen Patienten gleich, während die Impfung auf den einzelnen Menschen zugeschnitten ist.
An der Studie nahmen 1.137 Patienten an 157 Zentren weltweit teil. Bei allen war ein Melanom der Stadien IIB bis IV vollständig operativ entfernt worden. Als hohes Risiko gilt ein Melanom, wenn es in tiefere Hautschichten eingedrungen ist, sich auf benachbartes Gewebe wie Lymphknoten ausgebreitet hat oder bereits Metastasen in anderen Organen gebildet hat. Eine medikamentöse Krebstherapie hatten die Teilnehmer zuvor nicht erhalten. Per Zufall wurden sie im Verhältnis zwei zu eins auf zwei Gruppen verteilt. Die eine Gruppe erhielt alle drei Wochen den Impfstoff, insgesamt bis zu neun Dosen, dazu alle sechs Wochen Pembrolizumab für etwa ein Jahr. Die andere Gruppe bekam Pembrolizumab und statt des Impfstoffs ein Scheinmedikament. Weder Patienten noch Ärzte wussten, wer welche Behandlung erhielt.
Als Hauptziel maßen die Forscher das rückfallfreie Überleben, also die Zeit bis zu einem erneuten Auftreten des Krebses an beliebiger Stelle oder bis zum Tod. Ein wichtiges Nebenziel war das Überleben ohne Fernmetastasen. Die Auswertung erfolgte im Mittel nach knapp zwei Jahren Beobachtungszeit, genauer nach 24,6 Monaten.
Mit der Kombination aus Krebsimpfung und Immuntherapie sank das Risiko für Rückfall oder Tod um 42 Prozent im Vergleich zur Immuntherapie allein. Diese Zahl beschreibt ein relatives Risiko über den gesamten Beobachtungszeitraum. Anschaulicher sind die absoluten Werte. Nach zwei Jahren waren in der Impfgruppe 82,2 Prozent der Patienten am Leben und ohne Rückfall, in der Vergleichsgruppe 70,0 Prozent. Auf 100 Behandelte gerechnet blieben damit rund zwölf Menschen mehr ohne Rückfall. Das Risiko für Fernmetastasen oder Tod sank um 38 Prozent. Nach zwei Jahren waren 88,5 Prozent der geimpften Patienten frei von Fernmetastasen, gegenüber 80,2 Prozent ohne Impfung. Nach Angaben der Unternehmen zeigte sich der Vorteil weitgehend einheitlich in den vorab festgelegten Untergruppen der Patienten.
Aufschlussreich ist der zeitliche Verlauf. In den ersten sechs Monaten, solange die Impfserie noch lief, unterschieden sich beide Gruppen praktisch nicht. Erst danach trennten sich die Kurven. Für die Zeit ab sechs Monaten ergab eine vorab geplante Zusatzauswertung eine Verringerung des Risikos für Rückfall oder Tod um 58 Prozent und eine Halbierung des Risikos für Fernmetastasen oder Tod. Das passt zu der Vorstellung, dass das Immunsystem erst Zeit braucht, um durch die Impfung eine schlagkräftige Abwehr gegen die Tumormerkmale aufzubauen. Wurden nur Patienten betrachtet, die tatsächlich mindestens eine Dosis Impfstoff oder Scheinmedikament erhalten hatten, lag die Risikosenkung bei 49 Prozent.
Nebenwirkungen, die auf die Behandlung zurückgeführt wurden, traten in der Impfgruppe bei 95,8 Prozent der Patienten auf, in der Vergleichsgruppe bei 90,0 Prozent. Schwere Nebenwirkungen der Grade 3 bis 5 waren mit 14,2 und 13,4 Prozent ähnlich häufig. Am häufigsten berichteten die Geimpften über Fieber, Schmerzen an der Einstichstelle und Müdigkeit. Laut dem Melanoma Institute Australia verstärkte der Impfstoff die Nebenwirkungen von Pembrolizumab nicht, sondern verursachte vor allem vorübergehende, leichte Beschwerden. Neue Sicherheitsprobleme seien nicht aufgetreten.
Die wichtigste Frage bleibt vorerst unbeantwortet. Daten zum Gesamtüberleben sind noch nicht aussagekräftig genug, auch wenn die Unternehmen einen günstigen Trend sehen. Ob die Impfung also tatsächlich Leben verlängert, muss die weiterlaufende Studie erst zeigen. Die Krebsforscherin Jessamy Tiffen vom Centenary Institute in Sydney, die nicht an der Studie beteiligt war, gab in der Zeitung The Guardian zu bedenken, dass nicht alle Patienten auf den Impfstoff ansprechen und Krebszellen sich an Behandlungen anpassen können. Erst die Zeit werde zeigen, wie gut die Therapie über zwei Jahre hinaus wirkt. Hinzu kommt, dass die bislang veröffentlichten Zahlen aus Mitteilungen der beiden Hersteller und des beteiligten Instituts stammen. Die vollständige Fachpublikation mit allen Details steht noch aus.
Verfügbar ist die Therapie bislang nicht. Die Ergebnisse durchlaufen nun die Prüfung durch die Zulassungsbehörden, was je nach Land mehrere Jahre dauern kann. Die Unternehmen geben an, bereits mit den Behörden im Gespräch zu sein. Die Studie bezieht sich zudem ausschließlich auf Patienten, deren Melanom vollständig entfernt wurde. Ob der Ansatz auch bei Patienten mit sichtbaren, nicht operierbaren Tumoren oder bei Menschen hilft, die auf Pembrolizumab nicht ansprechen, ist offen. Die Idee, Impfstoffe gegen Hautkrebs auf Basis von mRNA zu entwickeln, verfolgen auch andere Unternehmen, so hatte etwa Biontech einen mRNA-Impfstoff gegen Hautkrebs an Menschen erprobt.
Der Erfolg baut auf einer kleineren Phase-IIb-Studie auf, in der die Kombination bereits über fünf Jahre beobachtet wurde. Moderna und Merck prüfen Intismeran inzwischen in insgesamt neun Studien der Phasen II und III bei verschiedenen Krebsarten, darunter drei Phase-III-Studien zu Lungenkrebs. Auch andere Forschergruppen arbeiten daran, wie ein mRNA-Impfstoff das Immunsystem gegen Krebszellen aktiviert. Long sieht in den Ergebnissen eine grundlegende Wende. Krebs sei jahrzehntelang vor allem danach behandelt worden, in welchem Organ er entsteht, sagt sie laut der Mitteilung von Merck und Moderna. Die Studie stütze dagegen einen Ansatz, der sich nach dem einzigartigen Mutationsmuster des Tumors eines Patienten richtet. Ob sich dieser Erfolg auf andere Krebsarten übertragen lässt, müssen die laufenden Studien zeigen.
Melanoma Institute Australia, Personalised therapeutic cancer vaccine cuts risk of melanoma recurrence, opening door to new era of cancer treatment
Merck und Moderna, Merck and Moderna Will Present Results From Landmark Phase 3 INTerpath-001 Trial for Intismeran Autogene Plus KEYTRUDA (pembrolizumab) at ESMO 2026 Presidential Symposium
ESMO Congress 2026, LBA1 INTerpath-001: Phase 3 study of the mRNA-based individualized neoantigen therapy (INT) intismeran autogene (intismeran) plus pembrolizumab (pembro) vs pembro alone for adjuvant treatment of resected stage IIB-IV melanoma (MEL)
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