Frühe Werkzeuge

In Griechenland lagen 430.000 Jahre alte Holzwerkzeuge im Boden

 Dennis Lenz

In Griechenland lagen 430.000 Jahre alte Holzwerkzeuge im Boden
(Symbolbild) In der griechischen Fundstätte Marathousa 1 auf dem Peloponnes haben Forscher die bislang ältesten Holzwerkzeuge identifiziert, die Menschen nachweislich in der Hand führten. Die rund 430.000 Jahre alten Objekte aus Erlen- sowie Weiden- oder Pappelholz überdauerten in den wassergesättigten Sedimenten eines einstigen Seeufers. Der Fund verschiebt den Nachweis handgeführter Holzwerkzeuge um mindestens 40.000 Jahre weiter in die Vergangenheit und liefert zugleich den ersten Beleg dieser Art aus Südosteuropa. (Foto: © Forschung und Wissen)

Holz zählt zu den ältesten Werkstoffen der Menschheit, doch es verrottet fast immer, bevor es Jahrtausende überdauern kann. Umso außergewöhnlicher ist ein Fund aus Griechenland: In der Fundstätte Marathousa 1 auf dem Peloponnes identifizierten Forscher zwei rund 430.000 Jahre alte Holzwerkzeuge, die frühe Menschen nachweislich mit der Hand führten. Es sind die ältesten bekannten Belege dieser Art weltweit, und eines der beiden Stücke gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf.

Die Archäologie steht bei der Erforschung der Altsteinzeit vor einem grundsätzlichen Problem. Von der materiellen Kultur früher Menschen bleiben fast ausschließlich Steinwerkzeuge übrig, weil Stein Hunderttausende Jahre unbeschadet im Boden liegen kann. Organische Materialien wie Holz, Rinde oder Pflanzenfasern zerfallen dagegen in aller Regel binnen weniger Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Dabei gehen Fachleute längst davon aus, dass hölzerne Geräte im Alltag der Frühmenschen eine mindestens ebenso große Rolle spielten wie steinerne, etwa als Grabstöcke, Speere oder Schlagwerkzeuge. Nur unter ganz besonderen Bedingungen, vor allem unter dauerhaftem Luftabschluss in wassergesättigten Sedimenten, bleibt Holz über geologische Zeiträume erhalten. Jeder derartige Fund ist deshalb ein seltener Glücksfall für die Forschung.

Ein solcher Glücksfall ist Marathousa 1 im Megalopolis-Becken in der Region Arkadien im zentralen Peloponnes, der derzeit älteste bekannte archäologische Fundplatz Griechenlands. Der erst vor gut einem Jahrzehnt entdeckte Platz lag im Mittelpleistozän, der Periode von vor rund 774.000 bis 129.000 Jahren, am Ufer eines Sees. Ausgrabungen förderten dort neben zahlreichen Steinwerkzeugen auch die Überreste eines Europäischen Waldelefanten der Art Palaeoloxodon antiquus zutage, dessen Knochen Schnittspuren tragen. Frühe Menschen zerlegten das riesige Tier also direkt am Seeufer. Genau in diesen fundreichen Schichten stießen die Ausgräber über die Jahre auch auf zahlreiche Holzreste, deren Bedeutung sich erst jetzt vollständig erschlossen hat.

Zwei Holzwerkzeuge unter 144 untersuchten Holzresten

Ein internationales Team unter der gemeinsamen Leitung der Paläoanthropologin Katerina Harvati vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der Archäologin Annemieke Milks von der Universität Reading nahm insgesamt 144 hölzerne Fundstücke aus Marathousa 1 systematisch unter die Lupe. Die Anfang 2026 im Fachjournal PNAS veröffentlichte Analyse identifizierte darunter zwei Objekte, die zweifelsfrei von Menschen bearbeitet und benutzt wurden. Das erste ist das Fragment eines kleinen Erlenstamms, das Schnitz- und Hackspuren mit zugehörigen Stoppmarken trägt und dessen Abnutzungsmuster auf einen Einsatz als Grabstock hindeutet. Mit solchen Stöcken lassen sich Wurzeln, Knollen und Kleintiere aus dem Boden holen, eine für Jäger und Sammler zentrale Tätigkeit.

Ein rätselhaftes Werkzeug ohne bekannte Funktion

Das zweite Objekt bereitet den Forschern deutlich mehr Kopfzerbrechen. Es handelt sich um ein kleines, sorgfältig gearbeitetes Werkzeug aus Weiden- oder Pappelholz, das einem bislang völlig unbekannten Typ angehört und in der Fachliteratur erstmals überhaupt dokumentiert wird. Wozu die frühen Menschen dieses Stück nutzten, ist derzeit offen. Klar ist nur, dass die Hersteller ihr Material mit Bedacht wählten: Erle, Weide und Pappel wachsen an feuchten Standorten wie dem damaligen Seeufer und ließen sich mit den scharfen Steinabschlägen bearbeiten, die am Fundplatz in großer Zahl vorliegen. Gebrauchsspuranalysen an den Steinwerkzeugen von Marathousa 1 belegen tatsächlich Holzbearbeitung. Zusammen zeichnen die Funde das Bild einer Menschengruppe, die verschiedene Rohstoffe gezielt kombinierte und über beachtliches technisches Wissen verfügte.

Nachweis verschiebt sich um mindestens 40.000 Jahre

Mit einem Alter von rund 430.000 Jahren sind die beiden Stücke die ältesten bekannten Holzwerkzeuge, die Menschen in der Hand führten, wie die Universität Tübingen in einer Mitteilung zu der Studie hervorhebt, und zugleich der erste derartige Nachweis aus Südosteuropa. Der Fund verschiebt die Zeitmarke für handgeführte Holzgeräte um mindestens 40.000 Jahre nach hinten. Zwar ist aus der Fundstätte Kalambo Falls in Sambia noch älteres bearbeitetes Holz von vor etwa 476.000 Jahren bekannt, doch diente es dort nach heutiger Deutung als Strukturmaterial einer festen Konstruktion und nicht als Werkzeug in der Hand. Die griechischen Objekte dokumentieren damit eine eigene, bislang unsichtbare Facette frühmenschlicher Technologie.

Konkurrenz mit Raubtieren am zerlegten Elefanten

Die wassergesättigten Seesedimente von Marathousa 1 konservierten noch ein weiteres aufschlussreiches Detail. Ein größeres Erlenstammfragment aus denselben Schichten trägt tiefe Riefen, die das Team als versteinerte Krallenspuren eines großen Fleischfressers deutet. Zusammen mit Nagespuren an den Elefantenknochen ergibt sich daraus ein lebendiges Szenario: Am Kadaver des Waldelefanten trafen die frühen Menschen offenbar auf gefährliche tierische Konkurrenten, mit denen sie um das Fleisch wetteiferten. Dass sich menschliche Schnittspuren und tierische Fraßspuren am selben Ort überlagern, deutet nach Einschätzung von Harvati auf eine harte Rivalität zwischen beiden hin. Für die Archäologie der Altsteinzeit ist Marathousa 1 damit ein doppelter Ausnahmefund, der Technologie und Lebensumstände einer Epoche greifbar macht, aus der sonst fast nur Stein spricht.

PNAS, Evidence for the earliest hominin use of wooden handheld tools found at Marathousa 1 (Greece); doi:10.1073/pnas.2515479123

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