Schutz vor Parasiten?

Meeresschnecke trennt kompletten Körper ab

Robert Klatt

Sacoglossa-Meeresschnecken können ihren gesamten Körper inklusive der Organe abstoßen. Aus dem verbleibenden Kopf wächst dann ein neuer Körper.

Nara (Japan). Wissenschaftlerinnen der japanischen Frauenuniversität Nara haben bei Sacoglossa-Meeresschnecken aus der Gattung Elysia zufällig eine Regenerationsfähigkeit entdeckt, die diese von Eidechsen, denen ein abgeworfener Schwanz vollständig nachwächst, weit übertrifft. Die Weichtiere sind laut der Publikation im Fachmagazin Cell Press dazu in der Lage ihren gesamten Unterkörper inklusive des Herzens und der übrigen Organe abzustoßen und anschließend aus ihrem Kopf komplett neu heranzuwachsen.

Das eigentliche Ziel der Studie war die Untersuchung der Kleptoplastie der Schnecken. Die Weichtiere fressen dazu Algen, deren photosynthetische Organellen (Chloroplasten) sie in ihren Körper integrieren. Sie können so wie Pflanzen aus Licht Energie gewinnen und lange ohne zusätzliche Nahrung auskommen.

Meeresschnecke „verliert“ im Labor ihren Kopf

Bei den Laboruntersuchungen beobachteten die Forscherinnen, dass sich bei einem der Versuchstiere der Kopf vom Körper abgetrennt hatte und sich nun allein durch den Behälter bewegte.

Sayaka Mitoh: „Wir dachten, dass dieses Stück ohne Herz und andere wichtige Organe bald sterben würde, aber zu unserer Überraschung stellten wir fest, dass der Kopf schließlich den ganzen Körper regenerierte.“

Die Wissenschaftlerinnen untersuchten anschließend dieses zuvor nicht dokumentierte Phänomen genauer. Nachweisen konnten sie die Amputation bei den Arten Elysia atroviridis und Elysia marginata.

Neuer Körper in nur einer Woche

Im Halsbereich befindet sich bei diesen Schnecken eine „Naht“, mit der sie ihren unteren Körperteil abtrennen können. Anschließend stirbt der separierte Körperteil, in dem sich zuvor das Herz, das Verdauungssystem und weitere Organe befanden. Der Kopf lebt hingegen weiter und bildet einen neuen Unterkörper mit allen Organen. Der gesamte Vorgang benötigt nur etwa eine Woche und kann während des Lebens der Meeresschnecken mehrmals stattfinden. Ab einem Alter von 480 Tagen verlieren die Weichtiere ihre Regenerationsfähigkeit jedoch.

Amputation als Maßnahme gegen Parasiten?

Als Grund für das Abtrennen des Unterkörpers vermuten die Wissenschaftler eine „medizinische Amputation“, die die Schnecken dann durchführen, wenn sie mit Parasiten infiziert sind. Eine Funktion als Ablenkung, wie bei Eidechsen, die ihren Schwanz bei Gefahr abwerfen können, schließen die Wissenschaftlerinnern hingegen aus, weil das Abschnüren relativ lange benötigt.

Weitere Studien sollen Regenerationsfähigkeit erklären

Welche Prozesse die ungewöhnliche Regenerationsfähigkeit ermöglichen, ist bisher unklar. Als wahrscheinlich sehen die Entdeckerinnen Stammzellen an, die im unteren Bereich des Kopfes liegen und von dort den übrigen Körper wieder aufbauen. Außerdem gehen sie davon aus, dass die Energieversorgung über Photosynthese eine entscheidende Rolle spielt, weil die Tiere sich somit ohne Verdauungsorgane mit genügend Energie versorgen können. Weitere Studien sollen nun die genauen Hintergründe offenbaren.

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