170 Millionen Jahre altes Krokodil hatte Zähne wie Nadeln

 Dennis Lenz

170 Millionen Jahre altes Krokodil hatte Zähne wie Nadeln
(Symbolbild) Ein Krokodil aus der Jurazeit besaß ein ungewöhnlich feines Gebiss. Die erstmals beschriebene Art gehört zu einer ausgestorbenen Verwandtschaftsgruppe heutiger Krokodile. Ihre Zähne passen nicht zu der Vorstellung eines Räubers, der große Beute mit Gewalt festhält. Der Fund erweitert den Blick auf die Lebensweisen früher Wasserreptilien. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein Krokodil mit nadelartigen Zähnen erweitert das Bild der Tierwelt vor rund 170 Millionen Jahren. Fossilien aus Marokko gehören zu einem bislang unbekannten Krokodilverwandten, dessen Gebiss ungewöhnlich empfindlich erscheint. Die feinen Zähne deuten auf eine andere Ernährung als bei vielen bekannten Verwandten hin. Erkennbar wurde die Besonderheit erst, als kleine dunkle Stellen im Gestein genauer untersucht wurden.

Was zunächst wie eine Reihe schwarzer Punkte neben einem länglichen Knochen aussah, erwies sich unter dem Mikroskop als entscheidendes Merkmal. Beim vorsichtigen Freilegen wurden aus den Punkten immer längere, sehr dünne Strukturen. Es handelte sich um Zähne. Hamzah Imran und seine Kollegen von den Universitäten Portsmouth und Hassan II in Casablanca beschrieben das Tier als Ctenosuchus tenuidens. Die Universität Portsmouth stellte den Fund am 12. Oktober 2026 vor und veröffentlichte dazu Aufnahmen der erhaltenen Kiefer.

Die Fossilien stammen aus Gesteinen, die sich in früheren Flüssen und Seen im Gebiet des heutigen marokkanischen Atlasgebirges bildeten. Das Tier gehörte zu den Thalattosuchia, einer ausgestorbenen Gruppe von Krokodilverwandten mit unterschiedlichen Anpassungen an das Wasserleben. Es war damit kein Mitglied einer heute lebenden Krokodilart. Die neue Beschreibung betrifft eine bislang unbekannte Form aus dem Jura und nicht die erstmalige Entdeckung, dass damals überhaupt krokodilähnliche Reptilien existierten.

Das Gebiss passt nicht zu einem kräftigen Beutegreifer

Die lange Schnauze allein wäre noch nicht die größte Überraschung. Ungewöhnlich ist ihre Verbindung mit den ausgesprochen feinen Zähnen. Nach der Interpretation des Teams wären diese empfindlichen Strukturen schlecht geeignet gewesen, große, heftig zappelnde Beute festzuhalten. Seitliche Belastungen könnten bei einem solchen Fang besonders problematisch werden.

Ein dünner Zahn muss deshalb nicht funktionslos oder schlecht angepasst gewesen sein. Seine Eignung hängt davon ab, welche Aufgabe er erfüllt. Zum Festhalten kleiner Nahrung können andere Eigenschaften nützlich sein als beim Überwältigen eines kräftigen Tieres. Die relevante Frage lautet somit nicht, warum das Gebiss weniger robust als ein bekanntes Krokodilgebiss aussieht. Entscheidend ist, welche Art des Nahrungserwerbs gerade mit dieser Form möglich war.

Sehr kleine Beute könnte zwischen den Zähnen hängen geblieben sein

Die Forscher halten kleine Fische, Krebstiere und andere weiche Wasserorganismen für mögliche Nahrung. Der Kiefer hätte dann eher als fein gegliedertes Fanggerät gedient denn als Werkzeug zum Festhalten großer Beute. Diese Einordnung beruht auf dem Aufbau der erhaltenen Strukturen. Ein unmittelbar beobachteter Jagdvorgang oder eine vollständig erhaltene letzte Mahlzeit ist damit nicht verbunden.

Die im Journal of Vertebrate Paleontology veröffentlichte Beschreibung ordnet das ungewöhnliche Gebiss innerhalb der Krokodilverwandtschaft ein. Der wissenschaftliche Name nimmt die Besonderheit auf: Er verbindet den Vergleich mit einem Kamm mit einem Hinweis auf die dünnen Zähne. Die Benennung bewahrt damit genau jenes Merkmal, durch das sich der Fund von bekannten Formen abhebt.

Ähnliche Werkzeuge entstanden bei unterschiedlichen Tieren

Die Autoren vergleichen das Gebiss auch mit dem bestimmter Flugsaurier und anderer ausgestorbener Wasserreptilien. Ähnliche Formen bedeuten dabei nicht automatisch eine besonders enge Verwandtschaft. Verschiedene Tiergruppen können vor ähnlichen Aufgaben stehen und unabhängig voneinander vergleichbare Lösungen entwickeln. Dieser Vorgang wird als konvergente Evolution bezeichnet.

Der Vergleich ist besonders hilfreich, wenn ein Tier nur durch Fossilien bekannt ist. Ein erhaltener Kiefer zeigt seine Form, aber nicht unmittelbar jede Bewegung während des Fressens. Ähnliche Strukturen anderer Tiere liefern deshalb überprüfbare Funktionsideen. Die Grenze liegt darin, aus einer Ähnlichkeit nicht sofort eine identische Lebensweise abzuleiten. Ob Nahrung aktiv gepackt, zurückgehalten oder auf andere Weise gesammelt wurde, muss anhand der gesamten verfügbaren Anatomie beurteilt werden.

Ein Fossil zeigt mehr als einen ungewöhnlichen Räuber

Die Entdeckung verändert auch die Vorstellung vom Lebensraum. Ein Gewässer mit verschiedenen Nahrungsvorkommen kann Tiere beherbergen, die zwar ähnlich aussehen, aber unterschiedliche Ressourcen nutzen. Ein Spezialist für sehr kleine Beute besetzt eine andere Rolle als ein Räuber, der größere Fische fängt. Eine zusätzliche solche Rolle vergrößert die bekannte ökologische Vielfalt, selbst wenn die neu beschriebene Art auf den ersten Blick in eine vertraute Tiergruppe zu passen scheint.

Gerade Krokodilverwandte werden leicht auf einen einzigen Körperbau und eine einzige Jagdweise reduziert. Das Fossil macht deutlich, warum diese Vereinfachung für vergangene Lebensgemeinschaften problematisch ist. Der gemeinsame Grundbauplan schließt unterschiedliche Ernährungsweisen nicht aus. Im vorliegenden Fall liegt der entscheidende Hinweis nicht in einem völlig fremdartigen Körper, sondern in einer kleinen anatomischen Veränderung an einer besonders wichtigen Stelle.

Die feinen Zähne bleiben der Schlüssel zur Lebensweise

Die erhaltenen Kiefer liefern eine konkrete Grundlage für weitere Vergleiche. Zusätzliche Funde könnten zeigen, wie stark die Merkmale zwischen Individuen variierten und welche anderen Teile des Körpers zu dieser Spezialisierung gehörten. Besonders wertvoll wären Überreste, die mehr von der gesamten Anatomie erhalten. Ein einzelnes Merkmal lässt sich dann besser in die Bewegung und Lebensweise des vollständigen Tieres einordnen.

Schon jetzt liegt der Überraschungseffekt an einer klar erkennbaren Stelle. Das Tier besaß ein Gebiss, das gerade nicht auf möglichst grobe Belastung ausgelegt zu sein scheint. Sein Erfolg könnte davon abgehangen haben, kleine Nahrung zu erreichen, für die andere Räuber anders gebaut waren. Aus den zunächst unscheinbaren schwarzen Punkten im Fossil entsteht so ein anderes Bild des Krokodils der Jurazeit: nicht einfach eine ältere Version eines heutigen Großräubers, sondern ein eigener Spezialist in einer vielgestaltigen Wasserwelt.

Journal of Vertebrate Paleontology, A new teleosauroid (Crocodylomorpha, Thalattosuchia) with a unique dentition from the Middle Jurassic of eastern Morocco; doi:10.1080/02724634.2026.2728670

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