Virus in der Arktis

Eisbären in Grönland tragen erstmals Antikörper gegen Vogelgrippe

 Dennis Lenz

Eisbären in Grönland tragen erstmals Antikörper gegen Vogelgrippe
(Symbolbild) Eisbären in Ostgrönland sind mit der Vogelgrippe in Kontakt gekommen. In Blutproben von Tieren aus der traditionellen Inuit-Jagd am Scoresbysund fanden Forscher bis 2023 keine Antikörper gegen Influenza-A-Viren, 2025 dagegen bei 6 von 14 Bären. Vier von ihnen trugen Antikörper gegen die hochpathogene H5-Linie 2.3.4.4b. Die Bären wirkten gesund und hatten die Infektion wohl überstanden. Als Quelle gelten Zugvögel, deren Kolonien die Eisbären zunehmend aufsuchen, weil das Meereis schwindet. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im Blut von Eisbären aus Ostgrönland sind erstmals Antikörper gegen Vogelgrippe aufgetaucht. In Proben aus den Jahren 2016 bis 2023 fand ein internationales Forscherteam keine Spuren von Influenza-A-Viren, 2024 dagegen bei 3 von 14 Tieren und 2025 bereits bei 6 von 14. Vier Bären aus dem Jahr 2025 trugen Antikörper gegen die hochpathogene Vogelgrippe H5 der Klade 2.3.4.4b, die sich seit einigen Jahren weltweit ausbreitet. Die Tiere wirkten gesund und hatten die Infektion offenbar überstanden. Als wahrscheinliche Quelle sehen die Forscher Zugvögel, die im Sommer in großen Kolonien in der Arktis brüten.

Eisbären gelten als Spezialisten des Meereises, auf dem sie Robben jagen. Mit dem Klimawandel verbringen viele von ihnen jedoch mehr Zeit an Land und erschließen dort neue Nahrungsquellen, darunter Vogelkolonien mit Eiern, Küken und toten Vögeln. Genau dort könnten sie auf ein Virus treffen, das in der Arktis zunehmend Fuß fasst. Ein Team um die Wildtierforscherin Kayla Buhler von der Universität Innlandet in Norwegen, die zugleich als Postdoktorandin am Cornell K. Lisa Yang Center for Wildlife Health der Cornell University in den USA forscht, hat nun gezielt nach Spuren der Vogelgrippe bei Eisbären in Grönland gesucht. Beteiligt waren außerdem Wissenschaftler der Universität Aarhus in Dänemark sowie der University of Saskatchewan und des National Microbiology Laboratory in Kanada. Die Ergebnisse erscheinen als Forschungsbrief in der Fachzeitschrift Emerging Infectious Diseases.

Die Blutproben stammen aus der traditionellen Jagd. Inuit-Jäger rund um den Scoresbysund nahe dem Ort Ittoqqortoormiit erlegen dort im Rahmen staatlich festgelegter Quoten jedes Jahr eine begrenzte Zahl von Eisbären. Die Jagd ist für die indigene Bevölkerung ein kulturelles Recht. Forscher der Universität Aarhus arbeiten seit Jahren mit den Jägern zusammen und erhalten von ihnen Herzblut der erlegten Tiere, die zum Zeitpunkt der Jagd gesund erschienen. Die Jagdsaison reicht von Januar bis Mai, die Proben stammen also stets aus dem Winter und Frühjahr.

Zehn Jahre ohne Befund, dann ein rascher Anstieg

Insgesamt untersuchte das Team 109 Plasmaproben aus den Jahren 2016 bis 2025. Im ersten Schritt testeten die Forscher alle Proben mit einem sogenannten kompetitiven ELISA, einem Antikörpertest, der auf das Nukleoprotein im Inneren von Influenza-A-Viren zielt. Weil dieses Protein bei allen Influenza-A-Viren sehr ähnlich ist, erfasst der Test die gesamte Virusgruppe, nicht nur die Vogelgrippe. Bis einschließlich 2023 schlug er bei keinem einzigen Eisbären an. Im Jahr 2024 waren dann 3 von 14 Tieren positiv, alle männlich, das entspricht 21 Prozent. Im Jahr 2025 stieg der Anteil auf 6 von 14 Tieren, darunter fünf Männchen und ein Weibchen, also 43 Prozent und damit fast jeder zweite untersuchte Bär.

Die Zahlen beruhen auf kleinen Stichproben, entsprechend breit sind die statistischen Unsicherheitsbereiche. Für 2024 geben die Autoren ein 95-Prozent-Konfidenzintervall von 8 bis 48 Prozent an, für 2025 von 21 bis 67 Prozent. Der Sprung von null Treffern in acht aufeinanderfolgenden Jahren zu positiven Tieren in zwei Jahren in Folge ist dennoch deutlich. Buhler betont in der Mitteilung ihrer Universität, das Besondere an der Arbeit sei gerade die lange Zeitreihe bis 2016. Bis 2024 habe man nichts gefunden, es sei also in kurzer Zeit etwas geschehen.

Antikörper verraten die hochpathogene Vogelgrippe

Um herauszufinden, welche Viren hinter den Antikörpern stecken, prüften die Forscher die neun positiven Proben sowie drei negative Kontrollproben mit einem zweiten Verfahren, dem Hämagglutinationshemmtest. Dabei wird gemessen, ob Antikörper im Blut verhindern, dass bestimmte Viren rote Blutkörperchen verklumpen. Das Team setzte dafür Blutkörperchen von Pferden und eine Auswahl von Vogelgrippeviren der Subtypen H5 und H7 ein. Das Plasma von vier Bären aus dem Jahr 2025 hemmte H5N1-Viren der Klade 2.3.4.4b deutlich. Gegen ein H5-Virus der Klade 1 zeigte sich diese Wirkung nicht.

Dieser Unterschied ist für die Deutung entscheidend. Grundsätzlich können Antikörper auch auf schwach krank machende H5-Viren reagieren, die in Wildvögeln seit Langem vorkommen. Die Klade 2.3.4.4b umfasst jedoch ausschließlich hochpathogene Viren. Nach Einschätzung der Autoren spricht das Muster deshalb stark für eine Infektion mit genau dieser weltweit auftretenden Linie. Wie sich das Virus über Wildvögel, Futterstellen und Aasfresser in neuen Regionen verbreitet, beschäftigt Forscher auf mehreren Kontinenten.

Wichtig ist, was die Befunde nicht zeigen. Antikörper belegen einen früheren Kontakt mit dem Virus, keine laufende Infektion. Ein Virus selbst wurde in den Proben nicht nachgewiesen. Welcher Subtyp genau die Bären infizierte, etwa H5N1 oder H5N5, bleibt deshalb offen. Bei den übrigen positiven Tieren lässt sich nicht sagen, mit welchem Influenza-A-Virus sie in Kontakt kamen.

Die Eisbären überstanden die Infektion offenbar

Eine der überraschendsten Beobachtungen betrifft den Gesundheitszustand der Tiere. Die Jäger, die über umfangreiches traditionelles Wissen über die Eisbären verfügen, bemerkten bei keinem der erlegten Tiere Krankheitszeichen. Nach Ansicht der Forscher haben sich die Bären deshalb wahrscheinlich im Sommer oder Herbst vor der Jagd angesteckt und die Infektion anschließend überstanden. Zugvögel halten sich in der Jagdsaison zwischen Januar und Mai nicht in der Region auf. Laut der Mitteilung der Cornell University sagt Buhler, man weise keine aktiven Infektionen nach, sondern frühere, die die Tiere überwunden hätten. Die Arbeit gehöre zu den ersten, die zeigten, dass Bären sich nach einer Infektion erholen können.

Ganz harmlos ist das Virus für Eisbären allerdings nicht. In Alaska wurde 2023 ein toter, mit H5N1 infizierter Eisbär gefunden. Auf Spitzbergen in Norwegen wies das Norwegische Veterinärinstitut 2026 erstmals Vogelgrippe bei einem Eisbären nach, in diesem Fall den Subtyp H5N5. Nach Angaben der Cornell University starb dort ein junger Eisbär, nachdem er ein infiziertes Walross gefressen hatte. Eine weitere Untersuchung auf Spitzbergen fand H5N5 im Jahr 2025 bei Polarfüchsen, die Vögel und Eier erbeuten oder Kadaver fressen. In beiden Fällen enthielten die Viren Mutationen, die im Verdacht stehen, Säugetiere leichter zu infizieren. Wie hoch die Sterblichkeit infizierter Eisbären ist, wissen die Forscher bislang nicht. In Grönland mit seinen großen Entfernungen werden tote Tiere selten entdeckt.

Wie Zugvögel die Vogelgrippe nach Grönland tragen

Grönland liegt an einer Kreuzung großer Vogelzugrouten. Hier treffen der ostatlantische Zugweg, über den Vögel aus Europa in die Arktis fliegen, und der nordamerikanische Atlantik-Zugweg aufeinander. Im Sommer sammeln sich Watvögel, Wasservögel und Seevögel in dichten Brutkolonien, die ideale Bedingungen für die Vermischung und Übertragung von Viren bieten. Vor allem Wat- und Wasservögel gelten als natürliches Reservoir der Vogelgrippe. An der Westküste Grönlands wurde das Virus bereits mehrfach bei Seevögeln bestätigt, bei der Trottellumme 2022 als H5N1, bei Eismöwe und Eissturmvogel 2023 sowie bei Eissturmvogel und Mantelmöwe 2024 als H5N5. Zwischen Spitzbergen, wo Eismöwen mehrfach mit Viren der Klade 2.3.4.4b infiziert waren, und Ostgrönland ist zudem ein reger Austausch von Eismöwen dokumentiert.

Dass Zugvögel das Virus zu den Eisbären bringen, ist die naheliegende Deutung der Autoren, kein direkter Nachweis einer Übertragungskette. Sie stützt sich auf den zeitlichen Ablauf. Die ersten positiven Bären tauchten 2024 auf, kurz nachdem die Viren in grönländischen Seevögeln nachgewiesen worden waren. Für den Übertragungsweg nennen die Forscher mehrere Möglichkeiten: direkten Kontakt mit Schleimhäuten oder Nasensekreten, das Fressen toter Vögel oder ihrer Eier, den Verzehr infizierter Säugetiere wie Robben und die Weitergabe von der Mutter an ihre Jungen über die Milch. Am wahrscheinlichsten sei das Fressen toter oder infizierter Vögel und Säugetiere. Welche Wege bei Eisbären tatsächlich eine Rolle spielen, müssen weitere Studien klären.

Schwindendes Meereis treibt die Bären an Land

Hinter der neuen Gefahr steht auch der Klimawandel. Die Arktis erwärmt sich deutlich schneller als der Rest der Erde, im Westen der Region nach Angaben der Cornell University sogar viermal so schnell wie im globalen Mittel. Weil das Meereis in der Arktis immer schneller schmilzt, verlieren Eisbären ihre wichtigste Jagdplattform und weichen auf das Land aus. Dort fressen sie zunehmend Vögel und Eier, um nicht zu hungern. Buhler verweist darauf, dass Eisbären auf Spitzbergen inzwischen sogar Rentiere erlegen, was zuvor nie beobachtet worden sei. Dort und in vielen anderen Teilen der Arktis plünderten sie Vogelkolonien. Weil die Tiere an ein Leben auf dem Eis angepasst sind, könnten ihnen viele Erreger an Land völlig neu sein.

Offen ist auch, ob sich Eisbären gegenseitig anstecken können. Infizierte Tiere könnten das Virus nach Einschätzung der Forscher an Artgenossen weitergeben, wenn sich mehrere Bären an Kadavern oder an Müllplätzen in der Nähe von Siedlungen treffen. Ebenso unklar ist, ob die in Grönland zirkulierenden Viren bereits Mutationen tragen, die sie für Säugetiere ansteckender machen. Die Autoren bezeichnen die Vogelgrippe in der Arktis auch als Gefahr für die öffentliche Gesundheit, zumal Wildtiere dort für indigene Gemeinschaften eine wichtige Nahrungsquelle sind. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission deshalb Menschen mit engem Kontakt zu Wildvögeln oder Geflügel die Grippeimpfung, damit sich saisonale Grippe und Vogelgrippe nicht in einem Körper begegnen.

Eisbären als Frühwarnsystem für die Arktis

Aus Sicht der Autoren eignen sich Eisbären gut als Wächter für die Ausbreitung der Vogelgrippe in der Arktis. Als Spitzenprädatoren und Gelegenheitsaasfresser stehen sie am Ende der Nahrungskette und kommen mit Vögeln, Eiern und Meeressäugern in Berührung. Weil in Grönland zwei große Zugwege zusammenlaufen, könnte eine verstärkte Überwachung dort nach Ansicht der Forscher frühe Warnsignale für die weitere Ausbreitung der hochpathogenen Vogelgrippe liefern. Buhler zufolge ist es wichtig zu verfolgen, welche neuen Krankheitserreger sich bei Eisbären etablieren, denn noch wisse man nicht, wie die Tiere darauf reagieren. Je stärker die Bestände unter Druck geraten, desto größer könne die Rolle von Krankheiten für den Artenschutz werden.

Die Arbeit zeigt zugleich, wie wertvoll die Zusammenarbeit mit den Jägern vor Ort ist. Die Forscher plädieren dafür, das Wissen und die Praxis der indigenen Bevölkerung auch künftig in die Überwachung der Wildtiergesundheit einzubinden. Offen bleibt vorerst, wie viele Eisbären eine Infektion nicht überleben.

Emerging Infectious Diseases, Evidence of Exposure to Highly Pathogenic Avian Influenza H5 Viruses in East Greenland Polar Bears; doi:10.3201/eid3211.261050

Cornell University, Migratory birds spread avian influenza to Greenland’s polar bears

Universitetet i Innlandet, Forskerfunn tyder på smitte av fugleinfluensa hos isbjørner på Grønland

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