Wer viel Gewicht verliert, hat die gesundheitlichen Folgen des Übergewichts damit noch nicht hinter sich. Eine über zehn Jahre angelegte Untersuchung zeigt, dass wichtige Immunzellen eine Art Gedächtnis für das frühere Gewicht behalten. Chemische Markierungen an ihrer DNA bleiben nach Schätzung der Forscher fünf bis zehn Jahre bestehen und halten den Körper in einem entzündlichen Zustand. Das erklärt ein bislang rätselhaftes Muster in den Statistiken.
Ärzte beobachten seit Langem einen unbequemen Befund: Menschen, die erfolgreich abgenommen haben, tragen häufig noch Jahre danach ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten, obwohl ihr Körpergewicht längst im Normbereich liegt. Hinzu kommt ein zweites Muster, das jeder kennt, der abgenommen hat: Etwa 80 Prozent der Menschen nehmen nach einer erfolgreichen Gewichtsabnahme wieder zu. Erklärungen dafür lieferten bisher vor allem Hormone und Stoffwechsel, etwa der gesenkte Grundumsatz und die veränderte Appetitregulation. Eine europäische Arbeitsgruppe unter Leitung von Claudio Mauro an der Universität Birmingham hat nun eine dritte Ebene untersucht, die bislang wenig Beachtung fand: das Immunsystem.
Im Zentrum stehen dabei CD4-Helferzellen, jene Lymphozyten, die als Dirigenten der Immunantwort gelten. Sie entscheiden mit, welche Abwehrreaktion in Gang kommt und wie stark sie ausfällt. Untersucht wurden Immunzellen aus mehreren Gruppen: Menschen mit dem Alström-Syndrom, einer seltenen Erbkrankheit mit früh einsetzendem Übergewicht im Kindesalter, dazu passende gesunde Vergleichspersonen, Teilnehmer eines zehnwöchigen Sportprogramms sowie normalgewichtige und stark übergewichtige Patienten, die sich einer Hüft- oder Knieoperation unterzogen. Ergänzend analysierte das Team Immunzellen von Mäusen, die fettreich ernährt worden waren, sowie Blutproben gesunder Freiwilliger, um die zugrunde liegenden Zellmechanismen zu klären.
Der gefundene Mechanismus heißt DNA-Methylierung und gehört zur Epigenetik. Dabei lagern sich kleine chemische Gruppen an bestimmte Stellen der DNA an und verändern, wie stark einzelne Gene abgelesen werden, ohne die Erbinformation selbst anzutasten. Solche Markierungen sind ein normaler Vorgang der Zellsteuerung, doch bei Übergewicht entstehen offenbar Muster, die den entzündlichen Zustand konservieren. In den Helferzellen von Menschen mit einer Adipositas-Vorgeschichte fanden sich genau solche Muster, wie die Untersuchung in der Fachzeitschrift EMBO Reports beschreibt. Die Zellen verharren dadurch in einer fehlregulierten, entzündungsfördernden Grundhaltung.
Konkret betroffen sind zwei Vorgänge, die für die Gesundheit von Zellen zentral sind. Der erste ist die Autophagie, der zelleigene Entsorgungsdienst: Zellen bauen dabei beschädigte Bestandteile ab und verwerten sie neu, was Ablagerungen verhindert und die Funktionsfähigkeit erhält. Der zweite ist die Immunseneszenz, also die Alterung der Abwehrzellen selbst. Beide Prozesse liefen bei den geprägten Helferzellen verändert ab. Als molekulare Kandidaten hinter diesem Effekt nennt das Team unter anderem die Gene CDKN1C und STK26. Damit steht erstmals ein Mechanismus zur Verfügung, der erklärt, warum das Immunsystem nach dem Abnehmen nicht sofort in den Normalzustand zurückkehrt, und warum die Rückfallquote beim Gewicht so hoch ausfällt.
Die Zeitangabe verdient eine genaue Einordnung, denn sie ist keine Messung, sondern eine Hochrechnung. Nach Einschätzung der Autoren dürfte es fünf bis zehn Jahre dauerhaften Gewichtserhalts brauchen, bis die Markierungen verblassen und sich das Immunsystem vollständig erholt, wie die Universität Birmingham in ihrer Mitteilung betont. Diese Spanne müsse in Langzeituntersuchungen am Menschen erst bestätigt werden. Wichtig ist die Richtung der Aussage: Der Befund spricht nicht gegen das Abnehmen, sondern gegen die Erwartung eines sofortigen Neustarts. Wer das Gewicht hält, dessen Immunsystem normalisiert sich, es dauert nur länger als gedacht.
Praktisch folgt daraus vor allem eines: Der Gewichtserhalt ist medizinisch mindestens so bedeutsam wie die Abnahme selbst, und Rückfälle sind nicht nur eine Frage der Willenskraft. Bewegung bleibt dabei ein zentraler Baustein, denn Untersuchungen zeigen, dass bereits ein strammer Spaziergang pro Woche das Bauchfett schrumpfen lässt. Auch die Wirkung moderner Medikamente wird derzeit intensiv untersucht, etwa wie Abnehmspritzen an zwei entgegengesetzten Schaltern im Gehirn wirken. Die Forscher selbst sehen in ihrem Befund zudem einen Ansatzpunkt für Wirkstoffe, die das Verblassen der Markierungen beschleunigen könnten, und nennen als Kandidaten bereits zugelassene Diabetesmedikamente aus der Gruppe der SGLT2-Hemmer. Geprüft ist das bislang nicht.
EMBO Reports, DNA methylation-mediated memory of obesity in CD4 T lymphocytes perpetuates immune dysregulation; doi:10.1038/s44319-026-00765-w