Olympic-Halbinsel

Wo Pumas leben gibt es 67 Prozent weniger Wildunfälle

 Dennis Lenz

Wo Pumas leben gibt es 67 Prozent weniger Wildunfälle
(Symbolbild) Rehe und Hirsche zählen in vielen Regionen zu den häufigsten Unfallgegnern im Straßenverkehr. Eine Langzeitauswertung aus dem US-Bundesstaat Washington zeigt nun, dass die Anwesenheit großer Beutegreifer die Zahl der Wildunfälle deutlich senkt. Ausschlaggebend ist nicht die Zahl der erbeuteten Tiere, sondern eine messbare Verschiebung von Aufenthaltsorten und Aktivitätszeiten. Die Daten stammen aus mehr als 500 Kamerafallen und aus Sendehalsbändern. (Foto: © Forschung und Wissen)

Große Beutegreifer gelten in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem als Risiko. Eine neue Auswertung von der Olympic-Halbinsel im US-Bundesstaat Washington dreht diese Sicht um und zeigt, dass Wildunfälle dort seltener sind, wo Pumas regelmäßig jagen. Der Rückgang beruht nicht auf schrumpfenden Rehbeständen. Ausschlaggebend ist eine Verhaltensänderung der Beutetiere, die sich über Jahre hinweg in Kamerafallen und Sendedaten nachvollziehen lässt.

Zusammenstöße zwischen Fahrzeugen und Schalenwild gehören auf Landstraßen zu den folgenreichsten Unfallarten überhaupt. Wildunfälle enden für das Tier fast immer tödlich, verursachen erhebliche Sachschäden und führen jedes Jahr zu tausenden verletzten Menschen. Die klassischen Gegenmaßnahmen setzen an der Straße an, also an Wildschutzzäunen, Reflektoren, Grünbrücken und Tempolimits. Die Ökologie kennt daneben einen zweiten Ansatzpunkt, der bislang kaum quantifiziert wurde. Beutetiere reagieren auf die bloße Anwesenheit eines Räubers mit einer Veränderung ihres Raum- und Zeitverhaltens, lange bevor es zu einem Angriff kommt. Fachlich wird dieser Effekt als Landschaft der Angst beschrieben. Er verschiebt, wo sich Rehe und Hirsche aufhalten, wie lange sie an einem Ort äsen und zu welcher Tageszeit sie sich in offenem Gelände zeigen. Genau an dieser Stelle setzt die neue Untersuchung an.

Untersuchungsgebiet war die Olympic-Halbinsel im Nordwesten des US-Bundesstaats Washington, ein Mosaik aus Regenwald, Forstflächen, Siedlungen und einem dichten Straßennetz. Pumas sind dort seit langem heimisch und bilden eine stabile Population, was das Gebiet von Regionen unterscheidet, in denen große Beutegreifer erst wieder einwandern. Die Datengrundlage stammt aus einem mehrjährigen Monitoring der Wildkatzenschutzorganisation Panthera. Ausgewertet wurden Aufnahmen von mehr als 500 Kamerafallen sowie Bewegungsdaten von knapp sechzig Pumas, die mit Sendehalsbändern ausgestattet waren. Parallel dazu lagen räumlich aufgelöste Daten zu Zusammenstößen zwischen Fahrzeugen und Wildtieren vor. Die Halbinsel wurde in ein Raster aus Zellen zerlegt, für die sich jeweils bestimmen ließ, wie hoch die Pumapräsenz ist, wie dicht das Straßennetz verläuft und wie häufig es dort tatsächlich zu Kollisionen kam. Erst diese Kombination erlaubt eine belastbare Aussage über den Zusammenhang.

Warum Rehe in Pumagebieten die Straßen meiden

Der zentrale Befund betrifft zunächst nicht die Fahrzeuge, sondern das Verhalten der Beutetiere. In Zellen mit hoher Pumapräsenz waren Rehe und Hirsche tagsüber deutlich aktiver und nachts entsprechend zurückhaltender. Das ist bemerkenswert, weil Schalenwild in vom Menschen geprägten Landschaften normalerweise in die Nachtstunden ausweicht. Der Druck durch den Beutegreifer kehrt diese Verschiebung teilweise um. Zugleich hielten sich die Tiere mit rund 15 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit in Bereichen mit hoher Straßendichte auf und wichen stattdessen in abgelegene Habitatflächen fernab von Siedlungen aus. Beide Effekte verstärken sich gegenseitig. Wer sich seltener in Straßennähe aufhält und zusätzlich die dunklen Stunden meidet, gerät schlicht seltener in die Situation, vor einem Fahrzeug die Fahrbahn zu queren. Die Zahl der Rehe im Gebiet sank dabei nicht in einem Ausmaß, das den Effekt erklären könnte.

Wie stark die Wildunfälle in Pumagebieten zurückgehen

Aus diesen Verhaltensänderungen berechnete das Team um Justin Suraci von Conservation Science Partners die Folgen für den Straßenverkehr. Nach der in Current Biology veröffentlichten Auswertung sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Kollision zwischen Fahrzeug und Reh in Gebieten mit hoher Pumapräsenz um 67 Prozent, die erwartete Gesamtzahl der Zusammenstöße über einen Zeitraum von fünf Jahren um 76 Prozent. Hinzu kommt ein Aspekt, der in reinen Unfallzahlen untergeht. Weil sich die verbleibenden Zusammenstöße stärker in die Tagesstunden verlagern, verschiebt sich das Unfallgeschehen in einen Zeitraum mit besserer Sicht und kürzerem Bremsweg. Nächtliche Wildunfälle gelten als besonders folgenschwer, weil das Tier oft erst im Scheinwerferkegel erkennbar wird. Die Verkehrssicherheit profitiert damit doppelt, über die Zahl und über die Schwere der Ereignisse.

Was der Befund für die Rückkehr großer Beutegreifer bedeutet

Die Autoren ordnen den Effekt als Ökosystemleistung ein, also als messbaren Nutzen, den eine Tierart für menschliche Gemeinschaften erbringt. Mark Elbroch von Panthera verweist darauf, dass Pumas im Osten der USA und in Kanada derzeit langsam und ohne menschliches Zutun zurückkehren und dass dort über gezielte Wiederansiedlungen diskutiert wird. Eine belastbare Zahl zum Sicherheitsgewinn verändert die Grundlage solcher Debatten, weil sie dem bekannten Risiko einen bezifferbaren Vorteil gegenüberstellt. Einschränkend gilt, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Sie belegt einen sehr konsistenten Zusammenhang, aber keine experimentell erzeugte Ursache, und die Zahlen stammen aus einer einzigen, gut untersuchten Region mit hoher Wilddichte. Ob sich die Größenordnung auf mitteleuropäische Verhältnisse mit Wolf und Luchs übertragen lässt, ist offen. Vergleichbare Auswertungen für andere Beutegreifer stehen bislang aus.

Current Biology, Large carnivores shape road safety through effects on prey space use; doi:10.1016/j.cub.2026.06.072

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