Prähistorische Bauleistung

25 Tonnen schwere Steinriesen kamen aus 18 Kilometern Ferne

 Dennis Lenz

25 Tonnen schwere Steinriesen kamen aus 18 Kilometern Ferne
(Symbolbild) Die Steinriesen gehören zu einer prähistorischen Anlage in Yorkshire. Ihre Herkunft wird anhand geologischer Merkmale untersucht. Ein neuer Vergleich verändert die Auswahl möglicher Ausgangsorte. Die genaue Transportweise bleibt eine davon getrennte archäologische Frage. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Die Steinriesen von Yorkshire könnten eine längere Reise hinter sich haben als bisher angenommen. Eine neue Untersuchung vergleicht winzige Mineralkörner aus den bis zu 25 Tonnen schweren Monolithen mit möglichen Herkunftsgesteinen. Das Ergebnis führt zu einem rund 18 Kilometer entfernten Ort. Wie die Menschen die Blöcke bewegten, bleibt davon getrennt zu untersuchen.

Zwischen Wiesen und Straßen bei Boroughbridge stehen drei hohe Steinpfeiler, die einen Menschen deutlich überragen. Die Steinriesen gehören zu den Devil’s Arrows, einer prähistorischen Anlage im englischen North Yorkshire. Ihr heutiger Zustand vermittelt allerdings kein vollständiges Bild des ursprünglichen Monuments. Eine vierte Säule ist historisch überliefert, während weitere vermutete Bestandteile nicht gleichermaßen gesichert sind. Auch die sichtbare Oberfläche ist nur ein Teil der Konstruktion: Die Blöcke reichen in den Boden und mussten dort stabilisiert werden. Damit umfasst ihre Geschichte mindestens drei unterschiedliche Fragen. Woher stammt das Gestein, wie gelangte es nach Boroughbridge und wie wurde es aufgerichtet? Eine Untersuchung kann bei der ersten Frage vorankommen, ohne die beiden anderen vollständig zu beantworten. Genau diese Trennung ist wichtig, wenn aus einem geologischen Vergleich eine Geschichte über prähistorische Bauleistung entsteht. Die Größe der Steine macht den möglichen Transport anschaulich, ersetzt aber keine Belege für seinen Ablauf.

Die Herkunft solcher Megalithen wird nicht allein anhand ihrer Farbe oder äußeren Form bestimmt. Sandsteine können an verschiedenen Orten ähnlich aussehen, obwohl sich ihre enthaltenen Minerale in wichtigen Einzelheiten unterscheiden. Umgekehrt können Teile derselben geologischen Formation an mehreren heutigen Aufschlüssen zugänglich sein. Ein Gestein besitzt deshalb nicht automatisch eine eindeutige Ortsangabe, die sich wie eine Beschriftung ablesen ließe. Seine Zusammensetzung bewahrt vielmehr Hinweise auf frühere geologische Prozesse. Sandkörner können aus unterschiedlichen älteren Gesteinen stammen, gemeinsam transportiert und später zu einem neuen Sedimentgestein verfestigt worden sein. Ein Vergleich muss daher zwischen dem Alter einzelner Minerale, dem Alter des Sandsteins und der wesentlich jüngeren Errichtung des Monuments unterscheiden. Diese Zeitangaben beschreiben verschiedene Ereignisse. Ein sehr altes Korn in einem Stein datiert weder dessen Transport noch die Tätigkeit seiner Erbauer. Für die Archäologie wird es interessant, wenn sein Alter gemeinsam mit weiteren Merkmalen die Auswahl möglicher Herkunftsgesteine eingrenzt.

Woher die Steinriesen nach der neuen Untersuchung stammen

Am 9. September 2026 stellten Anthony Clarke, Jim Leary und Chris Kirkland ihre Auswertung vor. Nach der Mitteilung zur neuen Herkunftsbestimmung passen die untersuchten Mineralsignaturen zu Brimham Rocks, ungefähr 18 Kilometer westlich der Steinreihe. Damit schlagen die Autoren einen anderen Herkunftsort vor als die zuvor häufig genannten Plumpton Rocks. Die Größenangaben von ungefähr sieben Metern und bis zu 25 Tonnen verdeutlichen, welche Objekte damit verbunden werden. Sie sind keine Angaben für jeden einzelnen erhaltenen Block. Das Ergebnis betrifft zunächst die Übereinstimmung zwischen Proben. Die Autoren gehen darüber hinaus und interpretieren die Befunde als Hinweis auf eine gezielte Beschaffung durch Menschen. Ein Transport über eine größere Entfernung würde demnach zur Entstehung der Anlage gehören. Eine bestimmte Route, ein benutztes Fahrzeug oder ein vollständig rekonstruierter Arbeitsablauf sind mit dieser Aussage jedoch nicht nachgewiesen. Der Herkunftsvorschlag erweitert die Frage nach der Errichtung, statt sie bereits abschließend zu lösen.

Wie winzige Minerale verschiedene Sandsteine unterscheidbar machen

Die in Proceedings of the Royal Society A veröffentlichte Arbeit nutzt unter anderem Zirkon und Apatit für eine Uran-Blei-Datierung. Entscheidend ist die Verteilung verschiedener Mineralalter, nicht nur ein einzelner Messwert. Zur schonenden Probengewinnung verwendete das Team auch Klebestreifen an den Oberflächen der Monolithen. Für das Verständnis des Vergleichs lässt sich eine einfache Unterscheidung treffen: Ein einzelnes übereinstimmendes Merkmal kann verbreitet sein, während eine Kombination mehrerer Merkmale die Zahl möglicher Erklärungen stärker einschränkt. Das macht eine solche Kombination aber nicht automatisch zu einem exklusiven Nachweis eines einzigen Orts. Dazu müssen die Vergleichsproben die Alternativen ausreichend abdecken. Ebenso wichtig ist, wie repräsentativ die gewonnenen Körner für den jeweiligen Stein sind. Eine oberflächliche Probe und eine aus dem Inneren entnommene Probe können unterschiedliche Erhaltungsbedingungen widerspiegeln. Die Aussagekraft entsteht deshalb aus Probenwahl, Messung und Vergleich gemeinsam. Das verwendete Verfahren ist keine direkte Messung einer prähistorischen Transportbewegung.

Welche Geschichte das Gestein vor seiner Nutzung hatte

Brimham Rocks besteht überwiegend aus dem regional als Millstone Grit bezeichneten grobkörnigen Sandstein. Die geologische Darstellung des Gebiets beschreibt Sedimente, die Flüsse ablagerten und die sich anschließend verfestigten. Schichtflächen und wechselnde Ablagerungsrichtungen bewahren Spuren dieser Entstehung. Verwitterung und die spätere Landschaftsentwicklung formten daraus die heute auffälligen Felsen. Für die neue Herkunftsfrage ist diese Vorgeschichte aus einem bestimmten Grund relevant: Ein aufrecht stehender Block besitzt nicht erst seit seiner Verwendung als Monument eine Geschichte. Seine mineralische Zusammensetzung wurde bereits viel früher geprägt. Daraus folgt auch, dass eine Ähnlichkeit zwischen zwei Proben auf einen gemeinsamen geologischen Zusammenhang verweisen kann, ohne eine direkte Verbindung zwischen zwei heutigen Einzelpunkten zu beweisen. Die Landschaft, in der das Gestein entstand, unterscheidet sich von der Landschaft, in der Menschen später geeignete Blöcke auswählten. Beide Ebenen müssen im Vergleich berücksichtigt werden, damit geologisches Alter und archäologischer Gebrauch nicht miteinander verschmelzen.

Warum Gletscher als mögliche Transporteure geprüft werden

Die Autoren beziehen rekonstruierte Eisbewegungen in ihre Argumentation ein und halten einen natürlichen Transport aus dem vorgeschlagenen Herkunftsgebiet für nicht passend zu den untersuchten Verhältnissen. Daraus leiten sie die Bedeutung menschlicher Arbeit ab. Diese Schlussfolgerung wird inzwischen bestritten. Der Geograf Brian John kritisierte in einer am 22. September veröffentlichten nicht begutachteten Stellungnahme zur Studie unter anderem die Vergleichsproben und den Ausschluss anderer Herkunftsgebiete. Er hält die menschliche Verlagerung aus Brimham Rocks nicht für ausreichend belegt. Damit liegt eine fachliche Gegenposition vor, aber keine zweite begutachtete Untersuchung mit demselben Veröffentlichungsstatus. Der Streit betrifft zwei miteinander verbundene Fragen: Wie genau lässt sich die Herkunft lokalisieren und welche Transportmöglichkeiten bleiben danach offen? Die Ablehnung eines bestimmten natürlichen Wegs wäre nicht automatisch ein Nachweis sämtlicher Details eines menschlichen Wegs. Umgekehrt widerlegt eine methodische Kritik nicht schon durch ihre Veröffentlichung das gesamte Ergebnis. Entscheidend sind überprüfbare Proben, Vergleiche und nachvollziehbare Schlussfolgerungen.

Was über das Aufstellen der Monolithen bekannt ist

Unabhängig von der neuen Herkunftsdebatte dokumentiert die Bestandsbeschreibung der geschützten Steinreihe frühere Untersuchungen an den Fundamenten. Dabei wurden unterirdische Abschnitte und Material zur Stabilisierung der Blöcke festgestellt. Die drei erhaltenen Steine stehen zudem nicht in völlig gleichmäßigen Abständen. Solche Beobachtungen betreffen die tatsächlich vorhandene Anlage und ergänzen die Herkunftsanalyse um eine andere Art von Befund. Aus der Masse eines Steins allein lässt sich dagegen nicht berechnen, wie viele Menschen an seinem Transport beteiligt waren. Dafür wären Annahmen über Untergrund, Steigung, Reibung, Hilfsmittel und Arbeitsorganisation nötig. Zwei Verfahren könnten dieselbe Last mit sehr unterschiedlichen Anforderungen bewegen. Eine anschauliche Zeichnung mit Rollen und Seilen wäre deshalb zunächst ein mögliches Modell, keine dokumentierte Szene. Ebenso ist die zum Aufrichten erforderliche Arbeit nicht identisch mit der Arbeit für den horizontalen Transport. Das Monument verbindet mehrere technische Aufgaben, die jeweils eigene Spuren hinterlassen haben können.

Welche Belege die Herkunftsfrage weiter klären könnten

Der nächste Erkenntnisschritt liegt vor allem in einem breiteren Vergleich. Zusätzliche Proben aus geeigneten Aufschlüssen könnten zeigen, ob die beobachteten Altersmuster tatsächlich eng an Brimham Rocks gebunden sind oder in einem größeren geologischen Bereich auftreten. Diese Konsequenz folgt unmittelbar aus der Frage nach der Eindeutigkeit einer Herkunftszuordnung. Archäologische Spuren am möglichen Ausgangsort hätten einen anderen Informationswert: Sie könnten eine menschliche Nutzung dokumentieren, müssten aber ihrerseits zeitlich und sachlich mit dem Monument verbunden werden. Ein bearbeiteter Stein wäre nicht automatisch ein zurückgelassenes Stück derselben Baukampagne. Auch am Zielort könnten genauere Untersuchungen helfen, verschiedene Bauphasen voneinander zu trennen. Der aktuelle Befund liefert somit einen konkreten, überprüfbaren Herkunftsvorschlag und eine weitergehende Transportinterpretation. Er beweist keine unbekannte prähistorische Maschine und verrät nicht die Namen der Erbauer. Die Steinriesen bleiben reale Zeugnisse einer erheblichen Bauleistung, während die genaue Herkunft und der Weg jedes Blocks anhand zusätzlicher Daten geprüft werden können.

Proceedings of the Royal Society A, Deliberate prehistoric sourcing of the Devil’s Arrows, Britain’s tallest stone row; doi:10.1098/rspa.2026.0504

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