Die Pocken gelten als eine der folgenreichsten Krankheiten der Menschheitsgeschichte, doch für ihren Weg nach Amerika gab es bislang keinen molekularen Beleg. Aus den Knochen zweier natürlich mumifizierter Menschen aus dem Norden Chiles wurde nun erstmals Virus-Erbgut aus dieser Zeit rekonstruiert. Die beiden Personen starben zwischen 1492 und 1631, ihr Alter lag zwischen 18 und 35 Jahren. Die gewonnene Genomsequenz gehört zu einer Linie, die heute vollständig ausgestorben ist.
Verursacht werden die Pocken vom Variola-Virus, einem großen DNA-Virus aus der Gattung der Orthopoxviren. Die Erkrankung verlief in etwa einem Drittel der Fälle tödlich und hinterließ bei Überlebenden charakteristische Narben. 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Krankheit nach einer weltweiten Impfkampagne für ausgerottet, offizielle Virusbestände existieren seither nur noch in zwei Hochsicherheitslaboren. Für die Geschichte des amerikanischen Doppelkontinents spielt der Erreger eine Schlüsselrolle, denn nach der Ankunft europäischer Seefahrer brachen dort Epidemien aus, denen nach Schätzungen von Historikern innerhalb weniger Jahrhunderte zwischen zehn und hundert Millionen Menschen zum Opfer fielen. Das Inka-Reich wurde bereits in den 1520er Jahren von einer Seuchenwelle erfasst, also Jahre bevor spanische Truppen den Herrscher Atahualpa gefangen nahmen.
Belegt war dieser Zusammenhang bislang ausschließlich über schriftliche Quellen aus der Kolonialzeit, über Chroniken, Verwaltungsakten und Berichte von Missionaren. Viren hinterlassen im Boden anders als Bakterien kaum verwertbare Spuren, weil ihre Partikel klein sind und ihr Erbgut schnell zerfällt. Nur unter besonderen Umständen bleibt genug Material erhalten, um daraus alte DNA zu gewinnen. Solche Bedingungen herrschen im Norden Chiles, wo extreme Trockenheit, hohe Salzgehalte und stabile Temperaturen menschliche Überreste ohne künstliche Einbalsamierung konservieren. Aus dieser Region stammen einige der ältesten Mumien der Welt. Genau dort setzte die Untersuchung an, deren eigentliches Ziel zunächst ein völlig anderes war und die den Erreger eher beiläufig zutage förderte.
Das Team hatte Proben von der archäologischen Fundstelle Camarones 9 eigentlich untersucht, um die Bevölkerungsgeschichte der Region zu rekonstruieren. Erst der Vorschlag, das Material zusätzlich mit einer Software auf genetische Signaturen alter Krankheitserreger zu durchsuchen, führte zum Fund. In Fragmenten der Beinknochen einer erwachsenen Frau und eines erwachsenen Mannes tauchten Sequenzen des Variola-Virus auf, wie das internationale Team um Bruno Romero González vom Trinity College Dublin und der Universidad de Chile im Fachjournal Science berichtet. Die beiden Genome sind nahezu identisch, was darauf hindeutet, dass beide Menschen im selben Ausbruch oder durch denselben zirkulierenden Stamm infiziert wurden. Aus der betroffenen Gemeinschaft war bis dahin kein historischer Hinweis auf die Krankheit bekannt.
Für die Einordnung verglich die Forschungsgruppe die rekonstruierte Sequenz mit anderen historischen und modernen Pockengenomen und baute daraus einen Stammbaum. Die chilenische Variante fügt sich exakt zwischen mittelalterliche europäische Stämme und spätere Varianten ein, ihre Abspaltung von einem europäischen Zweig lässt sich auf das dreizehnte Jahrhundert datieren. Damit liefert der Fund die erste molekulare Bestätigung dafür, dass der Erreger mit der europäischen Expansion über den Atlantik gelangte und nicht bereits vorher in Amerika zirkulierte. Auffällig ist zudem, dass das Virus im Lauf seiner Anpassung an den Menschen mehrere Gene verlor oder stilllegte. Dieser Mechanismus interessiert die Forschung auch deshalb, weil verwandte Erreger wie das Mpox-Virus derzeit ähnliche Veränderungen zeigen könnten. Erst 2025 belegten Daten von mehr als 9.300 Probanden die hohe Schutzwirkung des Pockenimpfstoffs gegen Mpox.
Ungeklärt bleibt, auf welchem Weg der Erreger in eine derart abgelegene Küstenregion gelangte. Die Fundstelle liegt weit entfernt von den Zentren der frühen kolonialen Verwaltung, und schriftliche Belege für einen Ausbruch fehlen dort vollständig. Eine plausible Erklärung sind indigene Handelsnetzwerke, die bereits lange vor der Ankunft der Europäer bestanden und Küste, Hochland und Amazonasgebiet verbanden. Über solche Routen hätte sich die Krankheit schneller ausbreiten können als die Kolonialverwaltung selbst, was auch erklären würde, warum manche Gemeinschaften erfasst wurden, bevor überhaupt Europäer vor Ort waren. Die Autoren betonen zugleich, dass zwei Individuen keine Aussage über das Ausmaß eines Ausbruchs erlauben. Weitere Proben aus anderen Fundstellen könnten zeigen, wie weit die nun beschriebene Linie tatsächlich verbreitet war und wann sie verschwand. Ähnlich präzise Einblicke lieferte zuletzt eine Grabanlage mit außergewöhnlich gut erhaltenen Mumien in Sakkara.
Science, First ancient Variola virus genomes from the Americas; doi:10.1126/science.aee6957