Es ist eine Nachricht, wie sie der Naturschutz nur selten verkünden kann. Die Grüne Meeresschildkröte, die jahrzehntelang als stark gefährdet galt und regional fast ausgerottet war, wurde von der Weltnaturschutzunion IUCN auf der Roten Liste von der Kategorie stark gefährdet direkt auf nicht gefährdet herabgestuft. Seit den 1970er Jahren ist die Weltpopulation um rund 28 Prozent gewachsen. Möglich machten das mehr als vier Jahrzehnte konsequenter Schutzmaßnahmen auf allen Kontinenten.
Die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas) ist die größte hartschalige Meeresschildkröte der Welt und die einzige, die sich als erwachsenes Tier überwiegend pflanzlich ernährt. Auf ihrem Speiseplan stehen vor allem Seegräser und Algen, womit die Art eine Schlüsselrolle in tropischen Küstenökosystemen spielt, denn ihr Weidegang hält Seegraswiesen gesund und produktiv. Die Tiere nisten an Stränden in mehr als 80 Ländern und durchstreifen die Küstengewässer von rund 140 Staaten. Ihre Lebensweise macht sie zugleich extrem verwundbar, denn Weibchen werden erst mit etwa 26 bis 40 Jahren geschlechtsreif und kehren zur Eiablage an ihre Geburtsstrände zurück. Werden Nistgebiete zerstört oder erwachsene Tiere gejagt, brechen die Bestände deshalb über Jahrzehnte ein, bevor sich Verluste überhaupt in den Zahlen zeigen.
Genau das geschah über Jahrhunderte in dramatischem Ausmaß. Wegen ihres Fleisches, ihrer Eier und ihres Panzers wurde die Art systematisch bejagt, allein in der Karibik verschwanden nach Schätzungen rund 95 Prozent eines einst viele Millionen Tiere zählenden Bestandes. Hinzu kamen die Zerstörung von Niststränden durch Küstenbebauung und der Beifang in Fischereinetzen. 1982 stufte die Weltnaturschutzunion die Art deshalb als stark gefährdet ein, eine Kategorie, die ein sehr hohes Aussterberisiko anzeigt. Mehr als vier Jahrzehnte blieb dieser Status bestehen, während weltweit Schutzprogramme aufgebaut wurden, von bewachten Niststränden über Handelsverbote bis zu schildkrötenfreundlichen Fanggeräten. Nun zeigt sich, dass diese Ausdauer belohnt wurde.
Im Oktober 2025 verkündete die IUCN beim Weltnaturschutzkongress in Abu Dhabi die Neubewertung und stufte die Art von stark gefährdet direkt auf nicht gefährdet herab, ohne Zwischenschritte über die milderen Gefährdungskategorien. Grundlage ist ein globales Populationswachstum von rund 28 Prozent seit den 1970er Jahren mit deutlichen Erholungen an wichtigen Niststränden in Mexiko, Hawaii, Brasilien und weiteren Regionen, wie die Weltnaturschutzunion in ihrer offiziellen Mitteilung erläutert. Die Fachleute führen den Erfolg auf das Zusammenspiel jahrzehntelanger Maßnahmen zurück, insbesondere den Schutz nistender Weibchen und ihrer Gelege, das Zurückdrängen der Eierentnahme durch lokale Programme sowie internationale Handelsverbote. Der Fall gilt damit als seltener Beleg dafür, dass sich selbst massiv dezimierte Meerestiere erholen können, wenn Schutzmaßnahmen konsequent über Generationen durchgehalten werden.
Trotz der historischen Herabstufung warnen die Experten ausdrücklich vor Nachlässigkeit. Erstmals bewertete die IUCN neben der Weltpopulation auch elf regionale Teilpopulationen einzeln, und vier davon schrumpfen weiterhin, etwa im zentralen Südpazifik, während die Bestände im Indischen Ozean als gefährdet gelten. Zudem liegen die heutigen Zahlen noch immer weit unter den historischen Beständen vor Beginn der kommerziellen Jagd. Beifang in Fanggeräten, der Verlust von Lebensräumen und die Klimaerwärmung bleiben ernste Bedrohungen, zumal steigende Sandtemperaturen das Geschlechterverhältnis der Jungtiere verschieben. Wie flexibel die Tiere darauf reagieren, zeigt eine Untersuchung, nach der Meeresschildkröten ihre Fortpflanzung bereits an den Klimawandel angepasst haben. Die Herabstufung ist damit kein Schlusspunkt, sondern ein Zwischenerfolg, der zeigt, dass Artenschutz funktioniert, solange er nicht nachlässt.