Verschollener Plumplori

Giftiger Primat taucht nach fast 100 Jahren in Gärten auf Bangka auf

 Dennis Lenz

Giftiger Primat taucht nach fast 100 Jahren in Gärten auf Bangka auf
(Symbolbild) Der Bangka-Plumplori galt fast 100 Jahre lang als verschollen. Auf der indonesischen Insel Bangka wurden zwischen 2015 und 2025 mehr als 90 der giftigen Primaten gerettet, viele davon aus Gärten, Häusern und von Straßen. Ein Tier wurde beim Fressen von Guaven in einem Garten entdeckt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Fast ein Jahrhundert lang fehlte von einem der seltensten Primaten der Welt jede wissenschaftliche Spur. Jetzt zeigt eine Studie, dass der Bangka-Plumplori auf der indonesischen Insel Bangka überlebt hat, und zwar mitten unter den Menschen. Eine Auffangstation hat zwischen 2015 und 2025 mehr als 90 der giftigen Tiere aus Gärten, Häusern, von Straßen und unter Stromleitungen gerettet und 86 von ihnen wieder freigelassen. Die Weltnaturschutzunion führt die Art bislang als möglicherweise ausgestorben.

Der Bangka-Plumplori, wissenschaftlich Nycticebus bancanus, wurde bereits 1906 beschrieben. Als eigene Art anerkannt wurde er aber erst 2013, zuvor galt er als Unterart anderer Plumploris. Die letzten wissenschaftlich dokumentierten Nachweise auf Bangka stammen nach heutigem Kenntnisstand aus den Jahren 1930 bis 1932. Danach verschwand das kleine nachtaktive Tier aus der Fachliteratur. Die Rote Liste der Weltnaturschutzunion IUCN stuft es deshalb als vom Aussterben bedroht mit dem Zusatz „möglicherweise ausgestorben“ ein und nennt 1937 als Jahr der letzten Sichtung. Die Naturschutzorganisation Re:wild setzte den Primaten auf ihre Liste der meistgesuchten verschollenen Arten.

Nun hat ein Team um Timon Glaw vom Haus des Meeres in Wien gemeinsam mit Langka Sani, Endi Riadi und Andre Septian vom Alobi Wildlife Rescue Center auf Bangka sowie Jochen Menner von der Zuchtstation Taman Safari Prigen auf Java die Daten der Auffangstation ausgewertet. Die Forscher haben ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Spixiana veröffentlicht. Ihr Fazit: Der Bangka-Plumplori lebt noch, und er kommt wahrscheinlich in weiten Teilen der Insel vor.

Verschollen nur in der Fachliteratur

Das Besondere an dieser Wiederentdeckung ist, dass das Tier für die Menschen auf Bangka nie verschwunden war. Anwohner und Behörden meldeten die Tiere seit Jahren per Telefon, WhatsApp oder über soziale Medien an die Auffangstation Alobi in der Nähe der Inselhauptstadt Pangkal Pinang. Die Helfer holten die Plumploris ab, versorgten Verletzungen und brachten genesene Tiere zurück in den Wald. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen tauchten diese Begegnungen aber nie auf. Ähnlich wie bei anderen totgeglaubten Tierarten war das Problem weniger das Tier selbst als die fehlende Dokumentation.

Ins Rollen kam die Studie durch ein Gespräch auf Java. Bei einem Besuch der Zuchtstation Taman Safari Prigen erfuhr Glaw von Menner, dass der Bangka-Plumplori als möglicherweise ausgestorben geführt wird. Menner stellte den Kontakt zu Alobi her, und dort lagen genau die Aufzeichnungen, die der Wissenschaft fehlten. Die Datenblätter der Station wurden aus dem Indonesischen übersetzt, die Fundorte mit Google Earth verortet und gemeinsam mit den Helfern vor Ort überprüft. Die Forscher fotografierten zudem lebende Tiere sowie das Skelett und den Schädel eines verstorbenen Plumploris. Im Oberkiefer sitzen nur zwei Schneidezähne, ein Merkmal, das der Bangka-Plumplori mit seinen Verwandten auf Borneo teilt und das ihn von anderen Plumplori-Arten unterscheidet.

Tiere in Gärten, auf Dächern und an Stromleitungen

Für 43 Tiere, die seit 2021 gerettet wurden, liegen genaue Angaben zu den Fundumständen vor. 16 von ihnen waren in Häuser oder Gärten geraten. Sieben trugen Verbrennungen, die zu einem Stromschlag passen; die meisten von ihnen waren offenbar an Stromleitungen geraten. Sechs Plumploris wurden von Straßen geholt, fünf stammten aus dem örtlichen Wildtierhandel oder aus privater Haltung, drei wurden auf Plantagen gefunden. Ein Tier hatte sich in einem Gartenzaun verfangen, ein weiteres war von einem Hund angegriffen worden. Mindestens drei Tiere starben an ihren Verletzungen.

Die einzelnen Einträge im Anhang der Studie lesen sich wie Polizeiprotokolle. Ein Plumplori wurde im Oktober 2024 in einem Garten im Ort Namang beim Fressen von Guaven entdeckt. Ein anderes Tier fand sich auf der Ladefläche eines Pick-ups, der gerade von einer Bananenplantage zurückgekehrt war. Feuerwehrleute holten einen Plumplori aus einem Wohnhaus, ein weiterer saß auf einem Hausdach. Mehrere Tiere hatten Menschen tage-, wochen- oder sogar monatelang als Haustier gehalten, bevor sie gemeldet wurden. Die Forscher schließen deshalb nicht aus, dass mehr als die fünf ausdrücklich so erfassten Tiere ursprünglich aus privater Haltung stammten.

Gerettet wurden die Primaten in allen vier Landkreisen der Insel und in der Stadt Pangkal Pinang. Die meisten Fundorte liegen allerdings an der Nordostküste rund um die Hauptstadt, wo Alobi selbst arbeitet. Die Tiere kamen nach ihrer Genesung an sieben ausgewählten Orten wieder in die Freiheit, vor allem in den größeren Waldresten der Insel, die zumindest teilweise geschützt sind. Allein im Waldpark Bukit Mangkol wurden 37 Plumploris freigelassen, im Naturpark Permisan 22 und am Berg Menumbing 15.

Der einzige giftige Primat der Welt

Plumploris gehören zu den ungewöhnlichsten Primaten überhaupt. Die acht bekannten Arten der Gattung Nycticebus leben in Süd- und Südostasien und sind die einzigen Primaten mit einem giftigen Biss. An der Innenseite ihrer Oberarme sitzt eine Drüse, deren Sekret die Tiere ablecken und mit ihrem Speichel vermischen. Ein Biss kann schmerzhaft sein und starke Schwellungen auslösen. Dazu kommen riesige, runde Augen für das Sehen in der Dunkelheit, ein Kamm aus besonderen Zähnen im Unterkiefer für die Fellpflege und eine extrem langsame, lautlose Fortbewegung, mit der sie nachts im Geäst kaum auffallen.

Der Bangka-Plumplori ist ein kleiner Vertreter mit rötlichem Rücken und heller Gesichtsmaske. Gerade sein niedliches Aussehen wird den Tieren zum Verhängnis. In Asien sind Plumploris begehrte Haustiere, obwohl sie nach indonesischem und internationalem Recht geschützt sind. Um den Giftbiss zu verhindern, werden gehandelten Tieren häufig die Zähne gekürzt oder gezogen, was oft zu schweren Entzündungen führt. Alle acht Plumplori-Arten gelten als gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Laut den Mitarbeitern von Alobi spielt der kommerzielle Handel mit dem Bangka-Plumplori auf der Insel allerdings eine geringere Rolle als in anderen Teilen Indonesiens.

Zinnminen und Palmöl verdrängen den Wald

Die Insel Bangka liegt vor der Südostküste Sumatras, ist rund 12.000 Quadratkilometer groß und hat mehr als eine Million Einwohner. Seit über 300 Jahren wird dort Zinn abgebaut, oft illegal und mit massiven Schäden für die Landschaft. Luftbilder zeigen heute ein Mosaik aus Waldresten, Palmölplantagen unterschiedlichen Alters, gefluteten Zinngruben und Siedlungen. Im Jahr 1932 war die Insel dagegen noch weitgehend von Wald bedeckt.

„Dass wir den Bangka-Plumplori zurück auf die Bildfläche gebracht haben, ist aber nur der erste Schritt“, sagt Glaw. Man wisse nun, dass die Art in verschiedenen Regionen Bangkas überlebt habe. Jetzt müsse verhindert werden, dass sie tatsächlich ausstirbt. Langka Sani von Alobi beschreibt, wie Wälder durch Zinnabbau, Palmölplantagen und neue Siedlungen verschwinden. Dadurch begegneten sich Menschen und Wildtiere immer häufiger, und die Konflikte nähmen zu.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigte ein Besuch der Forscher im Juli 2023 im Waldgebiet Bukit Mangkol, einem der Freilassungsorte. Dort beobachteten sie einen Waldbrand, den zwei Unbekannte absichtlich gelegt hatten, und kleine Zinnabbaustellen von Anwohnern. Bei ihrer mehrstündigen Suche bis nach Einbruch der Dunkelheit sahen sie keinen einzigen Plumplori. Eine systematische Bestandsaufnahme war das allerdings nicht.

Was die Daten nicht zeigen

Die Studie hat klare Grenzen, die die Autoren selbst benennen. Alle Nachweise stammen aus zufälligen Rettungsmeldungen. Tiere in der Nähe von Siedlungen, Straßen und Stromleitungen werden deshalb viel eher entdeckt als Tiere in abgelegenen Waldresten. Wie viele Bangka-Plumploris es noch gibt und wie stark ihre Bestände zersplittert sind, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Der Fundort eines Tieres ist zudem nicht immer der Ort, an dem es ursprünglich lebte, vor allem wenn es vorher in Gefangenschaft gehalten wurde. Die Artbestimmung beruhte auf der Fellfärbung und den Fundumständen, genetische Analysen von Tieren aus Bangka fehlen bislang.

Ebenso unklar ist, wie viele der freigelassenen Tiere überleben. Daten dazu wurden bislang nicht erhoben. Bei anderen Plumplori-Arten ist die Überlebensrate nach einer Auswilderung eher niedrig, häufige Todesursachen sind Revierkämpfe mit Artgenossen, Raubtiere und Infektionen. Hinweise auf einen Rückgang gibt es ebenfalls: Ein indonesischer Forscher berichtete in einem Meinungsbeitrag von einem Rückgang der Dichte von rund 32 auf 7,5 Tiere pro Quadratkilometer zwischen 2017 und 2024. Die zugrunde liegenden Erhebungen sind allerdings nicht veröffentlicht.

Die Autoren fordern daher ein Schutzprogramm auf der Insel selbst, das geeignete Lebensräume sichert und Freilassungen nach den Richtlinien der IUCN begleitet und überwacht. Zusätzlich schlagen sie ein Zuchtprogramm vor, etwa bei Alobi oder in Taman Safari Prigen, um mehr über Biologie und Verhalten der Art zu erfahren. Als Nächstes sollen Bestandserhebungen, genetische Untersuchungen und die Beobachtung freigelassener Tiere folgen. Die Wiederentdeckung zeigt zugleich, wie viel Wissen bei Menschen vor Ort liegt: Eine Art kann aus der Wissenschaft verschwinden, ohne aus dem Alltag der Menschen zu verschwinden, die ihren Lebensraum teilen.

Spixiana, Neglected but still alive: Further evidence for the continued existence of the Bangka Slow Loris (Nycticebus bancanus) on Bangka Island, Indonesia; Spixiana 49(1): 119–128

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