Nach einer Corona-Infektion kämpft der Körper offenbar nicht nur gegen SARS-CoV-2. Eine großangelegte Studie in der Fachzeitschrift Nature zeigt, dass eine schwere Erkrankung schlummernde Dauerviren wie das Epstein-Barr-Virus wieder aktivieren kann. Bei knapp der Hälfte von 1.154 hospitalisierten Patienten schlug mindestens ein solches Virus erneut an. Die Reaktivierung hing dabei ausgerechnet nicht mit einem geschwächten Immunsystem zusammen, sondern mit einem ganz anderen Mechanismus.
Wer eine Corona-Erkrankung durchmacht, trägt meist längst weitere Erreger in sich, denn die meisten Menschen beherbergen dauerhaft acht bis zwölf Viren, ohne jemals Symptome zu entwickeln. Zu diesen stillen Mitbewohnern zählen Herpesviren wie das Epstein-Barr-Virus, das Pfeiffersches Drüsenfieber auslösen kann und das weit über 90 Prozent aller Erwachsenen in sich tragen, außerdem das Cytomegalievirus sowie Herpes-simplex-Viren, die Lippenbläschen verursachen. Nach der Erstinfektion ziehen sich diese Erreger in Zellreservoirs zurück, wo ein funktionierendes Immunsystem sie normalerweise lebenslang in Schach hält. Unter starkem körperlichem Stress können sie jedoch wieder aktiv werden, und es mehren sich Hinweise, dass eine solche Reaktivierung zu Autoimmunerkrankungen und anderen chronischen Leiden beitragen könnte. Das wahre Ausmaß dieses Phänomens bei schweren Infekten war bislang unbekannt.
Die nun vorgelegte Untersuchung basiert auf der IMPACC-Kohorte, einer der größten Langzeitstudien zu schweren Covid-Verläufen. Zwischen Mai 2020 und März 2021 nahmen 20 Kliniken in den USA insgesamt 1.154 hospitalisierte Patienten auf, die zu diesem Zeitpunkt allesamt ungeimpft waren und sich überwiegend mit den ursprünglichen Virusvarianten angesteckt hatten. Über zwölf Monate hinweg entnahmen die Mediziner bei bis zu zehn Terminen Nasenabstriche, Blutzellen und Sekrete aus den tiefen Atemwegen. Aus rund 200.000 Proben entstanden mehr als eine Milliarde Datenpunkte, wie die federführende Dell Medical School der University of Texas in ihrer Mitteilung hervorhebt. Entscheidend war der methodische Ansatz, denn statt Antikörper zu messen, suchte das Konsortium aus 15 Forschungseinrichtungen direkt nach dem Erbgut aktiv replizierender Viren.
Das Ergebnis fiel deutlich aus. Innerhalb der ersten 40 Tage nach der Klinikaufnahme wiesen die Forscher elf reaktivierte Viren nach, am häufigsten das Epstein-Barr-Virus, Herpes simplex 1, das Cytomegalievirus und Vertreter der bislang wenig erforschten Anelloviren. Bei knapp der Hälfte aller Patienten schlug mindestens einer dieser Erreger wieder an. Die Reaktivierungen folgten dabei jeweils eigenen zeitlichen Mustern und traten umso häufiger auf, je schwerer die Corona-Erkrankung verlief. Patienten mit erwachten Herpesviren hatten im Schnitt schwerere Verläufe und schlechtere klinische Ergebnisse, wie die Studie in Nature ausführlich dokumentiert. Ob die geweckten Viren die Verläufe aktiv verschlimmern oder die schwere Erkrankung lediglich begleiten, lässt sich aus den Beobachtungsdaten allerdings noch nicht ableiten.
Besonders überrascht hat die Forscher der Auslöser. Jahrzehntelang galt die Lehrmeinung, dass schlafende Viren vor allem dann erwachen, wenn das Immunsystem massiv geschwächt ist, etwa durch Medikamente nach einer Organtransplantation. Die IMPACC-Daten zeichnen ein anderes Bild. Patienten, die immununterdrückende Mittel erhielten, erlitten nicht mehr Reaktivierungen als andere. Stattdessen korrelierte das Erwachen von Epstein-Barr-Virus und Cytomegalievirus mit dem Ausmaß der systemischen Entzündung im Körper. Offenbar genügt der massive Stress einer schweren Infektion, um das fein austarierte Gleichgewicht zwischen Immunsystem und viralen Dauergästen zu kippen. Große Kohortenstudien fördern in der Medizin immer wieder solche unerwarteten Zusammenhänge zutage, ähnlich wie eine aktuelle Auswertung, nach der nachlassendes Schnarchen ein Warnsignal für das Gehirn sein kann.
Die Reaktivierungen endeten nicht mit der Entlassung aus der Klinik. Bei einem Teil der Patienten blieben die geweckten Viren noch Monate nach der akuten Erkrankung nachweisbar. Auffällig war zudem eine statistische Verbindung zwischen Anelloviren und Long Covid, insbesondere anhaltender Erschöpfung. Sollte sich ein ursächlicher Zusammenhang bestätigen, könnten antivirale Medikamente zu einem völlig neuen Ansatz gegen die Langzeitfolgen werden. Die Autoren betonen zugleich die Grenzen ihrer Arbeit, denn untersucht wurden ausschließlich ungeimpfte Klinikpatienten aus der Frühphase der Pandemie, weshalb sich die Zahlen nicht direkt auf geimpfte Menschen mit milden Verläufen übertragen lassen. Dass Viren die Gesundheit ganzer Bevölkerungen über Generationen prägen können, zeigt auch die Geschichte der Pocken, deren Weg nach Amerika Forscher jüngst anhand von zwei Mumien aus Chile rekonstruierten.
Nature, Virus reactivation in acute and long COVID-19; doi:10.1038/s41586-026-10740-z