Schlafmittel

Beliebte Schlafgummis zeigen bei Mäusen ein unerwartetes Risiko

 Dennis Lenz

Beliebte Schlafgummis zeigen bei Mäusen ein unerwartetes Risiko
(Symbolbild) Schlafgummis mit Cannabinol (CBN) werden als pflanzliche Einschlafhilfe vermarktet. In einem Versuch entwickelten Mäuse nach wiederholter Gabe Anzeichen für Gewöhnung und körperliche Abhängigkeit. Ob sich das auf Menschen übertragen lässt und ob CBN den Schlaf zuverlässig verbessert, ist bislang offen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Schlafgummis mit Cannabinol (CBN) werden häufig als sanfte, pflanzliche Einschlafhilfe angeboten. Eine Untersuchung der University of Connecticut liefert einen Grund, die Versprechen solcher Produkte genauer zu prüfen: Mäuse entwickelten nach wiederholter Gabe eine geringere Reaktion auf den Wirkstoff und zeigten nach dem Absetzen körperliche Entzugszeichen. Die Ergebnisse belegen keine Abhängigkeit bei Menschen und sagen noch nicht, ob übliche Mengen in frei verkäuflichen Produkten vergleichbare Effekte auslösen. Sie machen aber deutlich, dass die Sicherheit eines als natürlich beworbenen Schlafhelfers nicht allein aus seiner Herkunft abgeleitet werden kann.

CBN steht für Cannabinol und ist neben THC und CBD einer der Stoffe, die natürlicherweise in der Cannabispflanze vorkommen. Während THC für seine berauschende Wirkung bekannt ist und CBD meist ohne vergleichbare Rauschwirkung vermarktet wird, wird CBN häufig als beruhigender Inhaltsstoff für Gummibonbons, Tropfen oder Kapseln beworben. Die wissenschaftliche Datenlage zu wiederholter Einnahme und Langzeitfolgen ist jedoch noch begrenzt.

Das Forschungsteam um Steven Kinsey von der University of Connecticut untersuchte, wie sich wiederholte CBN-Gaben auf Tiere auswirken. Die Arbeit von Olivia Vanegas und Kollegen erschien im Fachjournal Drug and Alcohol Dependence. Die University of Connecticut beschreibt die Ergebnisse in ihrer Forschungsmitteilung als Warnsignal für ein Feld, in dem die Vermarktung der Produkte der Forschung teilweise vorausläuft.

Was bei wiederholter CBN-Gabe geschah

In den Versuchen erhielten erwachsene Mäuse Cannabinol wiederholt, teilweise zweimal täglich über mehrere Tage. Die Forscher prüften unter anderem Bewegungsreaktionen, Schmerzempfindlichkeit und Körpertemperatur. Bei mehreren Wirkungen reagierten die Tiere nach wiederholter Gabe schwächer als zu Beginn. Eine solche abnehmende Reaktion wird als Toleranz bezeichnet. Aus diesem Tierversuch lässt sich allerdings keine Dosierungsempfehlung für Menschen ableiten.

Ein weiterer Versuch untersuchte, was nach einer Unterbrechung der CBN-Wirkung geschah. Die Wissenschaftler blockierten dafür einen Cannabinoid-Rezeptor bei zuvor mit CBN behandelten Mäusen. Dabei traten körperliche Zeichen auf, darunter Zuckungen des Kopfes und zitternde Bewegungen der Pfoten. Solche Reaktionen gelten in diesem Versuchsmodell als Hinweise auf körperliche Abhängigkeit beziehungsweise Entzug. Sie sind keine direkte Messung menschlicher Entzugssymptome und dürfen nicht ohne Weiteres mit dem Erleben eines Menschen gleichgesetzt werden.

Die Forschenden testeten außerdem, wie sich CBN zu THC verhält. Mäuse, die darauf trainiert worden waren, die Wirkung von THC von einer wirkstofffreien Behandlung zu unterscheiden, reagierten auf CBN in ähnlicher Weise. Das spricht dafür, dass beide Stoffe im Tiermodell teilweise überlappende innere Wirkungen hervorrufen. Es bedeutet nicht, dass CBN genauso stark berauscht wie THC oder dass alle CBN-Produkte dieselben Effekte haben. Die Ergebnisse zeigen vielmehr, dass CBN nicht automatisch als wirkungsarm oder risikofrei gelten kann.

Warum das für Schlafgummis relevant ist

Viele frei verkäufliche Schlafprodukte setzen auf die Botschaft, ein pflanzlicher Inhaltsstoff sei besonders sanft und deshalb für die regelmäßige Anwendung geeignet. Diese Schlussfolgerung ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Ein Stoff kann natürlichen Ursprungs sein und dennoch gezielt in Rezeptorsysteme des Nervensystems eingreifen. Für eine verlässliche Bewertung sind nicht nur die Herkunft, sondern auch Dosis, Einnahmehäufigkeit, mögliche Wechselwirkungen und die Qualität klinischer Daten entscheidend.

Für CBN ist insbesondere offen, wie gut es Menschen tatsächlich beim Schlafen hilft. Die Untersuchung war kein klinischer Schlafversuch und erfasste weder Einschlafzeit noch Schlafqualität bei Menschen. Ebenso wenig beantwortet sie, ob die eingesetzten Mengen mit den Dosen in handelsüblichen Gummibonbons vergleichbar sind. Tierversuche können biologische Risiken sichtbar machen, bevor größere Studien am Menschen möglich sind; sie können die tatsächliche Häufigkeit solcher Risiken beim Menschen aber nicht beziffern.

Die Ergebnisse belegen nicht, dass jedes Produkt mit CBN gefährlich ist. Produkte unterscheiden sich in Zusammensetzung und Wirkstoffgehalt, und die Datenlage reicht nicht aus, um das Risiko für einzelne Verbraucher zu berechnen. Umgekehrt lässt sich aus dem Versuch auch keine Sicherheit ableiten. Wer CBN-Produkte regelmäßig nutzt, sollte Werbeaussagen deshalb nicht mit einem wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzen oder umfassend geprüfter Langzeitsicherheit verwechseln.

Wie CBN mit dem Endocannabinoid-System zusammenhängt

Cannabinoide beeinflussen das Endocannabinoid-System, ein Netzwerk aus körpereigenen Botenstoffen, Rezeptoren und Enzymen. Es ist unter anderem an der Regulation von Schmerz, Stimmung, Appetit, Gedächtnis und Schlaf beteiligt. THC aktiviert bestimmte Rezeptoren und kann dadurch Wahrnehmung und Verhalten verändern. Die Versuche deuten darauf hin, dass auch CBN typische Cannabinoid-Wirkungen auslösen kann, die bei wiederholter Exposition schwächer werden. Die Forschenden beobachteten zudem eine Kreuztoleranz gegenüber einem weiteren Cannabinoid-Wirkstoff. Die Anpassung muss daher nicht zwingend auf CBN allein begrenzt sein.

Ein möglicher Zusammenhang mit Schlaf ist damit noch nicht erklärt. Dass ein Wirkstoff Rezeptoren beeinflusst oder bei Tieren Verhaltensänderungen hervorruft, beweist nicht, dass er Schlafstörungen beim Menschen wirksam behandelt. Auch ein beruhigender subjektiver Eindruck ist nicht gleichbedeutend mit erholsamem Schlaf. Kontrollierte Studien müssten neben dem Einschlafen auch nächtliche Wachphasen, Schlafarchitektur, Tagesmüdigkeit und unerwünschte Wirkungen erfassen.

Was bisher über die Risiken bekannt ist

Die zentrale Einschränkung der Untersuchung ist ihr Versuchsmodell. Die Experimente wurden an Mäusen unter kontrollierten Bedingungen durchgeführt. Menschen nehmen CBN-Produkte in unterschiedlichen Formen und Mengen ein, häufig zusammen mit anderen Inhaltsstoffen. Ob sich Toleranz und Entzugszeichen bei Menschen entwickeln, wie häufig das vorkäme und welche Dosis dafür relevant wäre, muss in weiteren Untersuchungen geklärt werden. Auch die Frage, ob CBN bei längerer Anwendung die Schlafqualität verbessert oder verschlechtert, bleibt offen.

Das Thema gehört in eine breitere wissenschaftliche Diskussion über Cannabis und Schlaf. Studien liefern bislang kein einheitliches Bild, weil sich Wirkstoffe, Dosierungen, Patientengruppen und Untersuchungsdauer unterscheiden. Ein Überblick über medizinisches Cannabis bei Schlaflosigkeit zeigt, warum mögliche Vorteile und offene Fragen getrennt bewertet werden müssen. Auch Beobachtungen zu Cannabiskonsum und Schlafstörungen lassen sich nicht direkt auf CBN übertragen, verdeutlichen aber die Komplexität des Themas.

Warum weitere Studien nötig sind

Als nächster Schritt braucht es Untersuchungen, die tatsächliche Wirkstoffmengen in verbreiteten CBN-Produkten berücksichtigen und deren Wirkung beim Menschen kontrolliert prüfen. Dabei müsste erfasst werden, ob längere Einnahme zu Gewöhnung führt, welche Nebenwirkungen auftreten und ob nach dem Absetzen Beschwerden entstehen. Nutzen und Risiken müssen gemeinsam bewertet werden: Ein Schlafmittel wäre nicht allein deshalb sinnvoll, weil es müde macht, wenn der Schlaf nicht erholsamer wird oder unerwünschte Wirkungen überwiegen.

Bis solche Daten vorliegen, ist eine vorsichtige Einordnung angemessen. Die Studie zeigt nicht, dass Menschen durch Schlafgummis mit CBN zwangsläufig abhängig werden. Sie stellt aber die Vorstellung infrage, ein pflanzlicher Wirkstoff sei automatisch harmlos. Entscheidend ist, zwischen Werbung, ersten biologischen Warnsignalen und einem tatsächlich nachgewiesenen Nutzen zu unterscheiden.

University of Connecticut, Common Herbal Sleep Aid Shows Signs of Addictive Potential

S. O. Vanegas et al., Tolerance, physical dependence, and Δ9-THC-like interoceptive effects of cannabinol in mice; doi:10.1016/j.drugalcdep.2026.113341

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