Eine Brille korrigiert in Minuten, was die natürliche Selektion über Jahrtausende nicht gelöst hätte. Aus genau dieser Beobachtung leiten zwei Forscher der University of Maine eine weitreichende These ab. Nicht mehr das Erbgut, sondern die Weitergabe von Wissen liefere die schnelleren Antworten auf Krankheit, Umwelt und Mangel. In der Fachzeitschrift BioScience beschreiben sie einen Umbruch, dessen mögliches Endstadium selbst Evolutionsbiologen bislang für unwahrscheinlich gehalten haben.
Evolution bezeichnet in der Biologie die Veränderung vererbbarer Merkmale über Generationen hinweg. Der klassische Weg führt über das Genom. Mutationen erzeugen Varianten, die natürliche Selektion filtert sie, und weil eine menschliche Generation im Mittel rund 25 bis 30 Jahre umfasst, benötigt dieser Prozess Jahrhunderte bis Jahrtausende, bevor sich eine vorteilhafte Variante in einer Population durchsetzt. Daneben existiert ein zweiter Vererbungskanal, den die Theorie der doppelten Vererbung seit Jahrzehnten beschreibt. Über Nachahmung, Unterricht, Schrift und Technik geben Menschen Verhaltensweisen, Werkzeuge und Regeln weiter, ohne dass ein einziges Basenpaar verändert werden muss. Diese kulturelle Vererbung arbeitet horizontal statt ausschließlich vertikal, sie überspringt Generationen und kann sich innerhalb von Monaten in einer ganzen Bevölkerung ausbreiten. Beide Kanäle laufen parallel, doch ihre Geschwindigkeiten unterscheiden sich um mehrere Größenordnungen. Genau diese Differenz rückt nun ins Zentrum der Debatte über die menschliche Evolution.
Timothy Waring, außerordentlicher Professor für Ökonomie und Nachhaltigkeit, und der Ökologe Zachary Wood haben diese Geschwindigkeitsdifferenz zu einer formalen Hypothese ausgebaut. Sie sprechen von einem evolutionären Übergang in Vererbung und Individualität und ordnen ihn damit in eine Reihe mit den größten Umbrüchen der Lebensgeschichte ein, etwa dem Schritt von der Einzelzelle zum vielzelligen Organismus oder von solitären Insekten zu hochkooperativen Staaten. Solche Übergänge verändern nicht nur, wie schnell sich Leben anpasst, sondern auch, was überhaupt als evolutionäre Einheit gilt. Dass beim Menschen ein vergleichbarer Prozess laufen könnte, galt lange als spekulativ, weil die kulturelle Evolution als zu unscharf für harte Modelle erschien. Wie sehr sich Selektionsdruck und Kulturtechnik gegenseitig bedingen, zeigt sich auch daran, dass der Mensch bestimmte Körperteile langfristig verlieren dürfte, sobald Medizin, Ernährung und Technik den ursprünglichen Nutzen ersetzen.
Der entscheidende Begriff der Arbeit lautet Präemption. Gemeint ist, dass eine kulturelle Lösung ein Problem bereits beseitigt, bevor die genetische Anpassung überhaupt greifen kann. Kurzsichtigkeit wäre unter Jäger-und-Sammler-Bedingungen ein messbarer Selektionsnachteil gewesen, wird heute aber durch Brillen, Kontaktlinsen oder Laserchirurgie neutralisiert. Kaiserschnitte lassen Geburten gelingen, die früher tödlich endeten, Impfstoffe entkoppeln das Überleben einer Infektion von zufälligen Immunvarianten, und Reproduktionsmedizin ermöglicht Nachkommen, wo Biologie allein an Grenzen stößt. In der bei Oxford University Press erschienenen Analyse zur kulturellen Vererbung beim Menschen argumentieren die Autoren, dass sich solche Effekte nicht auf Einzelfälle beschränken, sondern das gesamte Anpassungsgeschehen prägen. Der Selektionsdruck auf viele Genvarianten sinkt dadurch nicht auf null, verliert aber deutlich an Wirkung.
Der zweite Teil der Hypothese ist der unbequemere. Kultur ist kein Privatbesitz, sondern ein geteiltes Phänomen, und deshalb entstehen kulturelle Lösungen fast immer auf Gruppenebene. Eine Brille setzt eine Optikindustrie voraus, ein Impfstoff ein Forschungssystem, eine Kühlkette und eine Zulassungsbehörde, ein Kaiserschnitt eine Klinik mit Ausbildung, Strom und Hygienestandards. Fortschritte bei Lebenserwartung und Überleben stammen nach Einschätzung der Autoren zuverlässiger aus Institutionen als aus individueller Begabung oder individueller Erbanlage. Wer heute alt wird, verdankt das weniger seiner persönlichen Biologie als dem Land, in dem er lebt. Daraus folgt eine Verschiebung dessen, was als Einheit der Anpassung gilt: weg vom einzelnen Körper, hin zur organisierten Gruppe. Menschliche Gesellschaften ähneln in dieser Lesart zunehmend einem Superorganismus, vergleichbar mit den arbeitsteiligen Kolonien sozialer Insekten, nur eben über geteiltes Wissen statt über Verwandtschaftsgrade verknüpft. Ein Blick auf die genetische Tiefengeschichte macht den Kontrast deutlich, denn der moderne Mensch geht auf zwei alte Gründerpopulationen zurück, deren Vermischung Hunderttausende Jahre beanspruchte.
Waring und Wood betonen selbst, dass es sich um eine Theorie handelt und nicht um einen empirischen Nachweis. Ihr eigentlicher Beitrag liegt darin, den Übergang messbar zu machen. Sie schlagen quantitative Kennzahlen vor, die erfassen, welcher Anteil von Merkmalen und Fitnessunterschieden auf genetische und welcher auf kulturelle Ursachen entfällt, und arbeiten an mathematischen sowie computergestützten Modellen samt langfristiger Datenerhebung. In der begleitenden Mitteilung der University of Maine zur kulturellen Evolution warnen die Forscher zugleich davor, kulturellen Wandel mit Fortschritt gleichzusetzen. Dieselben kooperativen Strukturen, die Ressourcen erschließen und Menschen schützen, erzeugen Konkurrenz, Übernutzung und Klimarisiken. Ob der Übergang tatsächlich abgeschlossen wird, ist offen. Wie stark biologische und kulturelle Entwicklung ineinandergreifen, zeigt bereits die Frühgeschichte, in der das menschliche Gehirn vor rund 1,7 Millionen Jahren in Afrika seine moderne Form fand.
BioScience, Cultural inheritance is driving a transition in human evolution; doi:10.1093/biosci/biaf094