Antike Handelsroute

Vor Siziliens Küste liegt ein 2000 Jahre unberührtes Römerwrack

 Dennis Lenz

Vor Siziliens Küste liegt ein 2000 Jahre unberührtes Römerwrack
(Symbolbild) Ein römisches Handelsschiff sank vermutlich zwischen dem 2. und 1. Jahrhundert vor Christus im Kanal von Sizilien. Seine Ladung bestand überwiegend aus Amphoren des Typs Dressel 1A, wie sie in der späten Republik für den Weintransport verwendet wurden. Das Römerwrack liegt in 46 Metern Tiefe und ist nach ersten Angaben der beteiligten Behörden außergewöhnlich vollständig erhalten. Solche geschlossenen Fundzusammenhänge sind selten, weil Strömung, Fischerei und Plünderung die meisten antiken Wracks längst zerstreut haben. (Foto: © Forschung und Wissen)

Rund drei Seemeilen vor der Küste Siziliens ruht auf sandigem Grund ein antikes Handelsschiff aus dem 2. oder 1. Jahrhundert vor Christus. Das Römerwrack wurde in 46 Metern Tiefe lokalisiert und hat seine Ladung offenbar nahezu vollständig behalten. Hunderte Amphoren liegen dort noch annähernd so, wie sie einst im Rumpf gestapelt waren. Zwei schwere Bleianker markieren den Bugbereich. Fachleute sprechen von einem der bedeutendsten Unterwasserfunde der vergangenen Jahre im zentralen Mittelmeer.

Der Kanal von Sizilien trennt die italienische Halbinsel von Nordafrika und war in der Antike eine der meistbefahrenen Passagen des Mittelmeers. Getreide, Wein, Öl und Keramik bewegten sich hier auf festen Routen zwischen Kampanien, Sizilien und der afrikanischen Küste. Wer diese Meerenge querte, musste mit wechselnden Winden, starken Strömungen und flachen Bänken rechnen. Entsprechend dicht liegen auf dem Grund die Überreste gescheiterter Fahrten. Das nun dokumentierte Römerwrack vor Mazara del Vallo fügt sich in dieses Bild ein, unterscheidet sich aber in einem entscheidenden Punkt von den meisten bekannten Fundstellen der Region. Es wurde nicht in Einzelteilen geborgen, sondern als geschlossener Zusammenhang erfasst, in dem Ladung, Ausrüstung und Lage des Schiffskörpers noch miteinander in Beziehung stehen.

Für die Unterwasserarchäologie ist genau dieser Zustand der eigentliche Wert. Ein einzelnes geborgenes Gefäß verrät wenig über Herkunft, Route und Zielhafen einer Fahrt. Eine vollständige Ladung dagegen erlaubt Rückschlüsse auf die Produktionsregion des Inhalts, auf die Stapelweise im Laderaum, auf die Größe des Schiffs und auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen es unterwegs war. Hinzu kommt die zeitliche Präzision. Amphoren sind Massenware mit klar unterscheidbaren Formentwicklungen, weshalb sie sich als Datierungsmittel eignen wie kaum ein anderer antiker Gegenstand. Aus der Kombination von Gefäßtyp, Ankerform und Konstruktionsmerkmalen lässt sich eine Fahrt rekonstruieren, die vor mehr als zwei Jahrtausenden endete und deren Spuren bis heute weitgehend ungestört blieben.

Wie das Römerwrack vor Mazara del Vallo gefunden wurde

Den entscheidenden Hinweis lieferten Privatpersonen, die beim Tauchen auf eine auffällige Struktur am Meeresboden gestoßen waren. Nach der Meldung folgte ein gemeinsamer Ortstermin des Nucleo Carabinieri Tutela Patrimonio Culturale aus Palermo, der Soprintendenza del Mare der Region Sizilien und der Carabinieri-Taucher aus Messina, unterstützt von einem Boot der Einheit in Trapani. Das italienische Kulturministerium machte den Fund am 8. August 2026 öffentlich und ordnete ihn nach Angaben in der amtlichen Mitteilung zum Fund vor Mazara del Vallo als eine der wichtigsten Unterwasserentdeckungen der vergangenen Jahre ein. Kulturminister Alessandro Giuli verwies dabei auf die Zusammenarbeit der beteiligten Stellen und auf die Bedeutung der Fundstelle für die Erforschung antiker Seewege.

Der Weg vom Hinweis bis zur Bestätigung verlief in mehreren Schritten. Zunächst wurde die Position mit Sonartechnik überprüft, anschließend tauchten Spezialisten zur Sichtkontrolle ab. In 46 Metern Tiefe ist die Arbeitszeit pro Tauchgang stark begrenzt, weil Atemgasverbrauch und Dekompressionspflichten den Aufenthalt am Grund einschränken. Dokumentiert wird deshalb systematisch und in kurzen Einheiten, häufig mit Fotogrammetrie, aus der sich später ein dreidimensionales Modell der gesamten Fundstelle berechnen lässt. Erst dieses Modell erlaubt es, Maße, Verteilungsmuster und Erhaltungszustand zu beurteilen, ohne die Fundstelle selbst anzutasten. Nach den bisherigen Angaben erstreckt sich das archäologische Feld über rund 21 Meter Länge und etwa 6 Meter Breite.

Was Amphoren des Typs Dressel 1A über die Fracht verraten

Der Großteil der sichtbaren Ladung besteht aus Amphoren des Typs Dressel 1A. Diese schlanken, zylindrisch wirkenden Gefäße mit langem Hals gehören zu den bekanntesten Behältern der späten römischen Republik und wurden in der Forschung vor allem mit dem Weinhandel in Verbindung gebracht. Ihre Produktion wird üblicherweise in die Zeit zwischen dem späten 2. und der Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus gesetzt, was die vorläufige Datierung des Schiffs stützt. Wichtig ist dabei eine Einschränkung, die in der amtlichen Mitteilung ausdrücklich offenbleibt. Bislang wurden weder Rückstandsanalysen noch Aufschriften veröffentlicht, die den tatsächlichen Inhalt belegen. Der Gefäßtyp beschreibt also die Form, nicht zwingend die Fracht dieser konkreten Fahrt. Ähnliche Vorbehalte finden sich in der Aufarbeitung des Fundes durch das archäologische Fachmedium Finestre sull Arte, das die weiteren Untersuchungsschritte zusammenfasst.

Neben den Amphoren wurden zwei Bleianker beschrieben, deren Schäfte jeweils etwa 1,70 Meter messen, sowie ein weiteres Bauteil aus demselben Metall. Für dieses Objekt wird eine Funktion als Rohrleitung erwogen, möglicherweise im Zusammenhang mit der Entwässerung des Rumpfes. Blei ist im Meerwasser vergleichsweise beständig und überdauert dort Jahrtausende, während Holz von Bohrmuscheln zerstört wird, sobald es freiliegt. Genau deshalb sind Metallteile für die Rekonstruktion eines antiken Schiffs so wertvoll. Aus Lage und Abstand der Anker lässt sich der Bugbereich bestimmen, aus der Verteilung der Ladung die ungefähre Ausdehnung des Laderaums, und aus beidem zusammen ergibt sich ein erstes Bild der Größenordnung des Fahrzeugs.

Warum die Lage des Handelsschiffs so ungewöhnlich ist

Nach Einschätzung der beteiligten Taucher liegt das Schiff noch weitgehend in Fahrtstellung auf dem Grund, also nicht auf die Seite gekippt oder über eine größere Fläche verstreut. Das spricht für ein vergleichsweise ruhiges Absinken, bei dem der Rumpf beim Untergang zusammenhielt und sich anschließend rasch in den Sand einbettete. Sand wirkt in solchen Fällen konservierend, weil er Sauerstoff, Licht und holzzerstörende Organismen weitgehend fernhält. Auch die Tiefe spielt eine Rolle. In 46 Metern erreichen Wellen und Sturmenergie den Boden kaum noch, und Schleppnetze werden in vielen Gebieten seltener eingesetzt als in flacheren Zonen. Diese Kombination erklärt, warum ein Fundplatz über zwei Jahrtausende hinweg vergleichsweise unberührt bleiben konnte. Vergleichbare Glücksfälle in der Archäologie sind selten, wie etwa neue Grabungsergebnisse an einem der bekanntesten Fundplätze der Steinzeit zeigen, über die neue rechteckige Bauten in Göbekli Tepe berichtet wurde.

Ein weiterer Faktor ist die Fundgeschichte selbst. Antike Wracks in Küstennähe werden häufig entdeckt, bevor sie wissenschaftlich erfasst sind, und verlieren dann Stück für Stück ihre Ladung an den illegalen Handel. Dass die Fundstelle vor Mazara del Vallo offenbar geschlossen erhalten blieb, hängt auch damit zusammen, dass die Entdecker den Fund gemeldet haben, statt ihn auszubeuten. Die zuständige Denkmalbehörde hat inzwischen weitere Dokumentationsarbeiten angekündigt und prüft Schutzmaßnahmen für das Areal. Dazu gehört in solchen Fällen üblicherweise eine genaue Kartierung, die Festlegung von Sperrzonen sowie die Frage, ob Teile der Ladung gehoben oder ob der Fundplatz vollständig am Ort belassen wird.

Welche Fragen die Unterwasserarchäologie jetzt klären will

Im Zentrum der weiteren Arbeiten stehen drei Punkte. Erstens die Herkunft der Ladung, die sich über Tonanalysen und über Stempel auf einzelnen Gefäßen eingrenzen lässt. Zweitens die Route, die aus dem Verhältnis zwischen Produktionsregion und Fundort abgeleitet werden kann. Drittens der Erhaltungszustand des Rumpfes unter der Sandschicht, der bislang nicht abschließend beurteilt ist. Erst wenn diese Fragen bearbeitet sind, lässt sich sagen, ob das Schiff Teil des großen italischen Weinexports war oder auf einer regionalen Verbindung zwischen Sizilien und der nordafrikanischen Küste unterwegs war. Beides ist derzeit denkbar, und keine der beiden Möglichkeiten ist durch die bisher veröffentlichten Daten ausgeschlossen.

Die Aussagekraft solcher Untersuchungen hängt stark davon ab, wie vollständig ein Fundplatz erfasst wird, bevor Eingriffe beginnen. Deshalb setzt die Unterwasserarchäologie inzwischen fast durchgehend auf zerstörungsfreie Verfahren in der ersten Phase, also auf Vermessung, Fotogrammetrie und punktuelle Probennahme. Wie stark äußere Umstände die Sichtbarkeit archäologischer Strukturen beeinflussen können, zeigt sich auch an Land immer wieder, etwa wenn Trockenheit verborgene Grundrisse hervortreten lässt und damit zahlreiche archäologische Fundstätten sichtbar macht. Am Meeresboden übernimmt die Sandbedeckung eine ähnliche Rolle, nur umgekehrt. Sie verbirgt und schützt zugleich, und sie gibt erst dann etwas preis, wenn jemand gezielt danach sucht.

Spannend & Interessant
VGWortpixel