Dronabinol

Cannabis-Wirkstoff stoppt Albträume bei jedem dritten Patienten

 Dennis Lenz

Cannabis-Wirkstoff stoppt Albträume bei jedem dritten Patienten
(Symbolbild) Bis zu 70 Prozent aller Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden unter wiederkehrenden Albträumen, die ihren Schlaf über Jahre hinweg zerstören können. Eine placebokontrollierte Studie der Charité zeigt nun, dass der Cannabis-Wirkstoff Dronabinol diese nächtlichen Angstzustände deutlich abschwächen kann. Bei einem erheblichen Teil der Patienten verschwanden die Albträume innerhalb von zehn Wochen sogar vollständig. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein Cannabis-Wirkstoff kann wiederkehrende Albträume bei Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung deutlich abschwächen. Das zeigt eine placebokontrollierte Studie unter Leitung der Charité Universitätsmedizin Berlin mit 171 Patienten, die über zehn Wochen jeden Abend Dronabinol oder ein Scheinmedikament erhielten. Bei mehr als der Hälfte der Behandelten ging die Albtraumlast mindestens um die Hälfte zurück, ein erheblicher Teil erlebte am Ende überhaupt keine Albträume mehr. Warum ausgerechnet diese Substanz gezielt auf Trauminhalte wirkt, führt tief in die Botenstoffchemie des Gehirns.

Die posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTSD, entsteht nach schweren Erlebnissen wie Gewalt, Unfällen, Krieg oder Missbrauch. Zu ihren belastendsten Symptomen gehören Albträume, in denen Betroffene das Trauma Nacht für Nacht in lebhaften, unkontrollierbaren Schleifen erneut durchleben. Schätzungen zufolge leiden bis zu 70 Prozent aller PTSD-Patienten unter solchen wiederkehrenden Angstträumen. Die Folgen reichen weit über die Nacht hinaus, denn der zerstörte Schlaf führt zu chronischer Erschöpfung, Angst vor dem Einschlafen und einer schleichenden Verschlechterung des gesamten Krankheitsbilds. Ein Medikament, das gezielt gegen dieses Symptom zugelassen wäre, existiert bislang nicht. Ärzte greifen deshalb auf Substanzen zurück, die eigentlich für andere Zwecke entwickelt wurden und deren Wirksamkeit gegen Albträume in Studien bisher uneinheitlich oder nur schwach belegt war.

Genau hier setzt der neue Behandlungsansatz an. Menschen mit PTSD weisen messbar niedrigere Konzentrationen des körpereigenen Botenstoffs Anandamid auf, der im sogenannten Endocannabinoid-System des Gehirns unter anderem an der Verarbeitung von Furcht und belastenden Erinnerungen beteiligt ist. Das Gehirn versucht diesen Mangel auszugleichen, indem es mehr CB1-Rezeptoren bildet, ohne das Defizit damit vollständig zu beheben. Der Wirkstoff Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz THC, dockt als partieller Agonist an ebendiese Rezeptoren an und beeinflusst zugleich die REM-Schlafphasen, in denen intensive Träume entstehen. Dronabinol ist eine standardisierte, verschreibungsfähige Arzneiform von Cannabis beziehungsweise dessen Hauptwirkstoff THC und wird bereits seit Jahren bei anderen Erkrankungen eingesetzt, etwa gegen Übelkeit während einer Chemotherapie.

So lief die Dronabinol-Studie ab

Für die multizentrische Untersuchung arbeiteten neben der Charité unter anderem das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zusammen. Die Forscher nahmen 171 Erwachsene mit diagnostizierter PTSD und wiederkehrenden Albträumen in die Studie auf, das Durchschnittsalter lag bei knapp 38 Jahren. Nach dem Zufallsprinzip erhielten die Teilnehmer über zehn Wochen hinweg allabendlich vor dem Zubettgehen entweder Dronabinol in einer individuell angepassten Dosis von 2,5 bis 15 Milligramm oder ein wirkstofffreies Placebo. Weder Patienten noch Behandler wussten, wer welcher Gruppe angehörte. Als primären Endpunkt erfassten die Wissenschaftler die Veränderung von Häufigkeit und Intensität der Albträume anhand einer etablierten klinischen Skala. Die Ergebnisse erschienen am 5. August 2026 im Fachjournal Nature Medicine und gelten als bislang strengster Test eines Cannabinoids gegen dieses Symptom.

Was der Cannabis-Wirkstoff bewirkte

Die Unterschiede zwischen den Gruppen fielen deutlich aus. In der Dronabinol-Gruppe ging die Albtraumbelastung bei 57,9 Prozent der Teilnehmer um mindestens die Hälfte zurück, unter Placebo gelang das nur 29 Prozent. Noch bemerkenswerter ist ein zweiter Befund, denn bei über einem Drittel der mit dem Cannabis-Wirkstoff behandelten Patienten verschwanden die Albträume nach zehn Wochen vollständig. Fünf von sechs Teilnehmern dieser Gruppe stuften ihren Gesundheitszustand am Studienende als deutlich gebessert ein. Zugleich zeigt die Studie klare Grenzen auf. Auf den Gesamtschweregrad der PTSD und auf depressive Symptome hatte das Medikament keinen messbaren Einfluss, es wirkt also spezifisch auf das nächtliche Symptom und heilt die Grunderkrankung nicht. Die Nebenwirkungen blieben überwiegend mild, schwere unerwünschte Ereignisse, die auf den Wirkstoff zurückgingen, traten nicht auf.

Einordnung zwischen Hoffnung und offenen Fragen

Kleinere Untersuchungen hatten schon früher in diese Richtung gedeutet, darunter eine offene Studie aus dem Jahr 2009, in der 72 Prozent von 47 Patienten unter dem synthetischen Cannabinoid Nabilon weniger oder keine Albträume mehr erlebten, sowie eine Miniaturstudie mit kanadischen Soldaten von 2015. Beiden fehlte jedoch die Größe und methodische Strenge, um belastbare Aussagen zu erlauben. Die neue Untersuchung schließt diese Lücke und liefert erstmals kontrollierte Evidenz aus einem großen Patientenkollektiv. Offen bleibt, wie dauerhaft der Effekt nach dem Absetzen anhält und welche Patienten am stärksten profitieren. Da THC direkt auf Rezeptoren im Gehirn wirkt, mahnen die Autoren zudem eine sorgfältige ärztliche Begleitung an, insbesondere bei Menschen mit Psychoserisiko. Für Betroffene, deren Schlaf seit Jahren von Angstträumen zerrissen wird, eröffnet der Befund dennoch eine realistische neue Behandlungsoption, denn Dronabinol ist bereits heute verschreibungsfähig.

Nature Medicine, Dronabinol for nightmares in post-traumatic stress disorder: a randomized controlled trial; doi:10.1038/s41591-026-04546-9

Spannend & Interessant
VGWortpixel