Eine fast zehn Tonnen schwere Steinfigur gehört zu einem jungsteinzeitlichen Gräberfeld, das Archäologen im Osten von Paris untersucht haben. In den Block ist ein Gürtel eingearbeitet, auf seiner Oberfläche finden sich weitere Spuren menschlicher Arbeit. Auch ein sitzend bestatteter Erwachsener und ein sorgfältig angelegter Erdhügel machen den Fundplatz ungewöhnlich. Nun wollen die Fachleute klären, welche Menschen hier zusammen bestattet wurden.
Archäologen haben in Champigny-sur-Marne bei Paris eine Steinfigur freigelegt, deren Gewicht sie auf 9,7 Tonnen schätzen. Ein eingravierter Gürtel gehört zu den Merkmalen, anhand derer sie den Großstein als abstrakte Darstellung eines Menschen erkennen. Das französische Institut national de recherches archéologiques préventives, kurz Inrap, stellt den Fund nun in einer ausführlichen Mitteilung vor. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Romana Blaser untersuchte das Team einen Platz an der rue de Verdun vor dessen Neubebauung.
Auf einer Terrasse aus Ablagerungen der Marne kamen dort 30 megalithische Blöcke sowie Spuren von Anlagen aus Holz, Erde und Stein zum Vorschein. Die Fundstätte gehört nach der Einordnung des Grabungsteams in die mittlere Jungsteinzeit zwischen 4750 und 4300 vor Christus. Für die Region Île-de-France ist dieses Ensemble ungewöhnlich, weil vergleichbare Fundplätze dieser Zeit überwiegend durch einzelne, isolierte Gräber bekannt sind. Hier lassen sich Monumente und Bestattungen innerhalb eines gemeinsam untersuchten Geländes zueinander in Beziehung setzen.
Natürlich entstandene Formen und menschliche Eingriffe liegen auf dem beigebraunen Stein unmittelbar nebeneinander, weshalb seine Oberfläche besonders sorgfältig gelesen werden muss. Runde Hohlformen, die durch Verwitterung entstanden, bilden einen Bogen und wurden durch künstlich eingearbeitete Schälchen ergänzt. Bei der Bearbeitung kombinierten die damaligen Handwerker eine flächig geschlagene Oberfläche mit gezielten Pickspuren und Rillen. Die Archäologin Rosalie Jallot untersucht im Projekt die großen Steingeräte und die megalithische Architektur. Im oberen linken Viertel der Hauptfläche entdeckte das Team außerdem weiße und schwarze Verfärbungen in Vertiefungen der Schlagspuren, die mögliche Pigmentreste darstellen.
Ob solche Rückstände von einer Bemalung stammen, lässt sich durch Untersuchungen ihrer stofflichen Zusammensetzung genauer prüfen als durch den Farbeindruck allein. Eine Untersuchung französischer Megalithmalereien von Antonio Hernanz und seinem Team demonstriert das an sechs bretonischen Anlagen und zwei französischen Stelen. Mithilfe von Raman-Spektroskopie und ergänzenden Verfahren identifizierten sie in winzigen Proben unter anderem Kohlenstoff und Manganverbindungen als Bestandteile dunkler Malereien. Zugleich erkannten sie auf mehreren untersuchten Monumenten moderne Materialien, die vom Nachzeichnen der Motive stammten. Für den neuen Fund steht eine entsprechende Bestätigung der Farbreste noch aus.
Mit einer Länge von 3,04 Metern, einer Breite von 1,68 Metern und einer Dicke von 0,74 Metern besitzt der Block erhebliche Ausmaße. Bei der Freilegung lag er flach in einer deutlich erkennbaren Grube, die zu seiner früheren Verkeilung gehörte. Die Fachleute deuten diese Lage als erhaltenen Zustand nach dem Umkippen der Stele und der Aufgabe ihrer Nutzung. Wann sie fiel und was den Zusammenbruch auslöste, geht aus der Mitteilung bisher nicht hervor. Ebenso bleibt offen, welche konkrete Person oder Vorstellung mit der Darstellung verbunden war.
Zum nördlichen Ensemble gehören zwei kleinere Sandsteinblöcke, von denen einer als Stele und ein anderer als möglicher Markierungsstein des Bestattungsbereichs angesprochen wird. Die Herkunft des Gesteins kann zeigen, über welche Mindestentfernung die damaligen Erbauer solche Blöcke einst transportierten. Bei Steinriesen einer englischen Steinreihe erlaubten Mineralsignaturen eine solche Zuordnung. Für Champigny nennt der Fundbericht dagegen weder einen gesicherten Transportweg noch ein nachgewiesenes Verfahren zum Aufrichten.
Im südöstlichen Teil der Grabungsfläche stieß das Team auf eine Kuppe aus braunem Schluff, auf der eine zerbrochene kleine Stele lag. Darunter befanden sich Gruben, Gräben für Palisaden, Steinsetzungen und Spuren hölzerner Pfosten, die auf einen gezielten Aufbau hindeuten. Besonders auffällig ist, dass unter dieser Erdarchitektur keine Bestattung nachgewiesen wurde und ihre ursprüngliche Funktion deshalb offenbleibt. Als mögliche Erklärung nennen die Archäologen eine Markierung im Gelände, deren genaue Bedeutung bislang unbekannt bleibt. Südlich dieser Anlage lagen acht Gräber auf einer Fläche von 60 Quadratmetern, während sich drei weitere im nördlichen Teil konzentrierten. Bei den nördlichen Bestattungen hatten moderne Baumaßnahmen zwei Megalithblöcke gestört und deren ursprünglichen Zusammenhang teilweise verändert.
In einer engen, kreisrunden Vertiefung, die an einen Brunnenschacht erinnert, wurde ein Erwachsener in sitzender Haltung beigesetzt, dessen Unterschenkel und Füße vollständig von Calcit umschlossen waren. Bereits bei der Voruntersuchung waren zwei Frauen entdeckt worden, die auf dem Rücken und entlang einer Ost-West-Achse lagen. Von den später freigelegten Bestattungen beschreibt Inrap sieben mit ausgestreckten Körpern. Die unterschiedlichen Positionen liefern Ansatzpunkte zum Vergleich der Totenbehandlung, erlauben für sich genommen aber keine sichere Aussage über Rang oder Lebensgeschichte der jeweiligen Person.
Für die anthropologische Untersuchung ist Cécile Buquet zuständig, die die menschlichen Überreste im Zusammenhang mit den einzelnen Grabformen auswertet. Die meisten Verstorbenen lagen in geräumigen Gruben, und ein Pfostenloch auf Höhe des Schädels weist auf eine oberirdische Kennzeichnung hin. Als Beigaben fanden sich vor allem Steinklingen, Spitzen, Teile von Geschossen und eine Axt aus örtlichem Sandstein. Zwei Gräber enthielten außerdem bearbeitete Knochenobjekte. Solche Gegenstände geben neben der Körperlage weitere Vergleichsmöglichkeiten, wenn die Fachleute Unterschiede innerhalb der Bestattungsgemeinschaft untersuchen.
Auch das Material an den Grabwänden verdient Aufmerksamkeit, weil sich dort gelbliche bis weißliche Schichten deutlich vom umgebenden Boden abheben. Nach dem Grabungsbefund mischten die damaligen Menschen stark karbonathaltige, sandig-schluffige Sedimente mit Kies und Wasser zu einer zementartigen Masse. Sie härtete beim Trocknen aus und findet sich an Grabwänden, in den Verankerungsgruben der Steine und am Erdhügel. Ergänzend verwendeten die Erbauer beige Sande und braune Erden, die nur wenig oder gar nicht bearbeitet worden waren. Ihre Materialwahl lässt erkennen, dass unterschiedliche Eigenschaften des örtlich verfügbaren Untergrunds gezielt für die Gestaltung des Platzes genutzt wurden.
Der Befund gehört zu einer bereits anderweitig belegten Nutzung karbonatreicher Erden, die unter anderem von vorgeschichtlichen Wohnplätzen im Mittelmeerraum bekannt ist. In Champigny lässt sich diese Materialpraxis nun in einer Anlage untersuchen, die Bestattungen mit großen Steinsetzungen verbindet. Zum Team gehören deshalb auch der Geoarchäologe Marc-Antoine Vella und der auf mikroskopische Bodenstrukturen spezialisierte Alessandro Peinetti. Ihre Fachgebiete helfen dabei, natürliche Ablagerungen von eingebrachtem oder verändertem Bodenmaterial zu unterscheiden. Die veröffentlichte Beschreibung belegt dabei das Verarbeiten und Aushärten örtlicher Sedimente, aber bisher keinen Brennvorgang zur Herstellung eines Bindemittels.
Welche Beziehungen zwischen benachbarten Gräbern bestanden, kann die Untersuchung alten Erbguts weit über die sichtbare Anordnung der Bestattungen hinaus erschließen. Ein zeitlich naher Vergleich stammt aus Gurgy im Pariser Becken, wo ein Team um Maïté Rivollat genetische Daten von 94 Menschen auswertete. Die in Nature veröffentlichte Untersuchung der Gemeinschaft von Gurgy rekonstruierte umfangreiche Stammbäume, deren größter sich über sieben Generationen erstreckte. Strontium-Isotopenwerte ergänzten Hinweise darauf, dass manche Frauen ihre Kindheit andernorts verbracht hatten. Einen genauen Herkunftsort konnten die Forscher aus den verfügbaren geologischen Vergleichsdaten allerdings nicht bestimmen.
Für Champigny sind DNA- und Isotopenanalysen als nächste Schritte angekündigt, die zusammen mit der Untersuchung der Skelette Herkunft, Ernährung und Lebensbedingungen erschließen sollen. Besonders konkrete Beziehungen lassen sich dabei gelegentlich über größere Entfernungen erkennen, wie der genetische Nachweis von Geschwistern aus räumlich getrennten römischen Gräbern veranschaulicht. Am neu vorgestellten Fundplatz werden erst die Proben zeigen, welche Untersuchungen ausreichend erhaltenes Material liefern und welche Personen miteinander verglichen werden können. Ergebnisse dieser Analysen nennt die aktuelle Mitteilung noch nicht.
Institut national de recherches archéologiques préventives, Des sépultures et des menhirs du Néolithique découverts à Champigny-sur-Marne (Val-de-Marne).
Antonio Hernanz et al., Journal of Raman Spectroscopy, Raman microscopy of prehistoric paintings in French megalithic monuments; doi:10.1002/jrs.4852
Maïté Rivollat et al., Nature, Extensive pedigrees reveal the social organization of a Neolithic community; doi:10.1038/s41586-023-06350-8
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