Rund die Hälfte aller Hunde und Katzen in Deutschland liegt über dem Idealgewicht. Übergewicht bei Hund und Katze beginnt dabei deutlich früher als viele Halter vermuten, denn als übergewichtig gilt ein Tier bereits bei zehn Prozent über seinem Idealgewicht. Neue tiermedizinische Auswertungen zeigen zudem, dass sich schon bei leicht zu schweren Tieren messbare Veränderungen im Stoffwechsel nachweisen lassen, lange bevor eine Erkrankung sichtbar wird. Entscheidend ist deshalb die Frage, welche Werte überhaupt als normal gelten.
Übergewicht bei Hund und Katze zählt in der Kleintiermedizin zu den häufigsten ernährungsbedingten Erkrankungen. Der zugrunde liegende Mechanismus ist simpel: Nimmt ein Tier über Wochen und Monate hinweg mehr Energie auf, als es verbraucht, speichert der Organismus den Überschuss als Fettgewebe. Eine einfache Umrechnung wie der Body-Mass-Index beim Menschen funktioniert bei Haustieren nicht, denn zwischen einem Chihuahua mit drei Kilogramm und einer Deutschen Dogge mit 70 Kilogramm liegen ganze Größenordnungen. Tierärzte beziehen sich deshalb immer auf das individuelle Idealgewicht eines Tieres und auf eine standardisierte Beurteilung der Körperkondition. Wie verbreitet das Problem inzwischen ist, macht der Bundesverband für Tiergesundheit deutlich, nach dessen Angaben in Deutschland rund die Hälfte aller Hunde und Katzen betroffen ist, und die Tendenz zeigt seit Jahren nach oben.
Bemerkt wird das kaum. In einer Umfrage unter deutschen Hundehaltern hielten 87 Prozent ihr Tier für normalgewichtig, nur acht Prozent stuften den eigenen Hund als zu dick ein. Diese Wahrnehmungslücke ist das eigentliche Kernproblem, denn ein Tier, dessen Gewicht niemand als auffällig empfindet, wird auch nicht behandelt. Dass mehr als die Hälfte der Hunde in Deutschland zu viel wiegt, ist der Fachwelt seit Jahren bekannt, ohne dass sich die Zahlen entscheidend verbessert hätten. Hinzu kommt ein sozialer Effekt: Ein moderat rundliches Tier gilt als gut versorgt, während ein schlankes Tier eher Nachfragen auslöst. In der Tiermedizin wird Übergewicht dagegen als eigenständige Erkrankung eingeordnet, die Schmerzen, Folgeleiden und eine messbar verkürzte Lebenszeit nach sich ziehen kann.
Wie stark die Zahlen mit dem Lebensalter steigen, zeigt eine Auswertung von Praxisdaten aus den Vereinigten Staaten. Ein Team analysierte die elektronischen Krankenakten von etwa 4,9 Millionen Hunden und 1,3 Millionen Katzen aus mehr als 900 Kleintierpraxen und stellte fest, dass der Anteil zu schwerer Tiere im Erwachsenenalter sprunghaft ansteigt, während er im frühen Wachstum noch verschwindend gering ausfällt. Unter den Welpen lag der Anteil mit zu hoher Körperkondition bei 0,9 Prozent, unter den Kätzchen bei 0,8 Prozent. Bei den ausgewachsenen Tieren waren dagegen 53 Prozent der Hunde und 61 Prozent der Katzen betroffen. Bedeutsam ist ein weiterer Befund: Tiere, die schon im Wachstum zu schwer waren, lagen später mit deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit auch als erwachsene Tiere über dem Idealgewicht.
Bei Katzen ist die Einschätzung besonders schwierig. Langes Fell verdeckt die Körperform, und die sogenannte Bauchtasche gehört zur normalen Anatomie, wird aber häufig mit Fettpolstern verwechselt. Eine dänische Untersuchung an Hauskatzen zeigte zudem, dass reine Wohnungshaltung die Wahrscheinlichkeit erhöht, bereits im ersten Lebensjahr zu schwer zu werden, und dass eine besonders enge emotionale Bindung des Halters mit einem höheren Körpergewicht einhergeht. Katzen überspielen Beschwerden ohnehin routiniert, weshalb Fachleute strukturierte Verfahren nutzen, um das Befinden systematisch abzufragen. Ein wissenschaftlich geprüfter Fragebogen mit 38 Punkten macht solche Veränderungen sichtbar, bevor sie im Alltag auffallen. Für die Gewichtsbeurteilung selbst bleibt die Kombination aus Waage und Abtasten das Mittel der Wahl.
Als Standard gilt der Body Condition Score, eine neunstufige Skala zur Beurteilung des Körperfettanteils. Der Wert 4 bis 5 beschreibt bei Hunden das Idealgewicht, bei Katzen liegt der Zielwert bei 5. Die Stufen 6 und 7 stehen für Übergewicht, die Stufen 8 und 9 für Adipositas. In Kilogramm übersetzt bedeutet das: Ein Tier gilt als übergewichtig, sobald es mehr als zehn Prozent über seinem Idealgewicht liegt, und als adipös ab 20 Prozent. Bei einem Hund mit einem Idealgewicht von 30 Kilogramm beginnt Übergewicht damit bei 33 Kilogramm und Adipositas bei 36 Kilogramm. Bei einer Katze mit vier Kilogramm Idealgewicht liegen die Grenzen bei 4,4 und 4,8 Kilogramm. Wer Übergewicht erkennen will, braucht dafür kein Labor: Die Rippen sollten bei leichtem Druck fühlbar, aber nicht sichtbar sein, von oben betrachtet ist eine Taille erkennbar, und von der Seite steigt die Bauchlinie hinter dem Brustkorb deutlich an.
Lange galt erst ausgeprägte Fettleibigkeit als medizinisch relevant. Eine 2026 veröffentlichte Übersicht in Frontiers in Veterinary Science ordnet das neu ein. Danach weisen Hunde, die mit einem Body Condition Score von 6 bis 7 lediglich übergewichtig und noch nicht adipös sind, bereits höhere Cholesterin- und Insulinwerte als schlanke Artgenossen auf, was auf eine beginnende Stoffwechselstörung hindeutet. Als früher Marker erwiesen sich die Triglyceride im nüchternen Zustand. Für Katzen schlug eine japanische Arbeitsgruppe ergänzend messbare Kriterien vor: Ab einem Body Condition Score von 7 und zwei auffälligen Laborwerten, etwa Triglyceriden ab 180 Milligramm pro Deziliter oder einer ALT-Aktivität ab 80 Einheiten pro Liter, gilt das Übergewicht als behandlungsbedürftig, bevor Organschäden entstehen.
Die Folgen sind gut dokumentiert. Übergewichtige Hunde und Katzen erkranken häufiger an Arthrose, Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Problemen, Harnsteinen und Hauterkrankungen, und ihre Lebenserwartung sinkt im Mittel um zwei bis drei Jahre. Eine Gewichtsreduktion setzt in der Praxis an der Energiezufuhr an, die auf 55 bis 70 Prozent des Bedarfs für das Idealgewicht gesenkt wird, ohne eine Unterversorgung mit Nährstoffen auszulösen. Wichtig ist der Erhalt der Muskulatur, weil ein Verlust an Magermasse den Grundumsatz zusätzlich senkt und den Rückfall begünstigt. Dass ein erreichter Erfolg aktiv gehalten werden muss, zeigt die Humanmedizin, denn Fettzellen behalten eine epigenetische Erinnerung an früheres Übergewicht, die spätere Gewichtszunahmen erleichtert. Prävention bleibt damit der weitaus wirksamere Weg.
Frontiers in Veterinary Science, Editorial: Pet obesity: health impacts and innovations in weight management; doi:10.3389/fvets.2026.1822501
Preventive Veterinary Medicine, Overweight and obese body condition in ∼4.9 million dogs and ∼1.3 million cats seen at primary practices across the USA; doi:10.1016/j.prevetmed.2024.106398