Der Ätna auf Sizilien ist seit Wochen wieder aktiv und hat am 22. September erneut Asche aus dem Gipfelbereich ausgestoßen. Die Luftfahrtwarnstufe steht auf Orange, und die Messinstrumente des italienischen Vulkaninstituts registrieren ein hohes Tremorniveau. Mitte September hatte der Vulkan mit seinen Aschewolken den Flugverkehr am Flughafen Catania zeitweise lahmgelegt, Maschinen wurden nach Palermo umgeleitet. Wie die aktuelle Phase begann, warum der Berg so oft ausbricht und was die Fachleute jetzt erwarten.
Der Ätna ist mit rund 3.400 Metern Höhe der höchste aktive Vulkan Europas und zugleich einer der aktivsten der Welt. Seit 1900 war er in 122 von 127 Jahren eruptiv tätig, und die Stadt Catania, die mit ihrem Flughafen unmittelbar südlich des Berges liegt, lebt seit Jahrhunderten mit seinen Ausbrüchen. Anders als Vulkane, die Jahrzehnte ruhen und dann explosiv ausbrechen, gibt der Ätna seine Energie meist in vielen kleineren und mittleren Episoden ab: Lavafontänen aus den Gipfelkratern, Lavaströme an den Flanken und Aschewolken, die je nach Wind über Dörfer, Autobahnen und Flugrouten ziehen. Sein größter bekannter Ausbruch ereignete sich im Jahr 122 vor Christus und erreichte die Stärke 5 auf dem Vulkanexplosivitätsindex. Solche Ereignisse sind selten, doch auch die gewöhnlichen Phasen können den Alltag auf Sizilien empfindlich stören.
Die aktuelle Aktivität begann in der Nacht zum 7. August 2026. Am späten Abend des 6. August erhellte eine heftige Lavafontäne aus dem Voragine-Krater den Himmel, mit größter Intensität bis vier Uhr morgens, begleitet von einer Aschewolke, die den Flugbetrieb über Catania kurzzeitig beeinträchtigte. Am 7. August öffnete sich ein Schlot auf rund 2.750 Metern Höhe zwischen dem Valle del Leone und dem Valle del Bove, aus dem ein Lavastrom bis auf etwa 1.850 Meter hinabfloss. Nach Angaben des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie drängten in den folgenden Tagen aus zwei Schloten in 2.360 und 2.750 Metern Höhe dicke Lavaströme, dazu große Mengen Asche und Gesteinsbrocken. Der feine Staub legte sich auf Autos und Häuser in Catania, Flugzeuge konnten zeitweise nicht starten oder landen, und Tausende Urlauber saßen vorübergehend fest.
Ende August schien die Episode vorüber zu sein. Am 26. August meldete das Institut das Ende der vorherigen Phänomene, nachdem die Aktivität schon Mitte des Monats leicht zurückgegangen war. Doch die Ruhe hielt nur gut zwei Wochen. Am Morgen des 14. September hob das Institut den Alarmcode für den Flugverkehr von Orange auf Rot, weil aus dem Nordostkrater neue Ascheemissionen aufstiegen, die der starke Wind nach Süden trieb, also genau in Richtung Catania. Zunächst waren die Aschemengen zu gering, um den Flugbetrieb tatsächlich zu beeinträchtigen, der Alarm wurde vorsorglich erhöht, weil eine plötzliche Verstärkung ohne weitere Vorwarnung möglich ist. Am 16. September trat sie ein: Um 2.40 Uhr Weltzeit begann eine neue Eruptionsphase, wenig später galt erneut die höchste Warnstufe.
Der Flughafen Catania-Fontanarossa sperrte daraufhin den Luftraumsektor für ankommende Flüge, setzte die Ankünfte bis 16 Uhr Ortszeit aus und leitete zahlreiche Maschinen nach Palermo um. Je nach Windrichtung führt der Landeanflug vieler Flugzeuge in einer Schleife am Ätna vorbei, und Vulkanasche ist für Triebwerke gefährlich, weil sie in der heißen Brennkammer schmilzt und sich als Glas auf den Turbinenschaufeln ablagert. Deshalb reagieren die Behörden auf Aschewolken schnell und großzügig. Am 22. September galt wieder die Stufe Orange: Die Ascheemission bleibt auf den Gipfelbereich beschränkt. Wie der Vulkanologe Marc Szeglat, der die Aktivität seit Jahren dokumentiert, aus den Meldungen des Instituts berichtet, weist die Behörde ausdrücklich darauf hin, dass weiterhin häufige explosive Aktivität mit Aschewolken auftreten kann und eine rasche Steigerung nicht auszuschließen ist.
Die Lage des Flughafens macht Catania besonders anfällig. Fontanarossa liegt nur rund 30 Kilometer südlich des Gipfels, und bei den auf Sizilien häufigen Nord- und Nordwestwinden zieht die Asche genau über die An- und Abflugrouten. In den vergangenen Jahren musste der Flughafen deshalb regelmäßig den Betrieb einstellen: im Mai und August 2023 wegen Asche auf der Start- und Landebahn, im Juli 2024, als der Vulkan eine 6,1 Kilometer hohe Aschewolke ausstieß, und im August 2026 zu Beginn der aktuellen Phase. Für Sizilien, das im Jahr Millionen Urlauber empfängt, sind diese Unterbrechungen ein wirtschaftlicher Faktor, denn jede Sperrung bedeutet gestrandete Passagiere, Umleitungen nach Palermo oder Comiso und stundenlange Wartezeiten. Reiseveranstalter haben sich darauf eingestellt und weisen in den Sommermonaten inzwischen standardmäßig auf das Risiko hin.
Die Regeln für den Luftverkehr sind streng, weil die Gefahr real ist. Vulkanasche besteht aus winzigen Glas- und Gesteinspartikeln, die in den Triebwerken bei über 1.000 Grad schmelzen und sich als Glasschicht auf Schaufeln und Düsen ablagern. Mehrere Verkehrsflugzeuge haben in der Vergangenheit nach dem Flug durch Aschewolken alle Triebwerke verloren und konnten erst im Sinkflug wieder gestartet werden. Deshalb arbeitet das Vulkaninstitut mit einem Farbcode: Grün bedeutet Ruhe, Gelb erhöhte Unruhe, Orange eine laufende Eruption mit begrenzter Asche und Rot eine erhebliche Aschewolke, die den Luftraum betrifft. Dieses System wurde am Ätna in den vergangenen Wochen mehrfach binnen weniger Stunden umgeschaltet, ein Zeichen dafür, wie sprunghaft der Berg derzeit ist. Die Meldungen gehen direkt an die Aschewarnzentrale in Toulouse, die für den europäischen Luftraum zuständig ist und die Fluggesellschaften über die Ausbreitung der Wolken informiert.
Die automatischen Schätzungen des Instituts zeigten am 22. September ein hohes Niveau des vulkanischen Tremors, jener anhaltenden Bodenschwingung, die durch die Bewegung von Magma und Gas im Inneren des Berges entsteht, sowie hohe Amplituden im Hochfrequenzbereich. Beides gilt als Hinweis darauf, dass der Vulkan weiter unter Druck steht. Wie lange die Phase dauert, kann niemand vorhersagen, das betonen die Fachleute seit Beginn der Eruption im August. Die Behörden empfehlen Reisenden, den Status ihrer Flüge nach und von Catania vor der Abreise zu prüfen, denn bei Code Orange und aktiver Ascheemission bleiben Beeinträchtigungen jederzeit möglich. Für die Bewohner der Dörfer an den Flanken heißt das vor allem: fegen, denn die Asche rieselt wie schwarzer Sand auf Dächer, Terrassen und Straßen. In den Gemeinden am Berg gilt sie als Sondermüll, der aufwendig gesammelt und gelagert werden muss, und nach größeren Ausbrüchen türmen sich an den Straßenrändern schwarze Haufen wie nach einem Schneefall.
Bemerkenswert ist die Dynamik der vergangenen Wochen. Am 18. August erkannte der Sentinel-2-Satellit zwei aktive Lavaströme im oberen Valle del Bove auf etwa 3.100 Metern Höhe, zwei Tage später warnte das Aschewarnzentrum in Toulouse vor einer Wolke, die bis auf 4.900 Meter Höhe aufstieg und nach Südosten zog. Solche Aschewolken sind es, die den Flugverkehr im Mittelmeerraum betreffen, während die Lavaströme in den unbewohnten Hochlagen bleiben und für die Menschen keine unmittelbare Gefahr darstellen. Die aktuelle Eruption gilt nach Einschätzung des Instituts nicht als außergewöhnlich, sie liegt im Rahmen dessen, was der Ätna in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gezeigt hat. Außergewöhnlich ist eher, wie stark ein normaler Ausbruch inzwischen den Tourismus und den Luftverkehr auf einer Insel mit fünf Millionen Einwohnern trifft.
Wer die Meldungen der vergangenen Jahre nebeneinanderlegt, erkennt, dass der Ätna in einer besonders aktiven Periode steckt. Nach Angaben von Vulkanologen der Universität Catania hat der Berg in den vergangenen sechs Jahren mehr als 70 sogenannte paroxysmale Eruptionen produziert, kurze, aber heftige Phasen, in denen Lavafontänen Hunderte Meter hoch schießen und Aschewolken mehrere Kilometer aufsteigen. Solche Episoden dauern meist nur einige Stunden, hinterlassen aber Aschefall auf den Dörfern der Ostflanke und beeinträchtigen den Flugverkehr. Im September 2021 stieg eine Aschewolke bis auf 9.000 Meter, und allein 2025 folgten Ausbrüche im Februar, Juni, August und Dezember, bevor im August 2026 die aktuelle Phase begann. Seit 2013 zählt der Berg zudem zum Weltnaturerbe der UNESCO, was den Andrang von Besuchern in den Gipfelregionen zusätzlich verstärkt hat.
Die Fachleute betonen dennoch, dass der Vulkan sich völlig normal verhält. Der Ätna bricht mehrmals im Jahr aus, mitunter mehrfach im Monat, und die Instrumente zeigen bislang keine Anzeichen für ein Ereignis, das über das übliche Maß hinausgeht. Die eigentliche Gefahr geht nicht von den Lavaströmen aus, die in den unbewohnten Hochlagen bleiben, sondern von der Asche und den Lapilli, kleinen Gesteinsbröckchen zwischen zwei und 64 Millimetern, die der Wind auf die Flanken trägt. Für die Gesundheit sind sie an sich nicht gefährlich, das Einatmen großer Mengen feiner Partikel belastet aber die Atemwege, weshalb die Behörden bei starkem Aschefall zum Tragen von Masken raten. Die Weinbauern am Berg sehen die Asche zugleich als Dünger, denn die mineralreichen Böden des Ätna gehören zu den besten Lagen Siziliens.
Der Ätna verdankt seine Dauertätigkeit einer geologischen Sonderstellung. Er liegt dort, wo die afrikanische Platte unter die eurasische abtaucht, doch anders als die Vulkane der Liparischen Inseln nördlich von Sizilien wird er nicht nur von dieser Subduktion gespeist. Fachleute gehen davon aus, dass zusätzlich Magma aus dem Erdmantel durch Brüche in der Kruste aufsteigt, was den Berg beständig mit Nachschub versorgt. Das erklärt, warum der Ätna fast ununterbrochen aktiv ist und warum seine Lava vergleichsweise dünnflüssig bleibt: Sie fließt eher, als dass sie explodiert. Die Fontänen und Aschewolken entstehen, wenn Gas im aufsteigenden Magma freigesetzt wird, während die Lavaströme mit wenigen Metern pro Stunde die Flanken hinabkriechen. Gefährlich wird der Berg vor allem dann, wenn sich neue Schlote weit unten an den bewohnten Flanken öffnen, wie 1669, als ein Lavastrom Teile von Catania zerstörte und bis ans Meer floss. Die Stadt wurde danach auf der erkalteten Lava neu errichtet.
Die Überwachung ist entsprechend dicht. Das Vulkaninstitut betreibt am Ätna ein Netz aus Seismometern, Kameras, Gasmessgeräten und Satellitenauswertungen und veröffentlicht bei Bedarf mehrmals täglich Meldungen für die Luftfahrt. Der Vulkanologe Tom Pfeiffer dokumentiert die Aktivität auf VolcanoDiscovery mit Satellitenbildern und Meldungen der Aschewarnzentren. Für Reisende, die im Herbst nach Sizilien fliegen, ist der Berg damit ein kalkulierbares Risiko: Wer den Flugstatus prüft und Wanderungen in die Gipfelregion den Führern überlässt, erlebt eines der seltenen Naturschauspiele Europas aus sicherer Entfernung. Wie lange der Ätna in dieser Phase Asche und Lava liefert, entscheidet allein der Berg selbst. Dass er es tut, ist so sicher wie der nächste Herbst auf Sizilien.