Mauritius

Der als dumm verspottete Dodo sah die Welt wie eine Eule

 Dennis Lenz

Der als dumm verspottete Dodo sah die Welt wie eine Eule
(Symbolbild) Der Dodo gilt seit Jahrhunderten als Inbegriff eines tollpatschigen und dummen Vogels, der sein Aussterben auf Mauritius fast selbst verschuldet haben soll. Neue Computertomografien der weltweit einzigen vollständig erhaltenen Schädel zeichnen nun ein völlig anderes Bild des berühmten Riesenvogels. Sein Gehirn war keineswegs zu klein und seine Sinne waren auf eine Lebensweise ausgelegt, die niemand bei ihm vermutet hätte. (Foto: © Forschung und Wissen)

Kaum ein Tier steht so sehr für Dummheit wie der Dodo, der um das Jahr 1690 auf Mauritius ausstarb. Ein internationales Forscherteam hat nun die weltweit einzigen vollständig erhaltenen Dodo-Schädel mit hochauflösender Computertomografie durchleuchtet und das Gehirn des Vogels digital rekonstruiert. Die Ergebnisse widerlegen das Bild vom trägen Trottel der Inselwälder. Der Dodo besaß demnach Sinnesorgane, die in seiner gesamten Verwandtschaft einzigartig sind und auf ein verborgenes Doppelleben hindeuten.

Der Dodo lebte ausschließlich auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean und gehörte trotz seiner Größe von rund einem Meter zur Taubenfamilie. Da auf der Insel keine natürlichen Feinde existierten, verlor der flugunfähige Vogel jede Scheu vor größeren Tieren, was ihm nach der Ankunft niederländischer Seefahrer Ende des 16. Jahrhunderts zum Verhängnis wurde. Innerhalb weniger Jahrzehnte rotteten Jagd und eingeschleppte Tiere wie Ratten und Schweine die Bestände vollständig aus, um das Jahr 1690 verschwand die Art endgültig. Seither gilt das Aussterben des Dodos weltweit als Mahnmal für vom Menschen verursachte Artenverluste. Zugleich entstand das Zerrbild eines fetten, trägen und dummen Vogels, das sich über Reiseberichte und später über Figuren wie den Dodo aus Alice im Wunderland tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Da kein Gehirn eines Dodos erhalten ist, blieb sein Innenleben lange reine Spekulation. Abhilfe schaffen sogenannte Endocasts, also digitale Ausgüsse der Schädelhöhle, in der das Gehirn zu Lebzeiten einen präzisen Abdruck hinterlässt. Ein Team um Sara Citron von der kanadischen University of Lethbridge hat dafür drei erhaltene Dodo-Schädel, darunter die beiden weltweit einzigen vollständigen Exemplare, mit hochauflösender Computertomografie durchleuchtet, wie die beteiligte Flinders University in einer Mitteilung zur Studie erläutert. Die Rekonstruktionen verglichen die Forscher anschließend mit den Schädeln von 36 lebenden Tauben- und Taubenvogelarten sowie mit dem ebenfalls ausgestorbenen Rodrigues-Solitär, dem nächsten bekannten Verwandten des Dodos. An der Arbeit waren Museen und Universitäten aus Europa, Nordamerika und Australien beteiligt.

Augen wie bei nachtaktiven Vögeln

Die größte Überraschung lieferten die Sehzentren. Die optischen Loben des Dodos, jene Hirnregionen, die visuelle Reize verarbeiten, waren im Verhältnis zur Gehirngröße mehr als dreimal kleiner als bei der Nikobartaube, dem nächsten lebenden Verwandten. Zusammen mit der Form der Augenhöhlen und weiteren Schädelmerkmalen ergibt sich ein Profil, das unter heutigen Vögeln fast nur bei dämmerungs- und nachtaktiven Arten wie Eulen vorkommt. Die Forscher vermuten daher, dass der Dodo eher grob aufgelöst, dafür aber äußerst lichtempfindlich sah und seine Aktivität womöglich in die Dämmerung oder sogar in die Nacht ausdehnte. Damit wäre er der einzige bekannte Vertreter seiner gesamten Verwandtschaftsgruppe mit einer solchen Lebensweise, wie die Studie im Zoological Journal of the Linnean Society im Einzelnen darlegt.

Feine Nase und sensibler Schnabel

Auch der Geruchssinn des Dodos fiel aus dem Rahmen. Die Hirnregion für das Riechen war bei ihm auffallend groß, während sie beim Rodrigues-Solitär und bei anderen Tauben klein bleibt. Vermutlich erschnüffelte der Vogel damit am Boden liegende Früchte im dichten Unterholz der Inselwälder. Hinzu kommt ein stark ausgeprägtes Zentrum für Tastreize, das zu dem mächtigen Oberschnabel passt und auf ein feines Gespür beim Ertasten von Nahrung hindeutet. Das Vorderhirn wiederum, das bei Vögeln mit Denkleistung und Gedächtnis verbunden ist, war im Verhältnis nicht kleiner als bei anderen Tauben. Der Ruf des dummen Vogels entstand demnach wohl vor allem aus seiner Zutraulichkeit. Auf Mauritius fehlten Beutegreifer völlig, sodass der Dodo nie ein Fluchtverhalten entwickelte, während andernorts schon die bloße Anwesenheit von Raubtieren ganze Bestände prägt, wie etwa Rehe im Jagdrevier von Pumas eindrucksvoll zeigen.

Neues Bild vom Symbol des Aussterbens

Der parallel untersuchte Rodrigues-Solitär entpuppte sich dagegen als vergrößerte Ausgabe einer gewöhnlichen Taube, dessen Sinnesorgane bis auf einen ungewöhnlich geformten Schädel weitgehend denen lebender Verwandter entsprechen. Der Dodo steht damit anatomisch allein da. Die Autoren betonen zugleich, dass Anatomie allein kein endgültiges Bild des Verhaltens liefern kann, da kein weiches Gewebe erhalten ist und alle Schlüsse auf Vergleichen mit heutigen Arten beruhen. Dennoch liefert die Arbeit erstmals einen belastbaren Rahmen für die Lebensweise des berühmtesten ausgestorbenen Vogels der Welt. Wie viel sich aus spärlichen Überresten noch herauslesen lässt, zeigt derzeit auch die Erbgutforschung, die jüngst zwei unbekannte Menschenarten in der DNA heutiger Menschen aufgespürt hat. Für den Dodo sollen weitere Scans nun klären, wie er seine ungewöhnlichen Sinne im Alltag tatsächlich einsetzte.

Zoological Journal of the Linnean Society, The sensory world of the Dodo and Solitaire revealed by endocast and skull anatomy; doi:10.1093/zoolinnean/zlag123

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