Im Osten Englands hat sich ein gewöhnlicher Acker ohne menschliches Zutun in ein botanisches Kleinod verwandelt. Auf der nur zwei Hektar großen Fläche in der Grafschaft Norfolk wachsen heute Tausende wilde Orchideen, obwohl dort nie ein einziges Samenkorn ausgebracht wurde. Forscher haben die Verwandlung über elf Jahre hinweg begleitet und die Artenvielfalt der Pflanzen regelmäßig erfasst. Ihr Ergebnis stellt eine zentrale Annahme des Naturschutzes auf den Kopf.
Artenreiche Wiesen gehören zu den am stärksten geschrumpften Lebensräumen Europas. In England sind seit den 1930er Jahren Schätzungen zufolge weit über 90 Prozent der traditionellen Heuwiesen verschwunden, weil Grünland umgebrochen, gedüngt oder in intensiv genutzte Weiden umgewandelt wurde. Wer solche Flächen zurückgewinnen will, greift bislang meist tief in die Trickkiste der Renaturierung: Kommerzielle Saatmischungen werden ausgebracht, Oberboden wird abgetragen, um Nährstoffe zu entfernen, oder es wird tief gepflügt, um konkurrenzstarke Gräser zu schwächen. Diese Verfahren sind teuer, aufwendig und führen häufig zu Wiesen, die sich botanisch stark ähneln, weil überall dieselben Mischungen aus wenigen Herkünften verwendet werden. Ob es auch ohne diesen Aufwand geht, war bislang kaum über lange Zeiträume untersucht.
Genau diese Lücke schließt nun eine Langzeitstudie unter Leitung des Limnologen Carl Sayer vom University College London. Untersuchungsobjekt ist ein Feld beim Dorf Bodham im Norden der Grafschaft Norfolk, auf dem im Jahr 2005 zum letzten Mal Raps geerntet wurde. Weil sich der Boden nur schwer entwässern ließ, nahm der Eigentümer die Fläche anschließend aus der landwirtschaftlichen Nutzung. Es folgte kein Renaturierungsprogramm, keine Ansaat und kein Bodenabtrag. Die einzige Pflege bestand fortan in einer traditionellen jährlichen Heumahd, bei der das Schnittgut von der Fläche entfernt wurde. Ab 2011 begannen die Forscher, die Vegetation in festen Untersuchungsflächen alle zwei bis drei Jahre systematisch zu kartieren, zuletzt im Jahr 2022.
Die Bilanz der elf Beobachtungsjahre fällt eindeutig aus. Innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren nach der letzten Ernte entwickelte sich der frühere Acker zu einer artenreichen Wildblumenwiese, wie das Team in der Fachzeitschrift Restoration Ecology berichtet und dabei jede Etappe der Besiedlung dokumentiert. Die durchschnittliche Zahl der Pflanzenarten pro Untersuchungsfläche verdoppelte sich zwischen 2011 und 2022 von rund zehn auf fast zwanzig. Neben verbreiteten Wiesenpflanzen stellten sich zunehmend regional seltene Arten ein, darunter das Südliche Knabenkraut, der Klappertopf, die Rispen-Segge und das Echte Tausendgüldenkraut. Keine dieser Arten wurde gepflanzt oder angesät, alle erreichten die Fläche aus eigener Kraft.
Besonders eindrucksvoll verlief die Rückkehr der Orchideen. Die Forscher erfassten anfangs jeden einzelnen Standort des Knabenkrauts und des Klappertopfs mit GPS-Koordinaten, weil beide Pflanzen als verlässliche Anzeiger für eine positive Entwicklung des Grünlands gelten. Irgendwann mussten sie diese Einzelerfassung aufgeben, weil die Bestände schlicht zu zahlreich geworden waren. Heute blühen auf der Fläche Tausende Orchideen, die nach Angaben von Sayer längst auch die Bewohner des Dorfes begeistern. Wie die Samen den Weg auf den ehemaligen Acker fanden, lässt sich nicht in jedem Fall klären. Orchideensamen sind staubfein und werden über weite Strecken vom Wind getragen, andere Arten könnten über Wildtiere wie Rehe eingetragen worden sein, die Samen im Fell oder über den Verdauungstrakt transportieren.
Ganz ohne menschliches Zutun kam die Verwandlung allerdings nicht aus, und genau darin liegt eine zentrale Erkenntnis der Studie. Die jährliche Heumahd mit Abtransport des Schnittguts entzieht der Fläche kontinuierlich Nährstoffe und verhindert, dass wenige wuchskräftige Gräser oder Gehölze die Oberhand gewinnen. Dieses jahrhundertealte Bewirtschaftungsprinzip hat die traditionellen Heuwiesen Europas überhaupt erst hervorgebracht. Die Untersuchung zeigt, dass es in Kombination mit natürlicher Wiederbesiedlung ausreicht, um binnen eines guten Jahrzehnts eine vielfältige Wiese entstehen zu lassen. Die Forscher sprechen von einem Zusammenspiel aus traditioneller Pflege und der spontanen Dynamik der Natur, das teure Eingriffe in vielen Fällen überflüssig machen könnte, sofern im Umland noch Quellpopulationen der Wiesenpflanzen existieren.
Für den praktischen Naturschutz sind die Befunde brisant, denn staatlich geförderte Programme setzen bislang überwiegend auf kommerzielles Saatgut. Die Studie legt nahe, dass die natürliche Regeneration nicht nur Kosten spart, sondern auch ökologische Vorteile bietet, wie das Team in einer begleitenden Mitteilung des University College London erläutert, weil sich ausschließlich lokal angepasste Pflanzen ansiedeln. Deren genetische Vielfalt bleibt erhalten, und die entstehende Wiese spiegelt den Charakter ihrer Landschaft wider, statt einer genormten Mischung zu entstammen. Die Autoren betonen zugleich die Grenzen ihres Ansatzes: Er braucht Zeit, Geduld und eine Umgebung, aus der Arten einwandern können. Wo beides fehlt, behalten aktive Verfahren der Renaturierung ihre Berechtigung. Als kostengünstige Option für geeignete Flächen aber, so das Fazit, wird das einfache Gewährenlassen der Natur bislang deutlich unterschätzt.
Restoration Ecology, No need to seed: restoring species-rich grassland on former arable fields by natural regeneration; doi:10.1111/rec.70487