In den Travertinablagerungen von Burgtonna nördlich von Gotha lagen die Knochen einer Großkatze, die jahrzehntelang niemand genauer untersucht hatte. Nach einer neuen Auswertung stammen sie von einer bislang unbekannten Unterart: Der Leopard lebte während der letzten Warmzeit vor der jüngsten Eiszeit in Mitteleuropa. Das Tier war deutlich kräftiger gebaut als heutige Leoparden und näherte sich in seiner Statur einem Jaguar an. Sein Körperbau wirft eine Frage auf, die nur das Erbgut beantworten kann.
Burgtonna ist in der Paläontologie ein klangvoller Name. Die Travertinablagerungen nördlich der thüringischen Kreisstadt Gotha, entstanden aus kalkreichem Quellwasser, wurden über Jahrhunderte als Baustein abgebaut und gaben dabei immer wieder Knochen großer Tiere frei. Bereits im Jahr 1696 deutete der Gelehrte Wilhelm Ernst Tentzel dort gefundene Elefantenreste erstmals wissenschaftlich, was als Beginn der Erforschung eiszeitlicher Säugetiere in Europa gilt. Nun kommt ein weiterer bemerkenswerter Bewohner hinzu, ein Leopard aus der Eem-Warmzeit. Diese Warmphase vor der letzten Kaltzeit reichte etwa von 130.000 bis 115.000 Jahre vor heute, das Klima in Mitteleuropa war damals mild, und Wälder bedeckten weite Teile des Landes. Aus Burgtonna waren bislang unter anderem Löwen und Wildkatzen als Katzenarten bekannt. Leoparden aus dieser Zeit sind dagegen selten, denn ihre Überreste bestehen meist nur aus einzelnen Zähnen oder Knochenbruchstücken, die sich schwer eindeutig zuordnen lassen.
Heute leben Leoparden vor allem in Afrika und Asien, im Pleistozän waren sie jedoch auch in Europa verbreitet. Wie viele unterschiedliche Formen es damals gab und wie sie miteinander verwandt waren, ist in der Forschung seit Langem umstritten. Der Zoologe und Paläontologe Helmut Hemmer, emeritierter Professor der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, und der Senckenberg-Forscher Ralf-Dietrich Kahlke, langjähriger Leiter der Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar, haben die Fossilien aus Burgtonna deshalb neu vermessen und mit anderen europäischen Funden verglichen. Ihre Ergebnisse haben sie in der Fachzeitschrift Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments veröffentlicht und die neue Unterart Panthera pardus burgtonnae benannt. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung stellte die Arbeit am 21. September 2026 öffentlich vor, gut zwei Monate nachdem die Fachpublikation online erschienen war.
Die untersuchten Fossilien stammen von dem Sammler Andreas Lindner aus Mühlhausen, der während der 1990er Jahre in der südlichen Grube von Burgtonna zahlreiche paläontologische Funde barg. Die Knochen der Großkatze lagen mehrere Meter tief im Travertin und lassen sich eindeutig dem Eem zuordnen. Ausgewertet wurden ein rechter Unterkieferast mit Zähnen, ein Backenzahn aus dem Oberkiefer sowie mehrere Knochen der Gliedmaßen, die nach Einschätzung der Autoren wahrscheinlich von einem einzigen Tier stammen. Entscheidend für die Einordnung ist das Gebiss, wie die Pressemitteilung von Senckenberg erläutert. Der erste untere Backenzahn ist vergleichsweise schmal und niedrig, während der Zahn davor eine ungewöhnlich breite Vorderseite besitzt. Diese Kombination unterscheidet den Burgtonna-Leoparden von anderen europäischen Funden. Da Zähne besonders widerstandsfähig sind und ihre Form bei Großkatzen stark von der Abstammung abhängt, eignen sie sich gut, um Unterarten voneinander abzugrenzen.
Anhand eines Oberarmknochens berechneten die Autoren für das Tier ein Gewicht von etwa 35 bis 40 Kilogramm. Der Körperbau spricht nach Hemmers Einschätzung für ein ausgesprochen kräftiges Weibchen. Auffällig ist dabei weniger die absolute Größe als die Statur: Beide europäischen Leopardenformen des späten Pleistozäns waren deutlich massiger gebaut als ihre heutigen Verwandten und kamen in ihrer Körpermasse Jaguaren nahe. Um solche Unterschiede vergleichbar zu machen, führen Hemmer und Kahlke in ihrer Studie einen neuen Körpermassenindex ein. Er setzt die Körpermasse ins Verhältnis zur Kopf-Rumpf-Länge und funktioniert damit ähnlich wie der aus der Humanmedizin bekannte Body-Mass-Index. So lässt sich unabhängig von der Länge eines Tieres ausdrücken, wie gedrungen oder schlank es gebaut war. Einschränkend gilt, dass Gewicht und Körperlänge fossiler Tiere aus einzelnen Knochen geschätzt werden müssen, weshalb solche Werte mit Unsicherheiten behaftet sind und durch weitere Funde überprüft werden sollten.
Panthera pardus burgtonnae gehört zu einer Gruppe, die bereits aus älteren pleistozänen Fundstellen bekannt war, etwa aus den Lössablagerungen über den hessischen Mosbach-Sanden und aus Weimar-Taubach in Thüringen. Ihre Merkmale unterscheiden sich deutlich von denen der Form Panthera pardus antiqua, die vor allem während der späteren Weichsel-Kaltzeit in weiten Teilen Europas verbreitet und damals wesentlich häufiger war. Der Burgtonna-Leopard war während der Eem-Warmzeit offenbar weit verbreitet, sein Nachweis reicht mindestens von Mitteleuropa bis zur Apenninenhalbinsel. In der folgenden Kaltzeit prägten dann kälteangepasste Tiere die Landschaft, deren Verschwinden die Forschung bis heute beschäftigt, wie eine seltene Gewebeprobe zum Ende der Wollnashörner zeigt. Die Befunde aus Burgtonna belegen, dass sich in Europa bereits im späten Mittelpleistozän unterschiedliche Entwicklungslinien von Leoparden herausgebildet hatten, die je nach Klimaphase unterschiedliche Regionen besiedelten.
Die außergewöhnliche Robustheit der fossilen europäischen Leoparden führt die Autoren zu einer weiterführenden Frage. Im Mittelpleistozän lebten in Europa auch Jaguare der Form Panthera onca gombaszoegensis, und erst kürzlich wurden zudem europäische Schneeleoparden nachgewiesen. Ein Austausch von Erbgut zwischen diesen Großkatzen und den damaligen Leoparden halten Hemmer und Kahlke für durchaus denkbar, er würde den jaguarähnlichen Körperbau erklären können. Belegen lässt sich eine solche Vermischung allerdings nicht über Knochenmaße, sondern nur mit molekulargenetischen Methoden. Dafür wären nach Einschätzung der Autoren vor allem Analysen vollständiger Genome nötig. Ob sich aus Fossilien dieses Alters und aus diesen Ablagerungen verwertbares Erbgut gewinnen lässt, ist offen. Die Hypothese bleibt deshalb vorerst eine Spur, die künftige Untersuchungen verfolgen können, zumal Kreuzungen zwischen nah verwandten Großkatzen grundsätzlich möglich sind und die Gattung Panthera eine verwickelte Stammesgeschichte besitzt.
Bemerkenswert ist, dass die entscheidenden Fossilien bereits vor rund drei Jahrzehnten geborgen wurden und erst jetzt eine ausführliche wissenschaftliche Beschreibung erhielten. Kahlke sieht darin einen Beleg für das Potenzial paläontologischer Fundstellen und Sammlungen, die komplexe Geschichte der eiszeitlichen Tierwelt zu entschlüsseln. Ähnliche Überraschungen kommen immer wieder vor, etwa als sich ein Museumsstück nach 190 Jahren als unbekannte Tierart entpuppte. Für den Leoparden aus Thüringen gilt allerdings eine wichtige Einschränkung: Die Beschreibung stützt sich auf die Überreste eines einzelnen Tieres, und die Abgrenzung von Unterarten anhand weniger Zähne ist in der Paläontologie nicht immer unumstritten. Weitere Funde aus Burgtonna und anderen Fundstellen der Eem-Warmzeit könnten zeigen, wie einheitlich diese Leoparden gebaut waren und wie weit ihr Verbreitungsgebiet tatsächlich reichte.
Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments, Panthera pardus burgtonnae ssp. nov. (Mammalia, Carnivora, Felidae) from the Eemian of Burgtonna (Thuringia, Germany): Late Pleistocene European leopards in a new perspective; doi:10.1007/s12549-026-00702-8