Millionen Menschen setzen nachts immer wieder für Sekunden die Atmung aus, ohne es selbst zu merken. Die Standardbehandlung ist eine Atemmaske, doch viele Betroffene halten sie nicht durch. Eine Tablette könnte diese Lücke schließen: In einer großen Zulassungsstudie senkte sie die nächtlichen Atemereignisse um gut 44 Prozent. Der Wirkstoff greift dabei an einer Stelle an, die bisherige Therapien gar nicht erreichen.
Die obstruktive Schlafapnoe gehört zu den häufigsten und zugleich am seltensten erkannten chronischen Erkrankungen. Im Schlaf erschlaffen die Muskeln, die den oberen Atemweg offen halten, das Gewebe im Rachen fällt zusammen, und die Atmung stockt. Betroffene wachen dabei kurz auf, ohne sich später daran zu erinnern, und das mitunter hunderte Male pro Nacht. Gemessen wird das mit dem Apnoe-Hypopnoe-Index, der angibt, wie viele solcher Ereignisse pro Stunde auftreten. Die Folgen reichen von starker Tagesmüdigkeit über erhöhten Blutdruck bis zu einem größeren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Typ-2-Diabetes. Als Behandlung gilt seit Jahrzehnten die kontinuierliche Überdruckbeatmung, bei der eine Maske Luft in den Atemweg drückt und ihn mechanisch offen hält.
Das Verfahren wirkt zuverlässig, hat aber ein bekanntes Problem: Ein erheblicher Teil der Patienten trägt die Maske nicht dauerhaft oder lehnt sie von vornherein ab. Genau für diese Gruppe wurde die Wirkstoffkombination mit der Bezeichnung AD109 entwickelt, die aus 2,5 Milligramm Aroxybutynin und 75 Milligramm Atomoxetin besteht. Beide Substanzen sind aus anderen Anwendungsgebieten bekannt: Atomoxetin wird seit Jahren bei ADHS eingesetzt, Aroxybutynin ist mit einem Blasenmittel verwandt. Der Ansatz zielt nicht darauf, den Atemweg mechanisch offen zu halten, sondern auf die neuromuskuläre Steuerung. Über eine verstärkte Signalgebung im Bereich des Zungenmuskelkerns soll die Spannung der Rachenmuskulatur im Schlaf erhalten bleiben.
Geprüft wurde die Wirkung in der Phase-3-Studie SynAIRgy mit 646 Erwachsenen, die eine Atemmaske nicht vertrugen oder ablehnten. Etwa ein Drittel von ihnen hatte eine leichte, gut vier von zehn eine mittelschwere und knapp ein Viertel eine schwere Schlafapnoe. Nach 26 Wochen sank der Apnoe-Hypopnoe-Index in der Wirkstoffgruppe um 44,1 Prozent, in der Placebogruppe um 17,6 Prozent, wie das American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine berichtet. In absoluten Zahlen fiel der mittlere Index von knapp 20 Ereignissen pro Stunde, was als mittelschwer gilt, auf gut 13 Ereignisse und damit in den leichten Bereich. Unter Placebo veränderte sich der Wert kaum.
Für die gesundheitlichen Folgen der Erkrankung ist ein zweiter Messwert mindestens ebenso wichtig: die sogenannte hypoxische Last, die erfasst, wie stark und wie lange der Sauerstoffgehalt im Blut während der Nacht absinkt. Genau dieser Sauerstoffmangel gilt als treibender Faktor für Herz-Kreislauf-Schäden. Hier fiel der Wert unter der Tablette um 44,7 Prozent, unter Placebo um 8,5 Prozent. Erste Verbesserungen zeigten sich bereits nach vier Wochen und blieben bis zum Studienende bestehen. Rund vier von zehn Behandelten erreichten eine Halbierung ihrer Atemereignisse, und gut jeder fünfte kam unter fünf Ereignisse pro Stunde, was als vollständige Kontrolle der Erkrankung gilt. Diese Ergebnisse zeigen zugleich die Grenze: Ein erheblicher Teil der Teilnehmer profitierte nicht in diesem Ausmaß.
Bei der Einordnung ist Sorgfalt nötig, denn zu diesem Wirkstoff kursieren verschiedene Prozentangaben. Je nach statistischer Auswertungsmethode werden für dieselbe Studie Werte zwischen 44 und 56 Prozent genannt, weil unterschiedlich mit Studienabbrechern und Messkriterien umgegangen wird. Die 44 Prozent stammen aus der konservativeren Auswertung, die alle randomisierten Teilnehmer einschließt. Wichtig ist außerdem: Die Studie wurde vom Hersteller finanziert, und ein Vergleich mit der Atemmaske fand nicht statt. Die Überdruckbeatmung senkt den Index bei guter Anwendung deutlich stärker, weshalb die Tablette nach heutigem Stand kein Ersatz für gut zurechtkommende Maskenträger ist, sondern eine Option für jene, die die Maske ablehnen. Als häufigste Nebenwirkungen traten Mundtrockenheit, Schlaflosigkeit und Übelkeit auf.
Die Zahl der Betroffenen ist erheblich, und die meisten wissen nichts von ihrer Erkrankung. Typische Hinweise sind lautes, unregelmäßiges Schnarchen mit Atempausen, die Partner bemerken, sowie ausgeprägte Tagesmüdigkeit, morgendliche Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme. Da Schlafstörungen in Deutschland ohnehin weit verbreitet sind und vier von zehn Deutschen unter der Woche zu wenig schlafen, werden die Symptome häufig anderen Ursachen zugeschrieben. Gesichert wird die Diagnose im Schlaflabor oder mit einem Messgerät für zu Hause. Nicht jedes Schnarchen bedeutet dabei eine Schlafapnoe, und die Forschungslage zu einzelnen Folgen ist gemischt, wie Befunde zeigen, wonach Schnarcher seltener an Demenz erkranken als Nichtschnarcher.
Der Hersteller hat für die Kombination in den USA einen Zulassungsantrag eingereicht, und die Behörde hat dem Wirkstoff ein beschleunigtes Prüfverfahren zugesprochen. Mit einer Entscheidung wird nach Unternehmensangaben im ersten Quartal 2027 gerechnet, wie die begleitende Unternehmensmitteilung ausführt. Eine zweite Zulassungsstudie mit 660 Teilnehmern kam zu vergleichbaren Ergebnissen, die auch nach 51 Wochen Bestand hatten. Für Europa liegt bislang kein Zulassungsantrag vor, weshalb hierzulande frühestens in einigen Jahren mit einer Verfügbarkeit zu rechnen ist. Bis dahin bleiben Gewichtsreduktion, Schlafposition, Unterkieferschienen und die Atemmaske die Mittel der Wahl. Sollte die Tablette zugelassen werden, wäre sie das erste Medikament überhaupt, das die Ursache der nächtlichen Atemaussetzer direkt adressiert.
American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, Aroxybutynin and atomoxetine (AD109) for obstructive sleep apnea: a randomized phase 3 trial (SynAIRgy); doi:10.1093/ajrccm/aamag215