Neolithische Bauten

In Göbekli Tepe tauchen rechteckige Bauten auf

 Dennis Lenz

In Göbekli Tepe tauchen rechteckige Bauten auf
(Symbolbild) Göbekli Tepe gilt als der älteste bekannte Monumentalort der Menschheit und stammt aus der Jungsteinzeit. In einem neu geöffneten Grabungsfeld sind jetzt rechteckige Bauten aufgetaucht, die einen ungewohnten Blick auf den Alltag der frühen Bewohner erlauben. Anders als die berühmten Rundanlagen mit ihren mächtigen Steinpfeilern wirken diese Räume schlichter und alltagsnäher. Damit verschiebt sich das Bild von einem reinen Kultort hin zu einem bewohnten Platz. (Foto: © Forschung und Wissen)

Kaum ein Fundplatz elektrisiert die Archäologie so wie Göbekli Tepe, der oft als Nullpunkt der Geschichte bezeichnet wird. In einem neu geöffneten Grabungsfeld sind nun rechteckige Bauten aufgetaucht, die dicht unter der heutigen Oberfläche lagen. Auf einer Fläche von rund 1500 Quadratmetern legten die Ausgräber Strukturen frei, die deutlich weniger Steinpfeiler enthalten als die weltberühmten Rundanlagen. Vieles spricht dafür, dass hier nicht nur Rituale stattfanden, sondern Menschen tatsächlich wohnten. Was diese Räume über das Leben vor rund 11.000 Jahren verraten, ordnet die Forschung gerade neu.

Göbekli Tepe liegt im Südosten der Türkei und zählt zum Weltkulturerbe. Bekannt wurde der Ort durch seine kreisrunden Anlagen mit tonnenschweren T-Pfeiler aus Kalkstein, die mit fein gearbeiteten Tierreliefs verziert sind. Diese Monumentalbauten stammen aus der frühen Jungsteinzeit und gelten als ältestes bekanntes Beispiel für gemeinschaftlich errichtete Großarchitektur. Lange prägte die Vorstellung die Debatte, Göbekli Tepe sei vor allem ein Versammlungs- und Kultort gewesen, an dem sich Jäger und Sammler zu besonderen Anlässen trafen. Ausgrabungen der vergangenen Jahre haben dieses Bild jedoch nach und nach erweitert. Immer öfter traten Hinweise auf schlichtere Gebäude zutage, die eher an dauerhaftes Wohnen erinnern als an reine Zeremonien. Genau in diese Diskussion greift der neue Befund ein.

Der zweite Blick auf einen so intensiv erforschten Ort lohnt sich, weil moderne Grabungen breite Flächen öffnen und erst nach und nach in die Tiefe gehen. Nach diesem Prinzip arbeitet auch das aktuelle Team, das ein bislang unberührtes Areal nördlich des geschützten Kernbereichs untersucht. Erst nachdem dort wachsende Olivenbäume vorsichtig umgesetzt worden waren, ließ sich der Boden großflächig freilegen. Die Erosion hatte die oberen Teile der Mauern bereits abgetragen, weshalb die Ausgräber rasch auf erhaltene Grundrisse und stellenweise sogar auf Bodenniveaus stießen. So wird sichtbar, wie eng verschiedene Bauformen an einem einzigen Platz nebeneinander bestanden. Der Fund fügt sich damit in ein Bild ein, in dem Göbekli Tepe weit mehr war als eine Kulisse für Rituale.

Was die neuen Bauten in Göbekli Tepe verraten

Die freigelegten rechteckigen Bauten gehören nach Einschätzung der Fachleute zu einer zweiten Siedlungsphase des Ortes. Sie enthalten weniger und kleinere Pfeiler als die monumentalen Rundanlagen und wirken in ihrer inneren Aufteilung eher häuslich. Ausgrabungsleiter Prof. Necmi Karul, der zugleich das übergeordnete Projekt der Steinhügel koordiniert, verweist darauf, dass an dem Ort öffentliche Bauten und zeitgleiche Wohngebäude nebeneinander bestanden. Diese Gleichzeitigkeit deute darauf hin, dass Göbekli Tepe nicht nur ein Zentrum für rituelle Handlungen war, sondern auch ein Platz, an dem Menschen lebten. Ähnliche Muster kennt das Projekt bereits von anderen Fundstellen der Region. Wie stark solche Befunde das Verständnis alter Kulturen verschieben können, zeigt auch eine neue Erbgutanalyse am Turiner Grabtuch mit überraschender Herkunft.

Kultort und Wohnort zugleich

Die Vorstellung, dass an einem einzigen Platz Zeremonie und Alltag verschmolzen, verändert die Deutung der frühen Jungsteinzeit spürbar. Sollten Bodenproben tatsächlich häusliche Tätigkeiten bestätigen, ließe sich Göbekli Tepe als Ort begreifen, an dem rituelle Architektur und gewöhnliches Leben unmittelbar nebeneinander standen. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie sesshaft die Menschen dieser Zeit bereits waren, lange bevor die Landwirtschaft voll ausgeprägt war. Die schlichteren Räume könnten Werkstätten, Vorratsräume oder Wohnbereiche gewesen sein, die den prunkvollen Anlagen unmittelbar zugeordnet waren. Wie wandelbar unser Bild von Vergangenheit und Gegenwart ist, zeigt sich auch daran, dass eine 1800 Jahre alte Marmorstatue eines Heilgottes den antiken Umgang mit Heilung neu beleuchtet.

Wie es in Göbekli Tepe weitergeht

Die aktuelle Grabung ist Teil eines langfristig angelegten Vorhabens, das die Umgebung des berühmten Kernbereichs Schritt für Schritt erschließt. Neben dem neuen Areal im Norden laufen die Arbeiten weiter am Hang mit den kreisrunden Strukturen, wo Sicherungsmaßnahmen von einer Anlage zur nächsten übergehen. Ziel ist es, die bereits bekannten Bauten neu zu bewerten und ihr Potenzial genauer auszuschöpfen, statt nur einzelne Punkte tief anzugraben. Weil die anatolische Landschaft und der lockere Boden die oberen Mauerpartien vielerorts abgetragen haben, treten Grundrisse oft rasch zutage. Endgültige Aussagen über die Funktion der rechteckigen Räume stehen noch aus, denn die Auswertung von Böden, Fundstücken und Schichten braucht Zeit. Sicher ist jedoch, dass Göbekli Tepe auch nach Jahrzehnten der Forschung längst nicht alle Antworten preisgegeben hat.

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