Blüten sollen duften. Die kleine Orchidee Bulbophyllum claviforme riecht dagegen nach verletzten Stinkwanzen. Der Grund sind winzige Fliegen, die sich sonst an der frischen Beute von Spinnen bedienen und diesem Geruch folgen. Die Orchidee kopiert dabei den häufigsten Wanzenduft, den 68 Prozent der untersuchten Arten abgeben. Die Fliegen finden nichts zu fressen und tragen nur Pollen weiter, berichten Forschende aus Hongkong in Current Biology.
Blumen und Bestäuber scheinen ein faires Geschäft zu betreiben: Nektar oder Pollen gegen Transportdienste. Doch etwa jede zwanzigste Blütenpflanze spielt falsch. Sie bietet nichts an und lockt ihre Bestäuber mit einem Trick, etwa mit dem Aussehen eines Weibchens oder dem Geruch von Aas. Eine besonders ungewöhnliche Spielart dieser Täuschung haben Forschende um Ming-Fai Liu und Stephan W. Gale vom Kadoorie Farm and Botanic Garden in Hongkong gemeinsam mit Kollegen unter anderem um den Bestäubungsökologen Steven D. Johnson bei einer Orchidee namens Bulbophyllum claviforme untersucht.
Ihre Ergebnisse sind im Fachjournal Current Biology erschienen. Die Pflanze gehört zur Gattung Bulbophyllum, die mit weit über tausend Arten zu den artenreichsten Orchideengattungen der Welt zählt. Bulbophyllum claviforme selbst wurde erst 2019 als neue Art aus dem Nordwesten Vietnams beschrieben. Sie wächst dort als kleine Aufsitzerpflanze auf Bäumen in feuchten Bergwäldern und trägt gelborange Blüten von nur zwei bis zweieinhalb Zentimetern Länge. Ihren Namen verdankt sie den keulenförmigen gelben Härchen an den Rändern der Blütenblätter. Untersucht wurde nun eine östliche Form der Art.
Der Bestäuber der Orchidee ist eine winzige Fliege der Gattung Phyllomyza aus der Familie der Milichiidae, im Paper als Phyllomyza sp. 1 geführt, weil die Art noch keinen eigenen Namen hat. Milichiiden haben eine ungewöhnliche Lebensweise. Viele von ihnen sind sogenannte Kleptoparasiten, also Nahrungsdiebe. Sie suchen gezielt Insekten, die gerade von einer Spinne, einer Raubwanze oder einem anderen Räuber gepackt wurden, setzen sich auf die Beute und saugen an deren Körperflüssigkeit mit. Vor allem die Weibchen brauchen solche eiweißreichen Mahlzeiten, um Eier bilden zu können.
Gefunden wird die Beute über den Geruch. Schon 1991 zeigte ein Team um den Chemiker Thomas Eisner in den Proceedings of the National Academy of Sciences, dass Milichiiden von Baum- und Randwanzen angelockt werden, die in einem Spinnennetz gefangen sind. Die Wanzen spritzen bei einem Angriff ihr übel riechendes Abwehrsekret, und genau dieses Sekret lockt die Fliegen an. Für die Nahrungsdiebe ist der Gestank also ein Signal: Hier wird gerade ein Insekt gefressen, hier gibt es etwas zu holen.
Bulbophyllum claviforme nutzt genau diese Vorliebe aus. Die Forschenden analysierten den Blütenduft der Orchidee und verglichen ihn mit den Gerüchen, die verschiedene Wanzen aus der Überfamilie der Pentatomoidea abgeben. Dazu gehören die Baumwanzen, die im Volksmund oft Stinkwanzen heißen, sowie Schildwanzen, Kugelwanzen und Stachelwanzen. Ergebnis: Der Blütenduft ähnelt stark den Abwehrgerüchen mehrerer dieser Wanzen, die von einem Stoff namens (E)-2-Decenal dominiert werden. Dieser Aldehyd gehört zu einer Gruppe von Verbindungen, die Wanzen als chemische Waffe gegen Fressfeinde einsetzen. Er prägt übrigens auch den typischen Geruch frischer Korianderblätter.
In Verhaltensversuchen testete das Team, welche Duftbestandteile die Fliegen tatsächlich anlocken. Als entscheidend erwiesen sich nach den Ergebnissen drei Stoffe: der Kohlenwasserstoff Undecan, das (E)-2-Decenal und die verwandte Verbindung (E)-2-Decenylacetat. Die Fliege landet auf der Blüte, sucht vergeblich nach einer verletzten Wanze und nimmt dabei die Pollenpakete der Orchidee mit. Beim nächsten Fehlbesuch an einer anderen Blüte bestäubt sie diese. Eine Belohnung bekommt sie nicht, die Bestäubung erfolgt allein durch Täuschung. Die Fachleute sprechen bei dieser Strategie von Kleptomyiophilie, frei übersetzt der Vorliebe für diebische Fliegen.
Der eigentlich überraschende Teil der Studie betrifft die Frage, welche Wanze die Orchidee nachahmt. Die Forschenden prüften drei der typischen Wanzen-Aldehyde, nämlich (E)-2-Hexenal, (E)-2-Octenal und (E)-2-Decenal. Alle drei locken die Fliegen an, alle drei sind für sie aber auch giftig. Und je giftiger der vorherrschende Stoff einer Wanze für die Fliegen war, desto weniger anziehend wirkte er auf sie. Die Orchidee hat sich demnach paradoxerweise auf Wanzen spezialisiert, die für die Fliegen eher unattraktiv sind, weil ihr Abwehrsekret giftiger ist.
Die Erklärung der Forschenden: Es zählt nicht, welches Vorbild am verlockendsten ist, sondern welches am häufigsten vorkommt. Das (E)-2-Decenal wird von sehr vielen Wanzenarten abgegeben. Unter den Pentatomoiden, die das Team untersucht hat, waren es 68 Prozent der Arten. Für eine Fliege, die im Wald nach gefressenen Wanzen sucht, ist dieser Duft also das mit Abstand häufigste Signal für eine mögliche Mahlzeit. Wer ihn kopiert, erreicht entsprechend viele Fliegen, auch wenn jede einzelne vielleicht etwas zögerlicher anfliegt als bei einem angenehmeren Geruch.
Die Forschenden sehen ihre Befunde im Einklang mit der sogenannten Magnetarten-Hypothese. Sie besagt, dass sich Täuschblumen bevorzugt solche Vorbilder aussuchen, die besonders viele potenzielle Bestäuber anziehen und so wie ein Magnet wirken. Nach dieser Idee müssen die Vorbilder vor allem häufig sein, nicht unbedingt die attraktivste Ressource. Bislang war unklar, welche Prozesse bestimmen, welches Vorbild eine nachahmende Blüte kopiert. Die Orchidee liefert nun ein Beispiel, bei dem Häufigkeit offenbar wichtiger war als Anziehungskraft.
Bulbophyllum claviforme ist nicht die erste Pflanze, die Nahrungsdiebe auf diese Weise ausnutzt. 2016 zeigte ein Team in Current Biology, dass die südafrikanische Leuchterblume Ceropegia sandersonii den Geruch von Honigbienen nachahmt, die gerade von Spinnen angegriffen werden. Sie lockt damit ebenfalls Milichiiden in ihre Kesselfallenblüten. 2025 folgte im selben Journal ein Bericht über die Schwalbenwurz-Art Vincetoxicum nakaianum, die den Geruch verletzter Ameisen imitiert und damit Halmfliegen anzieht, die sich ebenfalls von verletzten Insekten ernähren. Eine Übersichtsarbeit in den Annals of Botany zählte 2025 insgesamt 97 Pflanzenarten aus sieben Familien, die überwiegend von solchen Fliegen und von Gnitzen bestäubt werden. Eine echte Täuschung war damals aber erst bei vier Arten nachgewiesen und bei 28 weiteren vermutet. Die Orchidee aus Südostasien erweitert diese kleine Liste nun um ein Beispiel aus der größten Orchideengattung.
Die Arbeit verbindet Duftanalysen, chemische Vergleiche mit vielen Wanzenarten und Verhaltensversuche mit den Bestäubern. Die Autoren formulieren ihre Schlussfolgerungen vorsichtig. Die Versuche legen die Rolle der drei Lockstoffe nahe, und der Vorteil der häufigen Wanzen-Vorbilder ist eine plausible Erklärung, die mit der Magnetarten-Hypothese übereinstimmt, aber kein direkter Beweis für den Ablauf der Evolution. Untersucht wurde zudem nur die östliche Form der Orchidee mit einem einzigen, noch unbenannten Bestäuber. Ob andere Populationen dieselben Fliegen und dieselben Wanzen-Vorbilder nutzen, ist offen.
Dass Pflanzen mit Gestank statt mit Blütenduft arbeiten, ist an sich nicht neu. Bekannt sind vor allem Aasblumen, die nach verwesendem Fleisch riechen. Neu ist der Blick darauf, wie genau eine Täuschblume ihr Vorbild auswählt. Ähnlich überraschende Wege der Fortpflanzung zeigte bereits eine fast vollständig unterirdisch wachsende schwarze Blume aus Thailand. Orchideen gelten generell als Meister der Bestäubertäuschung, und viele von ihnen sind wie diese auf eine einzige Insektenart angewiesen.
Für den Schutz solcher Arten ist dieses Wissen wichtig. Eine Orchidee, die nur von einer bestimmten diebischen Fliege bestäubt wird, ist auch auf deren Nahrungsgrundlage angewiesen, also auf genügend Wanzen und genügend Räuber, die Wanzen fangen. Verschwindet eines dieser Glieder, kann die Fortpflanzung der Pflanze ins Stocken geraten. Wie empfindlich Orchideen auf ihren Lebensraum reagieren und wie schnell sie umgekehrt neue Flächen erobern können, zeigte etwa ein verlassener Acker, auf dem plötzlich tausende Orchideen wuchsen.
Current Biology, A kleptomyiophilous orchid exploits milichiid flies through mimicry of common pentatomoid bugs with high levels of toxicity; doi:10.1016/j.cub.2026.09.085
Proceedings of the National Academy of Sciences, Chemical attraction of kleptoparasitic flies to heteropteran insects caught by orb-weaving spiders; doi:10.1073/pnas.88.18.8194
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