Wasser im Karstschacht

In der Wüste Nevadas reagiert ein Loch auf Erdbeben in Mexiko

 Dennis Lenz

In der Wüste Nevadas reagiert ein Loch auf Erdbeben in Mexiko
(Symbolbild) In der Wüste Nevadas führt eine etwa 20 Meter lange und fünf Meter breite Felsspalte in ein wassergefülltes Kalksteinhöhlensystem, dessen Grund bis heute nicht erreicht wurde. Das Wasser hat konstant rund 33 Grad Celsius und enthält kaum gelösten Sauerstoff. Der Schacht gehört zu einer abgetrennten Teilfläche des Death Valley Nationalparks. Fachleute nennen die dort auftretenden Schwingungen seismische Seiche. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Fünf Minuten nach einem Erdbeben der Stärke 7,6 in Mexiko begann am 19. September 2022 rund 2.400 Kilometer entfernt in der Wüste Nevadas das Wasser eines Karstschachts zu schwingen. Eine halbe Stunde später schlugen dort Wellen von gut einem Meter Höhe gegen die Felswände. Dieselben Wellen entscheiden über das Überleben einer Fischart, die nirgendwo sonst auf der Erde vorkommt. Zwei Beben im Winter 2024 und 2025 ließen ihren Bestand auf den niedrigsten je gezählten Wert absacken.

Seismische Wellen laufen nach einem starken Beben durch den gesamten Erdkörper und bringen in geschlossenen Wasserbecken stehende Schwingungen hervor, die Fachleute als Seiche bezeichnen. Bekannt ist das Phänomen von Seen und Häfen, die nach fernen Beben minutenlang wie eine Badewanne hin und her schwappen. Besonders empfindlich reagieren enge, tiefe Hohlräume, weil dort geringe Bodenbewegungen große Auslenkungen der Wasseroberfläche erzeugen. In der Wüste Nevadas existiert ein solcher Fall in nahezu idealer Form: eine schmale Felsspalte im Kalkstein, unter der ein mit warmem Grundwasser gefülltes Höhlensystem liegt. Die Spalte misst an der Oberfläche etwa 20 mal 5 Meter, der Wasserspiegel steht rund 15 Meter unter dem Rand, und Taucher haben das System bis über 130 Meter Tiefe erkundet, ohne den Grund zu erreichen.

Der Ort heißt Devils Hole und gehört als abgetrennte Teilfläche zum Death Valley Nationalpark, umgeben vom Schutzgebiet Ash Meadows im Süden Nevadas. Das Wasser hat konstant rund 33 Grad Celsius, ist reich an gelöstem Kalk und arm an Sauerstoff, weshalb dort kaum etwas lebt. Die Ausnahme ist ein blau schimmernder Kärpfling von zwei bis dreieinhalb Zentimetern Länge, der ausschließlich hier vorkommt. Sein gesamter Lebensraum besteht aus einem sonnenbeschienenen Felssims am Eingang des Schachts, das gerade einmal 3,3 mal 4,8 Meter misst und damit als kleinstes bekannte Verbreitungsgebiet eines Wirbeltiers gilt. Auf diesem Sims wachsen die Algen, von denen sich die Tiere ernähren, und dort legen sie auch ihre Eier ab.

Fünf Minuten nach dem Beben beginnt das Wasser zu schwappen

Am 19. September 2022 erschütterte ein Beben der Magnitude 7,6 die mexikanischen Bundesstaaten Colima und Michoacán, örtlich um 11:05 Uhr pazifischer Zeit. Wie der National Park Service in seiner Meldung zu dem Ereignis festhielt, setzte das Wasser rund 2.400 Kilometer entfernt bereits fünf Minuten später in Bewegung, und gegen 11:35 Uhr erreichten die Wellen etwa 1,2 Meter Höhe. Mitarbeiter waren zufällig vor Ort und filmten den Vorgang. Ähnliches war zuvor mehrfach dokumentiert worden, etwa im Januar 2018 nach einem Beben der Stärke 7,9 vor Alaska, rund 3.200 Kilometer entfernt. Die Tiere reagieren darauf mit sofortigem Ablaichen, was Biologen als normale Antwort auf eine Störung ihres Lebensraums werten.

Warum ein Karstschacht auf ferne Beben reagiert

Die Empfindlichkeit erklärt sich aus der Geometrie und aus der Verbindung zum Untergrund. Das Höhlensystem entstand über rund 500.000 Jahre, es steht im Austausch mit einem weiträumigen Grundwasserleiter, und die enge Spalte wirkt wie ein Trichter, der Bodenbewegungen in Wasserbewegung übersetzt. Für die Geowissenschaften ist der Schacht deshalb ein natürliches Messinstrument, das Rückschlüsse auf die Durchlässigkeit des Untergrunds und auf die Laufwege seismischer Energie erlaubt, vergleichbar mit anderen Fällen, in denen sich Vorgänge tief im Gestein an der Oberfläche verraten, etwa wenn sich unter dem Meeresboden Japans eine Magmakammer nachfüllt. Hinzu kommt ein zweiter wissenschaftlicher Wert: Die Kalkablagerungen an den Wänden der Höhle wuchsen über hunderttausende Jahre und dienen als Klimaarchiv, dessen Datierung lange im Widerspruch zu Bohrkernen aus der Tiefsee stand.

Wellen können eine ganze Art auslöschen

Was für die Physik ein Glücksfall ist, bedeutet für die Fische eine Bedrohung. Schwappt das Wasser über den flachen Felssims, reißt es Algen, organisches Material und abgelegte Eier mit in die Tiefe, wo sie für die Tiere verloren sind. Genau das geschah bei zwei Beben im Dezember 2024 und im Februar 2025, und weil beide in den Wintermonaten auftraten, in denen kein direktes Sonnenlicht auf den Sims fällt, konnten die Algen nicht nachwachsen. Bei der Frühjahrszählung 2025 fanden Biologen nur noch 38 Tiere, ein Jahr zuvor waren es 191 gewesen, der höchste Frühjahreswert seit 25 Jahren. Ein Tauchgang im März 2025 ergab zeitweise nur rund 20 Exemplare, den niedrigsten Wert seit Beginn der Zählungen im Jahr 1972.

Wie der seltenste Fisch der Welt gerettet wurde

Erstmals in der Geschichte des Schutzprogramms setzten die beteiligten Behörden daraufhin 19 in Menschenobhut aufgezogene Tiere aus einer Zuchtanlage in Ash Meadows in den Schacht ein und fütterten den Bestand zu, bis die Algen zurückkehrten. Nach Darstellung des US-amerikanischen Fisch- und Wildtierdienstes zur Lage im Schacht zählten die Teams im Frühjahr 2026 wieder 77 Tiere, also fast das Vierfache des Tiefstands, und mehrere hundert weitere leben in der Zuchtanlage als Rückversicherung. Geschützt ist die Art seit 1967, und ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von 1976 begrenzte die Grundwasserentnahme in der Umgebung, weil das Absinken des Wasserspiegels den Felssims trockenzufallen drohte.

Ein Ort mit Zaun, Kameras und einer offenen Rechnung

Heute ist der Zugang durch einen hohen Zaun gesichert und wird videoüberwacht, Tauchgänge sind ausschließlich für Zählungen und Forschung erlaubt. Diese Strenge hat einen Grund: 1965 stiegen drei junge Männer über die Absperrung, um in dem Schacht zu tauchen, und nur einer kehrte zurück. Für die Geowissenschaften bleibt der Ort einer der wenigen Punkte auf der Erde, an dem ein einzelner Wasserspiegel gleichzeitig Erdbeben in mehreren tausend Kilometern Entfernung anzeigt, den Zustand eines regionalen Grundwassersystems abbildet und über das Fortbestehen einer Art entscheidet. Sauerstoffarmes, warmes Wasser gilt dabei als zusätzlicher Stressfaktor, ein Muster, das sich weltweit abzeichnet, wie die Befunde dazu zeigen, dass Meeren und Seen zunehmend der Sauerstoff ausgeht.

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