Zwei Seemeilen westlich der norwegischen Insel Fedje liegen in rund 150 Metern Tiefe die beiden Hälften eines deutschen U-Boots, das am 9. Februar 1945 torpediert wurde. An Bord waren bis zu 67 Tonnen Quecksilber, bestimmt für die japanische Rüstungsindustrie. Im Juni 2026 gelangten ferngesteuerte Unterwasserroboter erstmals in den Kiel des Wracks und holten 22 Behälter herauf, von denen rund 80 Prozent Lecks aufwiesen. Am 28. August 2026 übergab die norwegische Küstenverwaltung ihre abschließende Empfehlung an das zuständige Ministerium.
Quecksilber ist bei Zimmertemperatur flüssig, verdampft leicht und wirkt schon in kleinen Mengen als Nervengift. Im Meerwasser wandeln Mikroorganismen das Metall in Methylquecksilber um, das sich in der Nahrungskette anreichert und über Fische beim Menschen ankommt. Eine Ladung von mehreren Dutzend Tonnen auf dem Meeresboden ist deshalb kein rein historisches Problem, sondern eine Altlast mit unbegrenzter Laufzeit, denn das Element zerfällt nicht. Genau diese Konstellation liegt vor der Westküste Norwegens, wo ein Schiffswrack aus dem Zweiten Weltkrieg seit mehr als acht Jahrzehnten in einem Gebiet liegt, das für Fischerei und Schifffahrt genutzt wird. Die norwegischen Behörden überwachen den Meeresgrund dort regelmäßig und haben in den Sedimenten rund um die Wrackteile erhöhte Quecksilberwerte dokumentiert.
Der Fall ist zugleich ein Stück Unterwasserarchäologie, denn das Wrack ist ein Kriegsgrab und ein technisches Dokument der letzten Kriegsmonate. Es geht um U-864, ein Boot des Typs IXD2, gebaut im Herbst 1943 in Bremen. Die Fahrt sollte über Norwegen nach Japan führen, mit Spezialisten und Kriegsmaterial an Bord, darunter Bauteile und technische Zeichnungen für Strahlflugzeuge. Untergegangen ist das Boot durch einen Torpedo des britischen U-Boots HMS Venturer, und dieser Angriff gilt bis heute als einziger bekannter Fall, in dem ein getauchtes U-Boot ein anderes getauchtes U-Boot versenkte. Alle 73 Menschen an Bord starben, unter ihnen zwei japanische Ingenieure. Die Fundstelle verbindet damit Militärgeschichte, Umwelttechnik und eine politische Entscheidung, die seit Jahren aussteht.
Im Februar 1945 war U-864 bereits ausgelaufen, musste wegen eines fehlerhaften Dieselmotors aber nach Bergen zurückkehren und auf Geleitschutz warten. Britische Stellen hatten den deutschen Funkverkehr entschlüsselt und die Venturer von den Shetlandinseln aus zum Abfangen geschickt. Wie die norwegische Küstenverwaltung Kystverket in ihrer Dokumentation zum Fall schildert, traf der Torpedo das Boot mittschiffs und riss es in zwei Teile, die auf etwa 150 Meter Tiefe sanken. Erst Ende der 1990er Jahre begann ein deutscher Rechercheur, Hinweise auf die besondere Ladung zusammenzutragen, und meldete sie 2003 den norwegischen Umweltbehörden. Im selben Jahr ortete das Marineschiff KNM Tyr die Wrackteile, und die ersten Untersuchungen begannen unmittelbar danach.
Wie viel Quecksilber tatsächlich an Bord war, lässt sich bis heute nicht exakt beziffern, weil für diese Fahrt keine Ladepapiere erhalten sind. In britischen Kriegsarchiven fand sich jedoch eine entschlüsselte japanische Bestellung über 1867 Behälter, was bei vollständiger Beladung zwischen 65 und 67 Tonnen metallischem Quecksilber entspräche. Mehrere der 2026 geborgenen Behälter tragen die Prägung Almaden und verweisen damit auf die historische Quecksilbermine in Spanien, aus der ein großer Teil des europäischen Bestands stammte. Solche Prägungen sind für die Unterwasserarchäologie wertvolle Belege, ähnlich wie bei einem Frachtsegler der Antike, dessen Route sich über die Machart der Ladung rekonstruieren lässt, etwa bei dem vor Andros georteten Wrack mit hunderten Amphoren. Die Herkunft der Fracht ist damit bestätigt, die Gesamtmenge bleibt eine Schätzung.
Im Juni 2026 kamen Techniker erstmals seit der Entdeckung an den Ort, an dem die Ladung gelagert war. Nach dem Absaugen von Sediment entlang des Vorschiffs entfernten sie eine rund 4,2 Meter lange Kielplatte und legten sechs Kielkästen frei. In den vier hinteren Kästen fanden sie dunkles, noch nicht identifiziertes Material, das wie verkohltes Holz wirkt, dazu glasartige Reste und flüssiges Quecksilber. In den beiden vorderen Kästen lagen Behälter, von denen 22 herausgehoben wurden, während zwei festgerostet zurückblieben. Nach Angaben der Küstenverwaltung zur Bergung der Behälter kam dabei etwa ein halbes Tonne Quecksilber an Land, und eine erste Prüfung zeigte, dass rund 80 Prozent der Behälter beschädigt sind und auslaufen.
Der Einsatz lieferte zwei gegenläufige Ergebnisse. Technisch ist bewiesen, dass sich der Kiel öffnen und Quecksilber mit ferngesteuerten Systemen herausholen lässt. Zugleich zeigte die begleitende Umweltüberwachung, dass die Arbeiten selbst Quecksilber verteilten: Die Filter- und Containerlösung für das abgesaugte Sediment arbeitete nicht wie geplant, die Filtereinheit musste abgekoppelt werden, und nach Schätzung der Küstenverwaltung gelangten rund 3,2 Kilogramm aus dem Arbeitsbereich heraus. Hinzu kommt die Munition an Bord, denn im Wrack liegen weiterhin Torpedos, deren Zustand nach acht Jahrzehnten im Salzwasser schwer einzuschätzen ist. Wie schwierig es ist, einmal verteilte Schadstoffe wieder einzusammeln, zeigt auch die Suche nach Verfahren, mit denen sich Ewigkeitschemikalien magnetisch aus Wasser holen lassen.
Seit 2006 sind mehrere Gutachten entstanden, die zu unterschiedlichen Empfehlungen kamen. Die Küstenverwaltung riet mehrfach dazu, Wrack und belastete Sedimente abzudecken, weil eine Abdeckung die Verunreinigung einschließt und auch Erdbeben, Notankerungen, Grundschleppnetzen und einem Zusammenbruch des Wracks standhält. Ein 2020 eingesetztes Expertengremium empfahl 2022 dagegen, zuerst so viel Quecksilber wie möglich zu heben und erst danach abzudecken. Nach den Erfahrungen des Sommers 2026 hat die Behörde ihre abschließende Bewertung am 28. August übergeben und rät darin erneut zur direkten Abdeckung, weil die Bergung der restlichen Ladung nach ihrer Einschätzung mehr Schadstoff freisetzt als sie entfernt. Die Entscheidung liegt nun beim Ministerium für Handel und Fischerei, eine politische Festlegung steht weiterhin aus.
Für die Menschen auf Fedje ist der Streit mehr als eine Fachdebatte, denn eine Bürgerinitiative fordert seit Jahren die vollständige Hebung und verweist auf Risiken durch die Torpedos unter einer mehrere Meter dicken Abdeckschicht. Messungen der Behörden zeigen bislang, dass Fische und Schalentiere aus dem Gebiet keine höheren Quecksilberwerte aufweisen als anderswo an der Küste, wobei eine Warnung für den unmittelbaren Bereich rund um die Fundstelle weiterhin gilt. Unabhängig von der Entscheidung bleibt die Fundstelle ein Dauerauftrag: Eine Abdeckung müsste über Jahrzehnte kontrolliert werden, eine Bergung würde Jahre dauern und Technik erfordern, die es in dieser Form noch nicht gibt. Beide Wege enden bei derselben Einsicht, dass der Zweite Weltkrieg auf dem Meeresboden noch nicht vorbei ist.