Evolution

Menschliches Gehirn entstand vor 1,7 Millionen Jahren in Afrika

Robert Klatt

Das Gehirn des modernen Menschen (Homo sapiens) entstand vor etwa 1,7 Millionen Jahren in Afrika. Von dort konnten sich die neuen Populationen schnell über Eurasien ausbreiten.

Zürich (Schweiz). Die ersten Populationen der Gattung Homo entstanden vor etwa 2,5 Millionen Jahren in Afrika. Diese Frühmenschen liefen zwar bereits aufrecht wie die heutigen Menschen (Homo sapiens), hatten aber nur ein etwa halb so großes Gehirn. Ab welchem Zeitpunkt sich das noch recht menschenaffenähnliche Gehirn der Frühmenschen zum Gehirn des modernen Menschen weiterentwickelte, konnte die Wissenschaft lange nicht eindeutig klären.

Licht in Dunkel bringt nun eine Studie von Forschern des Anthropologischen Institut der Universität Zürich (UZH) laut der das Gehirn des Homo sapiens vor 1,7 Millionen Jahren in Afrika entstand, als die dortigen Steinwerkzeug-Kulturen zunehmend komplexer wurden. Danach breitete sich die Population des bereits anatomisch modernen Menschen bis nach Südostasien aus.

Gehirnentwicklung in afrikanischen Homo-Populationen

Ermittelt hat dies das internationale Team um Christoph Zollikofer und Marcia Ponce laut einer Publikation im Fachmagazin Science anhand von computertomografischen Analysen fossiler Schädel, von Homo-Fossilien, die in Afrika und Asien vor ein bis zwei Millionen Jahren lebten. Anschließend verglichen sie die Daten der Fossilien mit bereits vorliegenden Referenzdaten von Menschen und Menschenaffen.

„Gemäß unseren Analysen haben sich die modernen menschlichen Gehirnstrukturen erst vor 1,5 bis 1,7 Millionen Jahren herausgebildet – und zwar in afrikanischen Homo-Populationen“, erklärt Zollikofer.

Unterschiede im Gehirn

Die Gehirne von Menschen und Menschenaffen unterscheiden sich nicht nur in der Größe, sondern auch in der Lage einzelner Hirnregionen. „Typisch menschlich sind primär jene Regionen im Stirnbereich, die für die Planung und Ausführung von komplexen Denk- und Handlungsmustern und letztlich auch für die Sprache zuständig sind“, erklärt Ponce de León. Diese sind beim Menschen deutlich ausgeprägter, was dazu führten, dass die benachbarten Hirnregionen sich weiter hinten befinden.

Unauffällige Gehirne bei frühen Homo-Populationen

Die ersten bekannten Homo-Populationen außerhalb Afrikas lebten im heutigen Georgien. Sie hatten ebenso ursprüngliche Gehirne wie ihre Verwandten in Afrika. Dies zeigt, dass die Frühmenschen bis vor 1,7 Millionen Jahren noch keine moderne und großen Gehirne besaßen. Sie waren demnach dazu in der Lage einfache Werkzeuge anzufertigen und sich an die anderen Umweltbedingungen in Eurasien anzupassen, hatten aber bei Weitem noch nicht die Intelligenz des Homo sapiens.

Schnelle Ausbreitung von Afrika bis nach Südostasien

Zahlreiche Funde verschiedener Steinwerkzeuge aus Afrika belegen, dass in diesem Zeitraum die dortigen Kulturen zunehmend komplexer und vielfältiger wurden. Die biologische und kulturelle Evolution verlief dabei sehr wahrscheinlich wechselseitig. „In diesem Zeitraum haben sich wohl auch die frühesten Formen menschlicher Sprache entwickelt“, erklärt Ponce de León. In Java gefundene Fossilien belegen, den großes Erfolg dieser neuen Populationen, die sich kurz nach ihrer Entstehung in Afrika bis nach Südostasien ausbreiten konnten.

Computertomografische Analysen schließen Forschungslücke

„Das Problem ist, dass die Gehirne unserer fossilen Vorfahren nicht erhalten geblieben sind. Ihre einstige Struktur erschließt sich nur aus Abdrücken, die die Gehirnwindungen und -furchen auf der Innenfläche fossiler Schädel hinterlassen haben“, sagt Zollikofer. Dies sorgte dafür, dass bisherige Theorien in diesem Bereich auf einer unsicheren Datenlage beruhten. Durch die nun erfolgten computertomografische Analysen konnte diese Forschungslücke geschlossen werden.

Science, doi: 10.1126/science.aaz0032

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