Vor der italienischen Riviera haben Taucher ein römisches Schiffswrack wiedergefunden, das seit mehr als sechzig Jahren als verschollen galt. In über 40 Metern Tiefe vor Punta Chiappa bei Camogli, im Meeresschutzgebiet von Portofino, liegen neun Weinamphoren aus der Zeit um 100 vor Christus, fest mit dem Fels verwachsen. Ein Taucherpionier hatte die Stelle schon 1959 gemeldet, danach verlor sich jede Spur, und Fachleute hielten den Fundort für geplündert. Wie groß das Schiff war und ob unter den Amphoren noch Reste des Rumpfs liegen, ist bisher offen.
Entdeckt haben das Wrack Taucher der Carabinieri aus Genua, und zwar eher zufällig. Bei einer Übung stießen sie in mehr als 40 Metern Tiefe auf eine vollständig erhaltene römische Amphore. Sie meldeten den Fund der zuständigen Denkmalbehörde, der Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio per la Liguria. Deren Technischer Dienst für Unterwasserarchäologie tauchte daraufhin mehrfach mit den Carabinieri an der Stelle und fand eine ganze Ansammlung von Amphoren. Die Behörde stellte den Fund am 22. Oktober 2026 in Genua vor.
Dass ausgerechnet hier noch ein antikes Wrack unentdeckt liegen konnte, ist bemerkenswert. Die Felsküste rund um das Vorgebirge von Portofino gehört zu den beliebtesten Tauchrevieren im Mittelmeer und wird jedes Jahr von Tausenden Sporttauchern besucht. Soprintendent Vincenzo Tiné sagte, der Fund zeige, wie viel die Unterwasserarchäologie selbst in Gebieten noch leisten müsse, die man für gut erforscht halte.
Bei einer ersten Kartierung erfassten die Taucher neun Amphoren auf engem Raum. Sie liegen in Spalten einer steil abfallenden Felswand und sind schwer zu erkennen, weil sie mit dem felsigen Untergrund verwachsen und von dicken Krusten überzogen sind. Solche Krusten bilden Kalkalgen, Korallen und andere festsitzende Meereslebewesen, die sich über Jahrhunderte auf jeder harten Oberfläche ansiedeln. Für das ungeübte Auge sieht eine so überwucherte Amphore kaum anders aus als ein Stück Fels.
Zwei Amphoren holten die Taucher an die Oberfläche. Sie lagen besonders exponiert, und in einem so stark betauchten Gebiet wäre die Gefahr groß gewesen, dass sie beschädigt oder gestohlen werden. Die übrigen Gefäße bleiben am Meeresgrund. Laut der Mitteilung der Denkmalbehörde wird die Fundstelle nun ständig überwacht. Außerdem sollen die Tauchgänge in dem Bereich künftig geregelt werden, um das Wrack zu schützen.
Die Koordinaten des Funds führten die Fachleute zu einer alten Akte. Sie stimmen mit einer Stelle überein, die der italienische Tauchpionier Duilio Marcante in den 1950er Jahren gemeldet hatte. Marcante, der von 1914 bis 1985 lebte, leitete damals ein Tauchzentrum und eine Schule für Unterwasserfischerei in Genua. Im November 1959 tauchte er mit Carabinieri-Tauchern vor Punta Chiappa und entdeckte zwei Amphoren, die zwischen Felsen eingeklemmt und mit Korallen und Kalkalgen verwachsen waren. In der Umgebung sah er weitere Amphoren und am Fuß der Felswand einen möglichen Hügel aus Fundstücken, der von Schlamm bedeckt war.
Zwei Tage nach dem ersten Tauchgang kehrte das Team zurück und barg zwei unversehrte Amphoren, weil es fürchtete, dass sie sonst gestohlen würden. Am 10. November 1959 meldete Marcante den Fund der damaligen Antikenbehörde Liguriens und dem Zentrum für Unterwasserarchäologie in Albenga. Das Zentrum leitete Nino Lamboglia, der heute als Vater der italienischen Unterwasserarchäologie gilt. Er hatte 1950 vor Albenga eine der ersten Ausgrabungen eines antiken Schiffs im Mittelmeer organisiert.
Im Mai 1960 tauchte Lamboglias Mitarbeiter Gianni Roghi zusammen mit Marcante und den Carabinieri erneut an der Stelle, um sie zu überprüfen. Das Ergebnis war ernüchternd. Von dem vermuteten Hügel aus Fundstücken war nichts mehr zu sehen. Stattdessen fand das Team eine Amphore, die mit einer dünnen Leine verschnürt war, offenbar fertig zum Abtransport, und drei zerbrochene Amphoren in den Krusten. Alles deutete darauf hin, dass Raubtaucher schneller gewesen waren.
Lamboglia fasste die Geschichte im September 1961 auf einem internationalen Kongress für Unterwasserarchäologie in Barcelona zusammen. Wegen der großen Tiefe und des steilen Meeresbodens habe man die Untersuchung zunächst verschoben, berichtete er, und es sei wahrscheinlich, dass die Fundstelle inzwischen nicht von Plünderern verschont geblieben sei. Danach verlor sich jede Spur des Wracks. Es wurde nie wieder gefunden, bis die Carabinieri jetzt bei ihrer Übung auf die Amphore stießen. Dass es dieselbe Fundstelle ist, gilt nach Angaben der Behörde inzwischen als sicher. Simon Luca Trigona, der Leiter des Technischen Dienstes für Unterwasserarchäologie, sagte, nach den Vermessungen und einer ersten Analyse der Funde könne die Übereinstimmung mit der von Marcante gemeldeten Stelle bestätigt werden.
Die Amphoren verraten, was das Schiff geladen hatte. Es handelt sich um eine einheitliche Ladung von Weinamphoren des Typs Dressel 1A, hergestellt an der tyrrhenischen Küste Italiens. Benannt ist der Typ nach dem deutschen Archäologen Heinrich Dressel, der römische Amphoren Ende des 19. Jahrhunderts systematisch nach ihrer Form ordnete. Die schlanken, rund einen Meter hohen Gefäße mit langem Hals waren die typischen Transportbehälter für italienischen Wein in der späten Römischen Republik. Laut Trigona datiert diese Form die Ladung in die Zeit zwischen dem Ende des 2. Jahrhunderts und dem ersten Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts vor Christus. Das Schiff ist demnach mehr als 2.100 Jahre alt.
Diese Zeit ist historisch klar umrissen. Kurz zuvor hatte Rom den Süden Galliens erobert, das heutige Südfrankreich. Für den Handel zwischen Italien und den neuen Gebieten wurden die Häfen Liguriens, allen voran Genua, strategisch wichtig. Wein aus Mittelitalien gehörte zu den wichtigsten Exportgütern, und große Mengen davon gingen per Schiff entlang der Küste nach Westen. Trigona sieht das Wrack von Punta Chiappa zusammen mit einem gleich alten Wrack vor Pegli bei Genua als Zeugnis genau dieser Epoche. Auch das Wrack von Pegli war Anfang der 1950er Jahre entdeckt worden und gilt seitdem als verschollen. Wie schon ein unberührtes Römerwrack vor Sizilien zeigte, liegen solche Weinfrachter oft in Tiefen, die Sporttaucher nur selten erreichen.
Viele Fragen kann der Fund bislang nicht beantworten. Trigona betont, dass sich die Größe des Schiffs schwer abschätzen lasse. Erst gründlichere Untersuchungen, die für die nahe Zukunft geplant sind, sollen zeigen, ob am Meeresgrund noch weitere Reste liegen. Ob vom hölzernen Rumpf etwas erhalten ist, ist ebenfalls unbekannt. Holz übersteht die Zeit am Meeresgrund meist nur dort, wo es rasch von Sediment bedeckt wird. Der schlammige Grund am Fuß der Felswand, den Marcante 1959 beschrieben hatte, könnte deshalb für die Forscher besonders interessant sein.
Bei anderen antiken Wracks mit Hunderten Amphoren ist die Ladung oft noch als großer Hügel erhalten. Vor Punta Chiappa dürfte dagegen ein Teil der Fracht schon vor Jahrzehnten verschwunden sein. Umso wichtiger ist nach Ansicht der Behörde, dass die verbliebenen Funde jetzt dokumentiert und geschützt werden. Rund um das Vorgebirge von Portofino zählt der italienische Sender Rai insgesamt fünf antike und mittelalterliche Schiffswracks, von der Zeit der Etrusker bis ins Mittelalter.
Dass ausgerechnet Carabinieri das Wrack fanden, ist kein Zufall. Die Tauchereinheit der italienischen Militärpolizei besteht seit 1953 und hat unter anderem die Aufgabe, versunkene Kulturgüter aufzuspüren, zu vermessen und zu bergen. Sie arbeitet dafür eng mit den Denkmalbehörden und der Spezialeinheit der Carabinieri für den Schutz des Kulturerbes zusammen. Diese Einheit ermittelt auch gegen Raubtaucher, im Italienischen „Tombaroli del mare“ genannt, und überwacht Auktionen, Internetangebote und Schwarzmärkte, auf denen antike Fundstücke gehandelt werden. Wie lange verschollene Wracks am Meeresgrund unentdeckt bleiben können, zeigte erst kürzlich auch ein nach 82 Jahren identifiziertes U-Boot.
Der Bürgermeister von Camogli, Giovanni Anelli, hofft, dass die geborgenen Amphoren künftig öffentlich gezeigt werden können. Für die Fachleute ist der Fund auch ein Stück Geschichte ihres eigenen Fachs. Die Kunsthistorikerin Alessandra Cabella vom Technischen Dienst für Unterwasserarchäologie fasste die Geschichte des Wracks in drei Worten zusammen: entdeckt, verloren, wiederentdeckt.
Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio per la Liguria, Il relitto perduto. Camogli, Punta Chiappa: i Carabinieri Subacquei scoprono il famoso relitto romano „fantasma“
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