Vor der Küste der englischen Grafschaft Devon haben Taucher ein verschollenes deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg identifiziert. Das Wrack von U-672 liegt rund 32 Kilometer vor Salcombe in etwa 70 Metern Tiefe und galt in Seekarten jahrzehntelang als amerikanisches Segelschiff. Die 52 Mann starke Besatzung hatte ihr Boot im Juli 1944 nach einem britischen Angriff selbst versenkt und überlebte vollständig. Dass das Wrack 82 Jahre lang niemandem zugeordnet werden konnte, lag nach Einschätzung von Historikern an einem simplen Zahlendreher in den Unterlagen der Nachkriegszeit. Die Identifizierung stützt sich auf zahlreiche Baudetails, gilt aber formal als sehr wahrscheinlich und nicht als amtlich bestätigt.
Der Ärmelkanal gehört zu den am gründlichsten erforschten Wrackrevieren der Welt. Über Jahrzehnte haben Sporttaucher, Historiker und Vermessungsschiffe dort fast alle versunkenen deutschen U-Boote aufgespürt und benannt. Offene Fälle gibt es kaum noch. Umso überraschender war, was ein Team um den Skipper Ian Taylor im Juli 2026 erlebte, als es zum ersten Mal zu einem bekannten Wrack rund 32 Kilometer vor Salcombe hinabtauchte. Das britische Hydrographische Amt führte die Stelle vorläufig als Wrack der Hildegard, eines amerikanischen Segelschiffs, das 1917 verloren gegangen war. Am Grund lag jedoch kein Holzschiff, sondern ein stählerner Rumpf mit der unverkennbaren, messerscharfen Bugform eines U-Boots.
Welches Boot es war, konnten Taylor und seine Taucher aus Portland zunächst nicht sagen. Sie gaben ihre Beobachtungen an die Tauchergruppe Gasperados aus Plymouth weiter, die sich auf die Identifizierung tiefer Wracks spezialisiert hat. Deren Taucher Dominic Robinson hatte schon beim Blick auf die Position einen Verdacht. Er tippte auf U-672, ein Boot, das offiziell rund 74 Kilometer weiter östlich gesunken sein sollte.
U-672 war ein Boot vom Typ VIIC, dem häufigsten deutschen U-Boot-Typ des Zweiten Weltkriegs. Es wurde an Heiligabend 1941 in Hamburg auf Kiel gelegt, im Februar 1943 vom Stapel gelassen und im April 1943 in Dienst gestellt. Sein einziger Kommandant war Oberleutnant zur See Ulf Lawaetz, 1916 in Kopenhagen geboren. In drei Feindfahrten versenkte das Boot kein einziges alliiertes Schiff, überstand aber einen schweren Angriff eines kanadischen Flugboots. Am 6. Juli 1944, rund einen Monat nach der Landung der Alliierten in der Normandie, lief es zu seiner vierten Fahrt in einen Ärmelkanal aus, der von britischen U-Boot-Jägern förmlich überwacht wurde.
Am 18. Juli 1944 ortete die britische Fregatte HMS Balfour das getauchte Boot per Sonar und griff es mit einem sogenannten Hedgehog an. Diese nach vorn feuernde Waffe schleuderte 24 Sprengkörper gleichzeitig ins Wasser, die nur bei direktem Kontakt explodierten. Drei davon trafen. U-672 begann vollzulaufen, und die Besatzung bekam das eindringende Wasser nicht unter Kontrolle. Der Kommandant wartete so lange wie möglich, ließ dann die Tauchtanks ausblasen und brachte das Boot an die Oberfläche, um seinen Männern eine letzte Chance zu geben. Alle 52 Seeleute stiegen in Rettungsflöße. Der leitende Ingenieur verließ das Boot als Letzter, öffnete die Flutventile und verschloss die Turmluke hinter sich. Am nächsten Tag wurden die Männer von britischen Flugzeugen und Schiffen entdeckt und kamen in Kriegsgefangenschaft.
Aus britischer Sicht blieb der Angriff zunächst ohne klares Ergebnis. Es trieben keine Trümmer, kein Öl und keine Leichen auf, die einen Erfolg belegt hätten. Für die Nachwelt verschwand U-672 damit in den Akten, und seine letzte Position wurde später in die offiziellen Verlustlisten übertragen.
Genau bei diesem Übertrag lag offenbar der Fehler. In den Nachkriegsunterlagen ist der Untergang von U-672 bei 50 Grad 3 Minuten Nord und 2 Grad 30 Minuten West verzeichnet. Dort wurde jedoch nie ein passendes U-Boot gefunden. Der britische U-Boot-Experte Innes McCartney hatte in seiner Doktorarbeit die amtlichen Verlustpositionen mit den tatsächlichen Wrackfunden verglichen und war dabei auf diese Unstimmigkeit gestoßen. Er vermutete, dass jemand bei der Erfassung zwei Ziffern der Längenangabe vertauscht hatte. Gemeint war demnach nicht 2 Grad 30 Minuten, sondern 3 Grad 20 Minuten West.
Für diese These spricht ein unabhängiger Beleg. Die britische Admiralität notierte die Position, an der die Überlebenden aus dem Wasser gezogen wurden, mit etwa 50 Grad 1 Minute Nord und 3 Grad 20 Minuten West, also fast genau an der korrigierten Stelle. Der deutsche U-Boot-Historiker Axel Niestlé hält es für nahezu ausgeschlossen, dass rund 50 Männer in kleinen Schlauchbooten über Nacht etwa 40 Seemeilen weit getrieben sind. Falsch war also die Angriffsposition, nicht die Rettungsposition. Gegenüber der BBC erklärte Niestlé, das Wrack liege genau dort, wo es hingehöre, wegen eines Schreibfehlers in den Dokumenten sei seine Position aber rund 74 Kilometer entfernt eingetragen worden. Das gefundene Wrack liegt nur einige Kilometer von der korrigierten Position entfernt.
Der erste Tauchversuch der Gasperados Mitte August scheiterte. Die Leine, an der die Taucher hinabgleiten, verfehlte das Wrack, und Robinson fand auf dem Sandboden nur Schleifspuren. Am nächsten Tag stieg er mit seinem Tauchpartner Guy Trees erneut ab. Wieder lag die Leine daneben, doch diesmal stimmte die Strömung. Mit Unterwasserscootern suchten die beiden den Meeresboden ab. Erst entdeckten sie einen Seeteufel, der sich gern an Wracks aufhält, dann einen Kraken auf einem Seilstück und schließlich einen dichten Fischschwarm. Aus dem trüben Wasser tauchte dann der Bug des U-Boots auf, das auf seiner Backbordseite liegt.
In 70 Metern Tiefe blieben den Tauchern nur etwa 20 Minuten Arbeitszeit am Wrack. Der gesamte Tauchgang dauerte wegen der langen Dekompressionsphasen beim Aufstieg rund drei Stunden. In dieser kurzen Zeit schwammen sie an der Backbordseite entlang bis zum Propeller und auf der Steuerbordseite am Turm vorbei zurück. Waffen waren dort keine mehr zu sehen, die äußere Beschichtung des Rumpfs war weitgehend verschwunden, alle Luken waren verschlossen. „Als ich die einzelnen Merkmale sah, den Schnorchel, den Turm und all diese Dinge, wusste ich, dass wir die Aufnahmen bekommen würden, die wir für die Identifizierung brauchten“, sagte Robinson der BBC.
Der Bootstyp allein bewies wenig, denn vom Typ VIIC wurden Hunderte Exemplare gebaut. Entscheidend waren mehrere Einzelheiten, die zusammen nur zu U-672 passen. Das Wrack trägt einen frühen Schnorchelkopf mit Schwimmerkugel. Mit einem solchen Schnorchel konnte ein U-Boot knapp unter der Oberfläche seine Dieselmotoren betreiben und die Batterien laden. U-672 hatte diese Ausrüstung im Frühjahr 1944 bei einer Werftliegezeit erhalten, spätere Boote bekamen eine verbesserte Version mit Radarschutz. Außerdem fehlen am Bug die Behälter für Rettungsschlauchboote, die erst ab Ende 1944 zur Standardausstattung gehörten, als U-672 längst auf dem Meeresgrund lag.
Weitere Hinweise lieferten drei rechteckige Öffnungen in der Außenhülle, gefolgt von einer kleineren runden. Dieses Muster stimmt mit Kriegsfotos von U-670 überein, das in derselben Hamburger Werft und derselben Baureihe entstand. Der Propeller besteht aus Stahl statt aus Bronze, was zu den Materialengpässen der deutschen Rüstung ab 1943 passt. Die vielleicht ungewöhnlichste Spur fanden die Taucher direkt hinter dem Turm: einen Haufen stählerner Druckflaschen, mit denen Robinson zunächst nichts anfangen konnte. Niestlé erkannte sie sofort als Wasserstoffflaschen des Systems Aphrodite. Damit ließen U-Boote Ballons mit Aluminiumstreifen aufsteigen, die auf feindlichen Radarschirmen falsche Ziele erzeugten, während das Boot unbemerkt abtauchte.
Auch die verschlossenen Luken, die bei einem absichtlich versenkten Boot zunächst rätselhaft wirkten, passen zum historischen Bericht über den letzten Mann an Bord. Niestlé begutachtete die Fotos, die noch vom Tauchboot aus per Satellitenverbindung verschickt wurden. Er schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um U-672 handelt, auf 90 bis 95 Prozent. Keine einzelne Beobachtung reiche dafür aus, wohl aber das Zusammenspiel aus Bootstyp, Schnorchelgeneration, fehlenden Schlauchbootbehältern, Öffnungsmuster, Stahlpropeller, korrigierter Position und Rettungsort. Zudem kommt kein anderes deutsches U-Boot für diese Stelle infrage. Ausführlich dokumentiert hat den Fall der Lokalhistoriker Neil Jopson in einem Bericht über die Lösung des Rätsels.
Viele Wracks aus beiden Weltkriegen sind Kriegsgräber, in denen noch Besatzungen liegen. Bei U-672 ist das anders, denn alle Männer an Bord überlebten. Die genaue Zuordnung solcher Wracks ist dennoch für Historiker, Behörden und Angehörige wichtig. Fehler in den Verlustlisten verfälschen das Bild des U-Boot-Kriegs, und falsch benannte Wracks können dazu führen, dass Schutzbestimmungen oder Gedenkstätten an der falschen Stelle gelten. Wie solche Altlasten aus dem Krieg bis heute Fragen aufwerfen, zeigt auch das Wrack eines deutschen U-Boots vor Norwegen, das 67 Tonnen Quecksilber an Bord hatte.
Moderne Tauchtechnik verändert die Wrackforschung zusehends. Mit Mischgasen, Kreislaufgeräten und Scootern erreichen Sporttaucher heute Tiefen, die früher nur Tauchrobotern vorbehalten waren, und liefern hochauflösende Videos direkt vom Meeresgrund. Gleichzeitig erlauben digitale Archive und Fotosammlungen den Abgleich kleinster Baudetails. Bei besonders bekannten Wracks reicht die Technik inzwischen bis zur vollständigen Vermessung, wie der erste komplette 3D-Scan der Titanic gezeigt hat.
Für die Familie des Kommandanten schließt sich mit dem Fund ein Kreis. Ulf Lawaetz kehrte nach dem Krieg aus der Gefangenschaft zurück und starb 2002 im Alter von 85 Jahren in Kopenhagen. Nach der Identifizierung meldeten sich seine Angehörigen bei den Tauchern. Sie schickten unter anderem ein kleines nummeriertes Metallschild von U-672, das Lawaetz sein Leben lang aufbewahrt hatte. Er habe ein langes und glückliches Leben geführt und wäre sehr stolz gewesen, dass sein Boot endlich gefunden wurde, gab Robinson die Worte der Familie wieder.
BBC News, Missing German WW2 U-boat found 82 years on
The Local History Detective (Neil Jopson), How They Solved The English Channel's Last U-Boat Mystery
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