Zwei fossile Zähne aus einem Kohlebergwerk in Südthailand gehören zu einer bislang unbekannten Nagetierart von außergewöhnlicher Größe. Yakamys sirindhornae brachte nach mehreren Berechnungsmodellen ungefähr 30 Kilogramm auf die Waage und lebte im späten Eozän. Der Fund verschiebt den Nachweis riesiger Körpermaße bei frühen Nagetieren deutlich weiter in die Vergangenheit. Wie das Tier aussah und lebte, bleibt wegen des extrem kleinen Fossilbestands jedoch offen.
Geologin Pannipa Tian stieß bei einer thailändisch-französischen Grabung im Krabi-Becken auf einen hellen, ungewöhnlich großen Fossilrest, den sie zunächst für ein Knochenstück hielt. Erst die nähere Untersuchung zeigte, dass es sich um einen Schneidezahn handelte; am selben Fundhorizont kam außerdem ein massiver Backenzahn zum Vorschein. Mehr als zwei Jahrzehnte später konnte ein internationales Team beide Stücke einer neuen Gattung und Art zuordnen. Die Studie in Scientific Reports beschreibt den Fund als bislang stärksten Beleg dafür, dass frühe Nagetiere in Südostasien schon erstaunlich große Körpermaße erreichten.
Die neue Art erhielt den Namen Yakamys sirindhornae. „Yak“ bedeutet im Thailändischen Riese, während „mys“ auf das griechische Wort für Maus oder Ratte zurückgeht. Der Artname ehrt Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn, die wissenschaftliche und paläontologische Forschung in Thailand unterstützt. Mit heutigen Ratten ist das Tier nur entfernt verwandt; es gehört zur ausgestorbenen Familie Ischyromyidae, einer frühen großen Entwicklungslinie der Nagetiere.
Aus dem Bang-Mark-Bereich eines Braunkohlebergwerks in der Provinz Krabi stammen die Fossilien. Dort liegt zwischen Kohleflözen eine tonige Schicht, die zahlreiche Überreste urzeitlicher Säugetiere bewahrt. Magnetische Messungen und die bekannte Begleitfauna ordnen den Fund in das späte Eozän ein, eine Epoche, in der tropische und subtropische Landschaften große Teile Südostasiens prägten.
Der Fundort ist für Paläontologen seit Langem bedeutend, weil dort neben Nagetieren auch Primaten, Raubtiere und Huftiere dokumentiert wurden. Damit entsteht kein Bild einer isolierten Tierform, sondern einer vielfältigen Säugetiergemeinschaft. Vergleichbare Fragen über die frühe Entwicklung großer Säugetiere betreffen auch andere Fossilfunde, etwa den Urzeit-Riesen Uintatherium, dessen Schädel neue Hinweise auf Körperbau und Geschlechtsunterschiede liefert.
Entscheidend für die Zuordnung war nicht allein die Größe. Der hintere untere Backenzahn besitzt eine besondere Kombination aus Höckern, Leisten und Vertiefungen. Einige typische Strukturen verwandter Formen fehlen, andere sind nur teilweise ausgebildet. Zusammen mit dem Aufbau des Schneidezahns ergab dieses Muster genügend Merkmale, um Yakamys als eigenständige Gattung zu beschreiben.
Der erhaltene Backenzahn misst von vorn nach hinten 11,56 Millimeter und quer dazu 11,27 Millimeter. Für einen frühen Ischyromyiden sind diese Maße enorm. Andere asiatische Vertreter derselben Familie aus dem Paläogen besitzen deutlich kleinere Zähne; selbst die bislang größten Vergleichsformen bleiben klar darunter.
Unter dem Mikroskop zeigte der Schneidezahn eine typische Schmelzstruktur dieser Familie. Die sogenannten Hunter-Schreger-Bänder verlaufen in einem charakteristischen Muster, das aus unterschiedlich orientierten Schmelzprismen entsteht. Solche mikroskopischen Merkmale helfen, fossile Zähne systematisch einzuordnen, wenn vom restlichen Skelett kaum etwas erhalten ist.
Die Forscher untersuchten den Backenzahn zusätzlich mit hochauflösender Röntgen-Mikrocomputertomografie. Aus den Aufnahmen entstand ein dreidimensionales digitales Modell, an dem sich Form und Volumen der Krone genauer vermessen ließen. Ähnliche digitale Verfahren werden bei Fossilien inzwischen häufig eingesetzt, weil empfindliche Originale dadurch detailliert analysiert werden können, ohne sie weiter mechanisch freizulegen. Wie aussagekräftig einzelne Zähne sein können, zeigt auch der Fund eines Krokodilverwandten mit nadelartigen Zähnen, dessen Gebiss wichtige Hinweise auf seine Lebensweise lieferte.
Vom Zahnmaß auf das Körpergewicht zu schließen, ist mit beträchtlicher Unsicherheit verbunden. Das Team verwendete deshalb mehrere etablierte allometrische Gleichungen, die Zusammenhänge zwischen Zahngröße und Körpermasse heutiger Nagetiere beschreiben. Je nach Modell lagen die Ergebnisse deutlich auseinander. Aus dieser Streuung leiteten die Autoren keinen exakten Wert ab, sondern einen gerundeten Mittelbereich für die Größenordnung des Tiers.
Damit war Yakamys wesentlich schwerer als die meisten bekannten frühen Nagetiere. Der Vergleich mit dem Capybara dient nur zur Größenanschauung, nicht zur Verwandtschaft: Das südamerikanische Wasserschwein gehört zu einer ganz anderen Entwicklungslinie. Noch größere Nagetiere entstanden später mehrfach unabhängig, besonders in Südamerika. Der neue Fund zeigt nun, dass ein starker Größenzuwachs schon sehr viel früher innerhalb einer alten Nagetiergruppe möglich war.
Gerade dieser zeitliche Abstand macht den Fund evolutionsbiologisch interessant. Viele spektakuläre Riesenformen der Nagetiere sind aus jüngeren Erdzeitaltern bekannt, während das frühe Fossilarchiv überwiegend kleine und mittelgroße Arten enthält. Yakamys füllt daher eine Lücke zwischen der frühen Ausbreitung der Nagetiere und späteren Linien, in denen gigantische Körpermaße häufiger dokumentiert sind.
Der Schneidezahn besitzt trotz seiner Größe eine vergleichsweise dünne Schmelzschicht. Für die Analyse wurde ein kleiner Abschnitt präpariert, poliert und im Rasterelektronenmikroskop untersucht. Dabei zeigte sich ein sogenanntes pauciseriales Muster, bei dem wenige Schmelzprismen gemeinsam verlaufen und sich in Bändern organisieren. Diese Struktur passt zu Ischyromyiden und stützt damit die systematische Einordnung unabhängig von der äußeren Zahnform.
Solche Details sind besonders wichtig, weil das bekannte Material extrem begrenzt ist. Die Forscher verfügen bislang weder über Schädelknochen noch über Gliedmaßen, Wirbel oder andere Teile, aus denen sich Körperproportionen rekonstruieren ließen. Eine naturgetreue Darstellung des Tiers wäre deshalb spekulativ. Aussagen über Fellfarbe, Körperform, Schwanzlänge oder die Haltung des Tiers lassen sich aus den zwei Zähnen nicht seriös ableiten.
Auch die Ernährung bleibt offen. Eine etwas höhere Zahnkrone könnte zwar gegen stärkeren Verschleiß geholfen haben, doch aus diesem Merkmal allein folgt keine bestimmte Nahrung. Ebenso lässt sich aus dem tonigen Seesediment nicht schließen, dass Yakamys halb im Wasser lebte. Der Lebensraum umfasste Gewässer, mehr geben die bislang erhaltenen Reste nicht sicher her.
Die neue Art erweitert zugleich das Bild der Ischyromyiden in Asien. Fossilien dieser frühen Nagetiergruppe sind aus Nordamerika und Europa vergleichsweise gut bekannt, aus dem asiatischen Raum dagegen lückenhafter. Yakamys belegt nun eine große Form weit im Süden des Kontinents und macht deutlich, dass die damalige Vielfalt größer gewesen sein dürfte, als der bisherige Fossilbestand vermuten ließ.
Besonders spannend ist ein weiterer, bislang nicht endgültig bestimmter großer Schneidezahn aus der Pondaung-Formation in Myanmar. Das Stück ist älter als Yakamys, wurde aber noch keiner Art sicher zugeordnet. Sollte zukünftiges Material dort ebenfalls eine großwüchsige Ischyromyiden-Linie bestätigen, könnte sich die Entwicklung großer Nagetiere in Südostasien noch weiter zurückverfolgen lassen.
Der nächste Fortschritt hängt deshalb weniger von neuen Rechenmodellen als von neuen Knochen ab. Schon ein Unterkiefer mit mehreren Zähnen oder Teile des Schädels könnten die Verwandtschaft genauer klären; Gliedmaßen würden erstmals Hinweise auf Fortbewegung und Körperbau liefern. Fossilien aus vergleichbaren Sedimenten zeigen immer wieder, wie stark einzelne neue Stücke etablierte Bilder verändern können, etwa bei einem jurazeitlichen Wasserjäger aus der Säugetierverwandtschaft, dessen Anatomie erst durch besser erhaltenes Material verständlich wurde.
Vorerst bleiben im Krabi-Becken zwei Zähne als einzige direkte Spur dieses Tiers. Die Stücke werden in den Sammlungen des thailändischen Department of Mineral Resources aufbewahrt und sollen durch weitere Funde aus der Region ergänzt werden. Erst dann lässt sich prüfen, ob Yakamys ein außergewöhnlicher Einzelzweig war oder Teil einer bislang kaum bekannten großen Nagetierfauna Südostasiens.
Scientific Reports, A giant eocene ischyromyid from Southeast Asia reveals the early evolution of rodent gigantism; doi:10.1038/s41598-026-76711-6
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