Robert Klatt
Cannabis reduziert bei jungen Menschen die kognitive Leistungsfähigkeit in vielen Bereichen. Nun wurde entdeckt, dass bei älteren Erwachsenen und Senioren ein gegenteiliger Effekt auftritt und die Droge bei ihnen das Gehirnvolumen und die Leistungsfähigkeit in vielen Bereichen, darunter das Gedächtnis und das Lernen, verbessert.
Aurora (U.S.A.). Die Wissenschaft hat sich bei Studien zu den Auswirkungen von Cannabis auf das Gehirn bisher auf junge Menschen konzentriert und unter anderem entdeckt, dass die Droge bei ihnen die Gehirnaktivität, in einem Areal, das mit Intelligenz und Bildung verknüpft ist, reduziert. Forscher der University of Colorado Anschutz (CU Anschutz) haben nun eine Studie publiziert, die untersucht hat, wie Cannabis das Gehirn von Menschen im Alter von 40 bis 77 Jahren beeinflusst. Das Durchschnittsalter der 26.362 Probanden lag bei 55 Jahren.
„Immer mehr ältere Erwachsene konsumieren Cannabis. Es ist leichter verfügbar und wird aus anderen Gründen genutzt als bei jüngeren Menschen, etwa zur Verbesserung des Schlafs oder bei chronischen Schmerzen. Zudem werden Menschen immer älter. Wir müssen uns daher fragen: Welche langfristigen Auswirkungen hat Cannabiskonsum, wenn wir älter werden?“
Die meisten Studien zu den Effekten von Cannabis auf das Gehirn haben das Gesamtvolumen des Organs untersucht. Die neue Studie der CU Anschutz hat sich hingegen mit einzelnen Hirnregionen beschäftigt, vor allem mit jenen Arealen, die eine Dichte an Cannabinoidrezeptoren besitzen und somit besonders durch den Cannabiskonsum beeinflusst werden können. Außerdem haben sie die kognitive Leistungsfähigkeit in Bereichen untersucht, die laut früheren Studien durch den Cannabiskonsum beeinflusst werden, darunter das Lernen, das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit.
„Uns interessiert sowohl der mögliche Nutzen als auch die Risiken und wie diese Substanz im Kontext von psychischer Gesundheit, Demenz und anderen Faktoren zu verstehen ist. Es gibt noch sehr viel zu erforschen.“
Wie die Forscher erklären, ist ein größeres Gehirnvolumen nicht immer mit einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden. Besonders im höheren Alter kommt es durch die Abnahme des Gehirnvolumens, etwa durch die Neurodegeneration, einen natürlichen Alterungsprozess, aber oft zu einem deutlichen kognitiven Abbau und einem höheren Demenzrisiko.
Die analysierten Daten aus der UK Biobank zeigen, dass die Droge bei Menschen im mittleren und hohen Alter das Volumen von mehreren Hirnbereichen erhöht, besonders dann, wenn der Cannabiskonsum eher moderat ist. Die Probanden erzielten in kognitiven Bereichen, die von diesen Hirnbereichen beeinflusst werden, etwa dem Gedächtnis, zudem bessere Ergebnisse. Die Studie zeigt somit, dass in den untersuchten Regionen eine positive Beziehung zwischen der kognitiven Leistungsfähigkeit und dem Gehirnvolumen besteht.
In der Studie wurde in einem einzelnen Hirnareal ein gegenteiliger Zusammenhang entdeckt. Der posteriore cingulate Cortex ist bei Menschen, die Cannabis konsumieren, im Mittel kleiner. Es handelt sich dabei um einen Bestandteil des limbischen Systems, der an Gedächtnis, Lernen und Emotionen beteiligt ist. In früheren Studien wurden Hinweise darauf entdeckt, dass ein geringeres Volumen in diesem Bereich das Arbeitsgedächtnis verbessern könnte.
Laut den Wissenschaftlern zeigen die Ergebnisse, dass Cannabis weder ausschließlich gut noch ausschließlich schlecht ist. Die Studie zeigt jedoch deutlich, dass Cannabis nicht nur die Größe mancher Hirnareale beeinflusst, sondern auch deren Leistungsfähigkeit. Sie erklären zudem, dass die Ergebnisse nicht dazu motivieren sollen, die Droge zu konsumieren.
Quellen:
Pressemitteilung der University of Colorado Anschutz (CU Anschutz)
Studie im Fachmagazin Journal of Studies on Alcohol and Drugs, doi: 10.15288/jsad.25-00346