Neandertaler waren deutlich kräftiger gebaut als der moderne Mensch, mit breitem Brustkorb und massiven Knochen. Ein internationales Team um Forscher des Karolinska-Instituts und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie hat nun ein Neandertaler-Gen identifiziert, das diesen Körperbau bis in die Gegenwart weiterträgt. In Zellversuchen entfaltete die Variante eine um 40 Prozent stärkere Wirkung als die heute übliche Form. Besonders häufig ist das Erbe ausgerechnet in Weltregionen, in denen kaum jemand an Neandertaler denkt.
Neandertaler besiedelten Europa und Westasien über Hunderttausende von Jahren, bevor sie vor rund 40.000 Jahren verschwanden. Ihre Skelette zeugen von einem massiven Körperbau mit breitem Brustkorb, dicken Knochen und kräftigen Muskelansätzen. Ganz verschwunden sind sie jedoch nie, denn moderne Menschen außerhalb Afrikas tragen bis heute etwa ein bis zwei Prozent Neandertaler-DNA in ihrem Erbgut, ein Erbe der Vermischung beider Menschenformen vor etwa 47.000 Jahren. Dass ein einzelnes Neandertaler-Gen dabei bis heute den Körperbau mitbestimmen könnte, galt lange als Spekulation. Bekannt war bislang vor allem, dass archaische Genvarianten das Immunsystem, Haut und Haare, das Schmerzempfinden und sogar den Schlafrhythmus beeinflussen können. Ein direkter, messbarer Einfluss auf Muskeln und Statur heutiger Menschen fehlte in dieser Liste bisher.
Im Zentrum der neuen Untersuchung steht das Wachstumshormon, einer der wichtigsten Botenstoffe der körperlichen Entwicklung. Die Hirnanhangsdrüse schüttet es ins Blut aus, wo es an einen speziellen Rezeptor auf Muskel- und Knochenzellen bindet und diese zum Wachsen anregt. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, drohen Störungen wie Riesenwuchs oder Kleinwuchs. Ein Team um Hugo Zeberg vom Karolinska-Institut in Stockholm, dem auch Nobelpreisträger Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie angehört, durchsuchte fünf Neandertaler-Genome gezielt nach Besonderheiten in genau diesem Signalweg. Dabei stießen die Forscher auf zwei Aminosäure-Veränderungen im Rezeptor für das Wachstumshormon, die es in dieser Form nur bei Neandertalern gab, wie das Karolinska Institutet in einer Mitteilung zur Studie berichtet.
Um die Wirkung der archaischen Variante zu prüfen, statteten die Forscher Mauszellen im Labor entweder mit der Neandertaler-Version oder mit der heute üblichen Form des Rezeptors aus. Das Ergebnis fiel eindeutig aus. Unter dem Einfluss von Wachstumshormon wuchsen die Zellen mit dem Neandertaler-Rezeptor um 40 Prozent stärker als jene mit der modernen Variante. Der Großteil dieses Effekts ließ sich dabei auf eine einzige der beiden Veränderungen zurückführen. Die Genvariante macht den Rezeptor demnach empfindlicher, sodass dieselbe Hormonmenge ein deutlich stärkeres Wachstumssignal an Muskel- und Knochenzellen sendet, wie die Studie in Current Biology im Detail beschreibt. Ein solcher molekularer Verstärker passt auffallend gut zu der bulligen Erscheinung, die Fossilien für die Eiszeitmenschen dokumentieren.
Dass der Effekt nicht auf die Zellkultur beschränkt bleibt, zeigen Auswertungen großer Biobanken. Erwachsene Träger der Variante besitzen im Schnitt rund 270 Gramm mehr Muskelmasse und sind geringfügig größer als Nichtträger. Vor dem elften Lebensjahr war dagegen kein Unterschied messbar, der Effekt entfaltet sich also offenbar erst mit dem hormongesteuerten Wachstumsschub der Pubertät. Auch im Gesicht hinterlässt das Erbe Spuren, denn Träger haben tendenziell einen kürzeren hinteren Unterkieferast, häufiger einen Überbiss und kürzere Zahnwurzeln. Das Erbgut heutiger Menschen erweist sich damit erneut als Archiv der Menschheitsgeschichte, in dem Forscher zuletzt sogar zwei völlig unbekannte Menschenarten nachweisen konnten. Die Neandertaler-Variante ist dabei nach Angaben der Autoren nur einer von vielen Faktoren, die Größe und Statur eines Menschen beeinflussen.
Überraschend ist die heutige Verbreitung der Genvariante. In Europa, wo Neandertaler einst lebten, tragen sie nur etwa 0,5 Prozent der Menschen, in Afrika südlich der Sahara fehlt sie ganz. In Südasien findet sie sich dagegen bei rund 20 Prozent und in Ostasien bei etwa 15 Prozent der Bevölkerung, in einzelnen Populationen sogar bei bis zu 24 Prozent. Warum sich das Erbe gerade dort hielt, ob durch Zufall oder durch einen einstigen Überlebensvorteil, ist bislang offen. Unabhängige Fachleute mahnen zudem, den Befund nicht zu überhöhen, da niemand durch eine einzelne Variante zum Neandertaler wird. Wie viel Information selbst Jahrhunderte alte Proben preisgeben können, demonstrierte kürzlich auch Erbgut, das zwei Mumien aus Chile entnommen wurde und die Ausbreitung der Pocken nach Amerika nachzeichnete.
Current Biology, Increased signaling of the Neanderthal growth hormone receptor; doi:10.1016/j.cub.2026.07.025