Neue Pflanzenart

In Thailand wächst eine schwarze Blume fast vollständig unter der Erde

 Dennis Lenz

In Thailand wächst eine schwarze Blume fast vollständig unter der Erde
(Symbolbild) Im Thong-Pha-Phum-Nationalpark im Westen Thailands haben Botaniker eine neue Pflanzenart beschrieben, die den wissenschaftlichen Namen Thismia daemona trägt. Die Art besitzt kein Blattgrün, betreibt keine Photosynthese und bezieht ihre Nährstoffe stattdessen von Pilzen im Boden. Sichtbar wird sie nur für kurze Zeit, wenn ihre überwiegend schwarze Blüte mit hornartigen Fortsätzen das Falllaub durchstößt. Bekannt ist sie bislang von weniger als 50 Exemplaren an einem einzigen Fundort. (Foto: © Forschung und Wissen)

Im Westen Thailands wächst eine Pflanze, die fast alles ignoriert, was Schulbücher über Pflanzen behaupten. Sie hat kein Blattgrün, betreibt keine Photosynthese und verbringt ihr Leben nahezu vollständig unter dem Waldboden. Nur zur Blütezeit schiebt sie ein tiefschwarzes Gebilde mit hornartigen Fortsätzen durch das Laub. Botaniker haben die Art nun neu beschrieben und ihr einen Namen gegeben, der auf Dämonen anspielt.

Pflanzen gelten als die Produzenten des Lebens: Sie fangen Sonnenlicht ein, wandeln Kohlendioxid und Wasser in Zucker um und stehen damit am Anfang fast jeder Nahrungskette. Einige hundert Arten weltweit haben diesen Weg jedoch verlassen. Sie werden als mykoheterotroph bezeichnet und beziehen Kohlenstoff und Nährstoffe nicht aus dem Licht, sondern aus Pilzen im Boden, die ihrerseits mit den Wurzeln von Bäumen verbunden sind. Faktisch zapfen diese Pflanzen also den Wald über einen Umweg an. Weil sie kein Blattgrün benötigen, verlieren sie im Lauf der Evolution ihre grünen Blätter und oft auch jede Ähnlichkeit mit einer gewöhnlichen Pflanze. Sichtbar sind sie meist nur wenige Tage im Jahr, wenn ihre Blüten aus dem Boden treten.

Zu dieser Gruppe gehört die Gattung Thismia, deren Vertreter wegen ihrer laternenartigen Blüten im Englischen als Feenlaternen bezeichnet werden. Sie leben unter der Laubschicht tropischer Wälder, erreichen selten mehr als wenige Zentimeter Höhe und werden häufig übersehen. Botaniker der Chulalongkorn-Universität und der Prince-of-Songkla-Universität stießen bei Erhebungen im Thong-Pha-Phum-Nationalpark im Westen Thailands auf ein Exemplar, das sich keiner bekannten Art zuordnen ließ. Der Fundort liegt auf annähernd 1.000 Metern Höhe, was für die Gattung ungewöhnlich hoch und zudem saisonal trocken ist. Sahut Chantanaorrapint von der Prince-of-Songkla-Universität bezeichnete den Fund an dieser Stelle als große Überraschung.

Warum die Art nach einem Dämon benannt wurde

Der Name Thismia daemona geht auf das Erscheinungsbild zurück, das die Fachzeitschrift PhytoKeys in der Erstbeschreibung im Detail dokumentiert. Die Blüte ist überwiegend schwarz, gekrönt von hornartigen Fortsätzen über einer kuppelförmigen Struktur, und am Ansatz zeigen sich leuchtend rotorangefarbene Zonen, die an glühende Augen erinnern. Zusammen mit der verborgenen Lebensweise unter der Laubschicht habe das Team einstimmig entschieden, dass dieser Name das Wesen der Pflanze am besten treffe, so Chantanaorrapint. Die Zuordnung stützt sich dabei nicht auf das Aussehen allein: Neben Merkmalen des Körperbaus wurden auch molekulare Daten ausgewertet, was die Abgrenzung von verwandten Arten absichert.

Ein Verbreitungsgebiet verschiebt sich nach Norden

Über die Kuriosität hinaus hat der Fund eine systematische Bedeutung. Die neue Art gehört zur Sektion Geomitra innerhalb der Gattung, die bislang ausschließlich von der Malaiischen Halbinsel, aus Borneo und aus Sumatra bekannt war. Mit dem thailändischen Nachweis verschiebt sich das bekannte Verbreitungsgebiet dieser gesamten Gruppe erstmals nach Norden, was Rückschlüsse auf ihre Ausbreitungsgeschichte erlaubt. Zugleich steigt die Zahl der in Thailand nachgewiesenen Thismia-Arten damit auf 16. Für ein Land, dessen Wälder als vergleichsweise gut untersucht gelten, ist das ein Hinweis darauf, wie viel im Untergrund tropischer Wälder noch unentdeckt sein dürfte, ähnlich wie sich eine unscheinbare Bergpflanze in China als fleischfressend entpuppte.

Bekannt von weniger als 50 Exemplaren

Die Zukunft der Art ist unsicher. Bislang ist sie ausschließlich von einem einzigen Fundort bekannt, und dort zählten die Botaniker weniger als 50 Exemplare. Arten mit derart kleinem Bestand und punktueller Verbreitung gelten als besonders anfällig, denn schon ein lokaler Eingriff, eine Änderung der Bodenfeuchte oder der Verlust der Partnerpilze kann die Population auslöschen. Erschwerend kommt hinzu, dass mykoheterotrophe Pflanzen nicht kultiviert werden können: Ohne das passende Pilzgeflecht im Boden sind sie nicht lebensfähig, weshalb Botanische Gärten sie nicht als Reserve halten können. Der Schutz muss deshalb am Standort selbst ansetzen, was im Fall eines Nationalparks immerhin die besten Voraussetzungen bietet.

Was Pflanzen ohne Licht über den Wald verraten

Für die Forschung sind solche Arten mehr als botanische Kuriositäten, denn sie funktionieren als Anzeiger für das unterirdische Netzwerk eines Waldes. Wo eine mykoheterotrophe Pflanze wächst, muss ein intaktes Pilzgeflecht vorhanden sein, das wiederum an gesunde Bäume gekoppelt ist. Ihr Verschwinden kann deshalb Probleme im Boden anzeigen, lange bevor sie an den Bäumen sichtbar werden. Dass die Grundlagen der Pflanzenernährung dabei noch längst nicht ausgeforscht sind, zeigt auch ein Zufallsfund an der LMU, der eine Grundregel der Photosynthese kippte. Die schwarze Blüte aus Thailand steht damit für eine ganze Klasse von Organismen, die im Verborgenen wirken.

PhytoKeys, Thismia daemona (Thismiaceae), a new species from Thailand supported by morphological and molecular evidence; doi:10.3897/phytokeys.278.202868

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