Verborgene Raubkatze

Wildkatze aus Bolivien wird nach über 100 Jahren neu entdeckt

 Dennis Lenz

Wildkatze aus Bolivien wird nach über 100 Jahren neu entdeckt
(Symbolbild) Die Wildkatze aus Bolivien ist deutlich kleiner als viele Hauskatzen. Ihr geflecktes Fell ähnelt dem anderer Tigerkatzen. Erst genetische Vergleiche erlaubten die eindeutige Abgrenzung als eigene Art. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In Boliviens Bergwäldern lebt eine gefleckte Wildkatze, die kleiner als eine gewöhnliche Hauskatze ist. Genetische Untersuchungen bestätigen, dass sie zu einer eigenständigen Art gehört. Die als Leopardus tilcayo bezeichnete Katze ist die erste neu beschriebene lebende Katzenart seit mehr als einem Jahrhundert. Wie viele Tiere es gibt und wo sie überall leben, ist bislang unbekannt.

Der Ausgangspunkt der Entdeckung war kein spektakulärer Fund in einer abgelegenen Höhle, sondern eine kleine gefleckte Katze in einer Auffangstation. Das Tier war als Jungtier an einer Straße in Bolivien gefunden und zunächst für eine ungewöhnliche Hauskatze gehalten worden. Erst später wurde klar, dass es sich um eine wilde Raubkatze handelte. Die Biologin Paola Nogales-Ascarrunz untersuchte das Tier im Schutzgebiet Senda Verde in den bolivianischen Yungas.

Die neue Wildkatze aus Bolivien trägt den wissenschaftlichen Namen Leopardus tilcayo. Ihre Anerkennung beruht nicht allein auf auffälligen Fellzeichnungen, sondern auf einem Vergleich genetischer Daten mit verwandten Katzen. Die Untersuchung der neuen Art macht deutlich, dass die Artenvielfalt der kleinen südamerikanischen Raubkatzen bisher unterschätzt wurde.

Kleine Wildkatze mit auffälligen Flecken

Der dokumentierte Kater wiegt etwa 1,4 Kilogramm und ist damit deutlich leichter als viele Hauskatzen. Sein Körper ist mit dunklen Flecken und rosettenartigen Zeichnungen bedeckt. Gerade diese Zeichnung machte die Zuordnung zunächst schwierig: Mehrere südamerikanische Tigerkatzen sehen einander äußerlich ausgesprochen ähnlich. Einzelne Merkmale wie die Größe und Anordnung der Rosetten können Hinweise liefern, reichen für eine sichere Abgrenzung aber nicht immer aus.

Die Art ist aus den Yungas bekannt, einem Streifen feuchter Berg- und Nebelwälder am Osthang der Anden. Dort wechseln dichte Vegetation, steile Hänge und unterschiedliche Höhenlagen auf engem Raum. Kleine Katzen sind in solchen Lebensräumen schwer zu beobachten. Sie bewegen sich häufig verborgen und hinterlassen kaum Spuren, die sich einer bestimmten Art zuordnen lassen.

Genetische Daten lösen das Rätsel

Die Wissenschaftler verglichen genetische Informationen von mehr als 30 Katzen sowie Material aus Museumssammlungen. Dabei zeigte sich, dass das bolivianische Tier nicht einfach einer bereits bekannten Tigerkatzenart zugeordnet werden kann. Seine Entwicklungslinie trennte sich nach den Analysen vor ungefähr 1,4 Millionen Jahren von nahen Verwandten. Die genetische Unterscheidung ist der entscheidende Grund für die Anerkennung als eigenständige Art.

Bislang wurden südamerikanische Tigerkatzen lange unter wenigen Namen zusammengefasst. Inzwischen sprechen genetische Befunde für mindestens fünf unterschiedliche Arten. Das verändert auch die Frage, welche Bestände geschützt werden müssen. Werden mehrere Arten fälschlich als eine betrachtet, kann eine seltene regionale Population in der Gesamtzahl scheinbar häufiger wirken, als sie tatsächlich ist.

Warum die Entdeckung so lange dauerte

Dass eine lebende Katzenart erst jetzt wissenschaftlich beschrieben wird, bedeutet nicht, dass sie vorher niemand gesehen hat. Einheimische kannten solche Tiere bereits. Neu ist ihre formale taxonomische Abgrenzung durch die Forschung. Zwischen einer ersten Beobachtung, dem Vergleich mit Museumsexemplaren und der Anerkennung einer neuen Art können viele Jahre liegen.

Bei kleinen Raubkatzen erschweren vor allem die ähnlichen Fellmuster und lückenhafte Proben die Einordnung. Auch bei anderen seltenen Tieren können äußerlich unscheinbare Unterschiede auf eine eigenständige Entwicklungslinie hinweisen. Moderne DNA-Vergleiche ergänzen deshalb klassische Merkmale des Körperbaus und der Fellzeichnung.

Der Lebensraum ist noch kaum untersucht

Über die Lebensweise von Leopardus tilcayo ist bislang wenig bekannt. Weder die Gesamtzahl der Tiere noch ihr vollständiges Verbreitungsgebiet sind zuverlässig bestimmt. Auch Nahrung, Fortpflanzung und bevorzugte Jagdgebiete müssen genauer untersucht werden. Die bislang bestätigten Nachweise stammen aus Bolivien; daraus folgt jedoch nicht, dass die Art ausschließlich dort vorkommt.

Die Wälder der Region stehen unter Druck, unter anderem durch Rodung und Eingriffe im Zusammenhang mit dem Goldabbau. Für eine belastbare Gefährdungseinstufung sind weitere Erhebungen nötig. Kamerafallen, genetische Proben und gezielte Kartierungen könnten klären, ob die Art in zusammenhängenden Beständen oder nur in voneinander getrennten Waldgebieten lebt.

Eine neue Art verändert den Blick auf den Artenschutz

Die Entdeckung ist auch deshalb bemerkenswert, weil Katzen zu den bekanntesten Säugetiergruppen gehören. Während viele kleine wirbellose Tiere regelmäßig neu beschrieben werden, sind neue Arten lebender Wildkatzen selten. Die bolivianische Tigerkatze zeigt, dass selbst bei auffälligen Säugetieren noch erhebliche Wissenslücken bestehen.

Eine Art wissenschaftlich zu benennen, ist dabei erst der Anfang. Erst wenn Verbreitung und Populationsgröße bekannt sind, lässt sich beurteilen, welche Schutzmaßnahmen tatsächlich helfen. Die Erfassung seltener Raubkatzen verdeutlicht, wie wichtig belastbare Bestandszahlen für den Artenschutz sind. Bei Leopardus tilcayo beginnt diese Arbeit nun mit einer neuen wissenschaftlichen Grundlage.

Current Biology, Taxonomische Beschreibung von Leopardus tilcayo.

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