Radarblick auf Vulkane

Satellit filmt acht Monate lang einen Lavastrom auf Kamtschatka

 Dennis Lenz

Satellit filmt acht Monate lang einen Lavastrom auf Kamtschatka
Der Radarsatellit NISAR hat die Ausbreitung eines Lavastroms am Vulkan Krasheninnikov auf Kamtschatka über fast acht Monate dokumentiert. Aus 17 Aufnahmen entstand ein Zeitraffer, der zeigt, wie sich die Lava schrittweise ausdehnte. Der Vulkan war zuvor seit rund 1550 ohne bestätigten Ausbruch geblieben. Das Radar kann Vulkane auch bei Dunkelheit und durch Wolken hindurch beobachten. (Foto: © NASA)

Ein Radarsatellit hat fast acht Monate lang verfolgt, wie sich ein Lavastrom am Vulkan Krasheninnikov auf der russischen Halbinsel Kamtschatka ausbreitete. Aus 17 Aufnahmen zwischen Dezember 2025 und August 2026 entstand ein Zeitraffer. Er zeigt, wie die Lava zunächst eine innere Caldera füllte, in einen größeren Krater überlief und sich dann fächerförmig nach Osten ausdehnte. Der Vulkan hatte zuvor seit rund 1550 keinen bestätigten Ausbruch gehabt.

Kamtschatka gehört zu den vulkanisch aktivsten Regionen der Erde, doch viele ihrer Feuerberge liegen weit entfernt von Straßen und Messstationen. Ausbrüche lassen sich dort vom Boden aus oft nur lückenhaft verfolgen, lange Winter, Dunkelheit und dichte Wolken erschweren zusätzlich die Beobachtung aus der Luft. Satelliten können solche Gebiete unabhängig von der Infrastruktur vor Ort erfassen. Um die Entwicklung eines Lavastroms nachzuvollziehen, reichen scharfe Einzelbilder allerdings nicht aus, nötig sind regelmäßige Aufnahmen desselben Ortes aus derselben Blickrichtung. Genau diesen Rhythmus liefert der Satellit NISAR, eine gemeinsame Mission der US-Raumfahrtbehörde NASA und der indischen Weltraumorganisation ISRO. Der Name steht für NASA-ISRO Synthetic Aperture Radar. Der Satellit kreist in 747 Kilometern Höhe und passiert auf auf- und absteigenden Bahnen alle zwölf Tage exakt dieselben Regionen. Für viele Landflächen ergibt sich daraus im Mittel etwa alle sechs Tage eine neue Aufnahme.

Die Daten vom Krasheninnikov hat der Geophysiker Matthew Pritchard von der Cornell University ausgewertet, das NISAR-Team stellte daraus eine Folge von 17 Radarbildern zusammen. Die Serie beginnt am 25. Dezember 2025 und endet am 17. August 2026, wie das Jet Propulsion Laboratory der NASA mitteilte. Sie zeigt, wie sich die Lava zunächst in einer kleineren inneren Caldera sammelte, dann in einen größeren Krater übertrat und sich anschließend vor allem nach Osten ausbreitete. Nordwestlich des Kraters ist zudem ein weiterer Lavastrom zu erkennen, der nach Einschätzung des Teams wahrscheinlich schon vor der ersten Aufnahme entstanden ist. Der Zeitraffer bildet damit nicht den gesamten Ausbruch ab, sondern einen knapp acht Monate langen Ausschnitt seiner weiteren Entwicklung. Pritchard betont, dass gerade die Beständigkeit der Messungen den Wert der Mission ausmacht.

Warum der Lavastrom im Radar hell leuchtet

NISAR arbeitet mit einem Radar mit synthetischer Apertur. Anders als eine Kamera nutzt es kein sichtbares Licht, sondern sendet Mikrowellen aus und misst, wie stark diese vom Boden zurückgestreut werden. Das Verfahren funktioniert deshalb auch nachts und durch geschlossene Wolkendecken hindurch, ein großer Vorteil in einer Region wie Kamtschatka. In der Bildserie vom Krasheninnikov entspricht ein Bildpunkt etwa einer Fläche von zehn mal zehn Metern. Frische Lava erscheint in den Aufnahmen heller als ihre Umgebung, weil ihre raue, zerklüftete Oberfläche die Radarwellen stärker zurückwirft als Schnee oder glatter Boden. Für die Zeitreihe verwendeten die Forscher Daten des L-Band-Radars, dessen lange Wellen auch Vegetation und lockeres Material durchdringen. An Bord befindet sich zusätzlich ein S-Band-Radar mit kürzerer Wellenlänge, das andere Oberflächeneigenschaften besonders gut erfasst. Die Kombination beider Radare ist eine Besonderheit von NISAR.

Ein Ausbruch nach fast 500 Jahren Ruhe

Der Ausbruch selbst begann nach Angaben des Global Volcanism Program der Smithsonian Institution am 2. August 2025 mit explosiver Aktivität und dem Ausfluss von Lava am nördlichen Gipfel des Vulkans. Krasheninnikov war zuvor seit ungefähr dem Jahr 1550 ohne bestätigten Ausbruch geblieben, das Wiedererwachen nach fast fünf Jahrhunderten kam für viele Beobachter überraschend. Nur drei Tage vor dem Ausbruch hatte ein Erdbeben der Magnitude 8,8 den Meeresboden vor Kamtschatka erschüttert, eines der stärksten Beben der vergangenen Jahrzehnte. Die zeitliche Nähe ist auffällig, einen gesicherten ursächlichen Zusammenhang belegen die Daten allerdings nicht. Dass starke Erdbeben auch in großer Entfernung messbare Folgen haben können, zeigte kürzlich ein Fall, bei dem ein Felsschacht in Nevada auf ein Beben in Mexiko reagierte. Ob das Kamtschatka-Beben den Vulkan angestoßen hat, bleibt eine offene Frage.

Vulkane im Blick, die bislang kaum jemand beobachtete

Für die Vulkanforschung eröffnet NISAR neue Möglichkeiten. Der Satellit ist darauf ausgelegt, nahezu alle Land- und Eisflächen der Erde wiederholt zu erfassen und seine Daten frei zugänglich bereitzustellen. Gerade bei abgelegenen Vulkanen, die bislang allenfalls sporadisch überwacht wurden, zeigt die Bildserie vom Krasheninnikov den Vorteil einer regelmäßigen globalen Radarüberwachung. Pritchard hebt hervor, dass die Forscher mit NISAR Vulkane auf der ganzen Welt in einer Weise sehen, wie es zuvor praktisch nicht möglich war. Neben Lavaströmen kann das Radar auch winzige Verformungen des Bodens messen, die entstehen, wenn Magma unter einem Vulkan aufsteigt und den Boden anhebt. Solche Hebungen gelten als eines der wichtigsten Warnzeichen vor einem Ausbruch. Wie wichtig eine enge Überwachung ist, zeigt derzeit auch der Ätna, der erneut Asche ausstößt und den Flugverkehr nach Sizilien bremst.

Beobachten ist noch nicht vorhersagen

So eindrucksvoll der Zeitraffer ist, er belegt zunächst eine Beobachtungsleistung und keine Vorhersage von Ausbrüchen. Die Bilder zeigen, wie sich Veränderungen eines Lavastroms über Monate mit derselben Sensortechnik und aus wiederkehrenden Blickrichtungen verfolgen lassen, wie auch die NASA in ihrer Missionsmeldung erläutert. Ob solche Daten künftig unmittelbar in Notfalleinsätze einfließen, etwa um Evakuierungen zu planen oder Flugrouten anzupassen, geht aus der Veröffentlichung nicht hervor. Dafür müssten die Aufnahmen schneller verarbeitet und mit Messungen am Boden verknüpft werden. Für die Forschung liefert die Serie dennoch wertvolle Daten: Aus der Ausbreitung eines Lavastroms lassen sich Rückschlüsse auf Förderrate, Zähigkeit der Lava und die Topografie des Geländes ziehen. Mit jeder weiteren Aufnahme wächst das Archiv, auf das Vulkanologen weltweit zugreifen können.

NASA Jet Propulsion Laboratory, US-India satellite captures time-lapse video of volcanic eruption

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