Bisher lagen eng verwandte Tote in alter DNA höchstens fünf Kilometer auseinander. Jetzt zeigt das Erbgut einer Frau, die vor rund 1600 Jahren an einer römischen Raststation bei Castellón in Spanien begraben wurde: Ihr Bruder lag 725 Kilometer entfernt in Mérida. Seit dem Fund 1992 war offen, wer sie war. Der Fall stammt aus einer Studie mit 243 alten Genomen aus 31 Fundstätten im Fachjournal Cell.
Im Jahr 1992 legten Archäologen in L'Hostalot bei Vilanova d'Alcolea in der Provinz Castellón das Grab einer Frau frei. Der Ort war in der Antike eine Mansio namens Ildum, eine Art Raststation an der Via Augusta, der großen römischen Fernstraße entlang der Mittelmeerküste. Die Tote war mit großer Sorgfalt bestattet worden. Neben ihr lagen ein Glasgefäß und zwei goldene Gewandnadeln, deren kleine Köpfe wie geschliffene Würfel geformt sind. Solche Nadeln gelten als typisch für eine Tradition aus dem Donauraum und der Schwarzmeerregion, also für Menschen, die von jenseits der alten Reichsgrenzen kamen. Die Frau starb Ende des 4. oder Anfang des 5. Jahrhunderts. Wer sie war und warum sie an einer Raststation begraben wurde, blieb über Jahrzehnte offen.
Die Antwort lieferte nun ein Abgleich ihres Erbguts mit Hunderten weiteren Toten aus derselben Epoche. Im Corralón de Los Blanes, einem Gräberfeld im heutigen Mérida, dem antiken Augusta Emerita, fand das Team einen Mann, der ihr Bruder gewesen sein muss. Die genetischen Daten weisen die beiden als Verwandte ersten Grades aus, also als leibliche Geschwister. Der Mann wird auf die Zeit zwischen 364 und 535 nach Christus datiert. Auch in seinem Umfeld fanden Archäologen goldene Nadeln derselben Machart. Laut der Mitteilung der Universität Granada, die an der Studie beteiligt war, ist das die größte geografische Entfernung, die je zwischen Verwandten ersten Grades in alter DNA nachgewiesen wurde. Der bisher nächste bekannte Fall betraf nach Angaben der Autoren zwei Menschen aus der Kupferzeit im Süden Englands, deren Gräber nur fünf Kilometer auseinanderlagen.
Beide Geschwister hatten den Modellen der Forscher zufolge ihre gesamte Abstammung aus Mittel- und Nordeuropa. Sie waren also sehr wahrscheinlich selbst noch eingewandert und nicht erst Kinder von Zuwanderern. Der Bruder trug zudem eine väterliche Erblinie mit der Bezeichnung I1, die zu dieser Herkunft passt. Die reichen Grabbeigaben sprechen dafür, dass beide zu einer gehobenen Schicht gehörten.
Dass die Schwester ausgerechnet an einer Raststation begraben wurde, deuten die Forscher als Hinweis darauf, dass sie unterwegs starb. Die Via Augusta verband damals zwei der wichtigsten Städte der Halbinsel, Augusta Emerita im Westen und Tarraco, das heutige Tarragona, im Nordosten. Nach Berechnungen mit dem Verkehrsmodell Orbis der Stanford University hätte die Strecke zwischen den beiden Grabstätten zu Fuß etwa 24 Tage gedauert, für gut ausgerüstete Reisende zu Pferd etwa 14 Tage. Das römische Straßennetz funktionierte offenbar noch, obwohl das Weströmische Reich in dieser Zeit bereits zerfiel.
Die Autoren bringen die Geschwister mit einer frühen Phase der Einwanderung der Sueben in Verbindung. Dieser germanische Verband kam im Jahr 409 gemeinsam mit Vandalen und Alanen auf die Iberische Halbinsel und machte später Mérida zu seiner Hauptstadt. Möglicherweise starb die Schwester auf dem Weg nach Süden, während ihr Bruder weiterzog und in Augusta Emerita begraben wurde. Welche Route die beiden genau nahmen, ist allerdings unbekannt. Eine Untersuchung bestimmter chemischer Signaturen in Knochen und Zähnen, sogenannter Isotope, könnte zeigen, wo die beiden ihre Kindheit verbracht haben.
„Wir beobachten nicht nur Veränderungen in genetischen Häufigkeiten, wir identifizieren Familien, die sich über eine Halbinsel bewegten, die noch durch die Infrastruktur des Römischen Reiches verbunden war“, sagt der Genetiker Iñigo Olalde von der Universität des Baskenlandes laut der Mitteilung des Instituts für Evolutionsbiologie.
Die Geschichte der Geschwister ist Teil einer viel größeren Untersuchung. Das Team um den Erstautor Pablo Carrión, der inzwischen am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht, sowie Carles Lalueza-Fox, Iñigo Olalde und David Reich hat 243 bislang unveröffentlichte Genome aus 31 Fundstätten auf der Iberischen Halbinsel ausgewertet. Zusammen mit bereits bekannten Daten ergibt sich ein Bild der Bevölkerungsgeschichte zwischen dem 1. und dem 8. Jahrhundert. Laut den Autoren ist es die erste systematische, großflächige Untersuchung dieser Art für diesen Zeitraum.
Das Ergebnis widerspricht einer verbreiteten Vorstellung von der Völkerwanderungszeit. Den größten Umbruch brachte nicht die Ankunft germanischer Gruppen, sondern die römische Herrschaft. Während die Menschen der Eisenzeit genetisch relativ einheitlich waren, zeigen die Toten aus dem 1. bis 4. Jahrhundert eine weit größere Vielfalt. Unter römischer Herrschaft kamen viele Menschen mit Vorfahren aus dem östlichen Mittelmeerraum und aus Nordafrika ins Land. „Die Romanisierung war nicht nur eine politische, sprachliche und kulturelle Umwälzung. Unsere Daten zeigen, dass sie auch eine große demografische Umwälzung war“, sagt Carles Lalueza-Fox, Direktor des Naturwissenschaftlichen Museums Barcelona.
Ab dem 5. Jahrhundert tauchen dann Menschen mit mittel- und nordeuropäischer Abstammung auf, vor allem in Gräbern, die mit den neuen Machthabern in Verbindung stehen. Ihr Anteil am Erbgut der Bevölkerung lag je nach Region und sozialem Umfeld aber nur zwischen 12 und 22 Prozent. Die Vermischung verlief allmählich. „Was uns am meisten überrascht hat, war der Gegensatz zwischen den beiden Prozessen“, sagt Pablo Carrión. Rom habe eine außerordentlich vielfältige Gesellschaft geschaffen, die späteren Einwanderungen hätten demografisch deutlich weniger bewirkt. Ganz anders lief es in Britannien. Dort ersetzten angelsächsische Einwanderer nach Angaben der Universität Granada bis zu 75 Prozent der Bevölkerung. Auch auf dem Balkan war der Einfluss der Zuwanderer nach dem Ende Roms deutlich größer.
Wie sehr die Genetik den Blick auf alte Eliten verändern kann, zeigt ein weiterer Fund aus Los Blanes in Mérida. Dort lagen neun Frauen, die mit Gold- und Silberschmuck aus der Donau- und Schwarzmeertradition bestattet worden waren. Wegen dieser reichen Beigaben gelten sie als „suebische Prinzessinnen“, also als Angehörige einer eingewanderten Oberschicht. Das Team konnte bei drei der jungen Frauen das Erbgut entschlüsseln. Eine von ihnen hatte jedoch einheimische Vorfahren. Für die Forscher spricht das für Heiratsbündnisse zwischen suebischen Eliten und hispanorömischen Familien. „Eine Identität, die mit Einwanderergruppen verbunden war, setzte nicht unbedingt eine fremde Herkunft voraus“, sagt Carrión. Sie habe sich auch über familiäre, politische und kulturelle Bündnisse erwerben lassen.
Dass mehrere dieser Frauen um dieselbe Zeit starben, könnte mit einem Thronstreit zusammenhängen. Nach dem Tod des Suebenkönigs Rechila im Jahr 448 übernahm sein Sohn Rechiar die Herrschaft, wogegen sich ein Teil des Adels erhob. Ob die Frauen Opfer dieser Auseinandersetzung wurden, ist bislang aber nur eine Hypothese.
Auch einzelne Familien lassen sich nun rekonstruieren. In der Nekropole Cortijo del Chopo bei Colomera in der Provinz Granada untersuchten die Forscher neun Frauen aus dem 6. und 7. Jahrhundert. Darunter fanden sich drei direkte Generationen, also Großmutter, Mutter und Tochter, sowie möglicherweise eine Cousine. Die Frauen lagen in drei verschiedenen Gräbern, teils neben Frauen, mit denen sie gar nicht verwandt waren. Für die Archäologin Elena Vallejo von der Universität Granada zeigt das, wie vielschichtig die sozialen Beziehungen damals waren. Familie war offenbar mehr als Blutsverwandtschaft. Ähnliche Einblicke in Herkunft und Kontakte früherer Menschen liefert alte DNA immer öfter, etwa bei der vielfältigen Herkunft der Wikinger oder bei einer Eiszeitfrau mit Kontakten quer durch Europa.
Die Menschen der Spätantike auf der Iberischen Halbinsel waren genetisch vielfältiger als die heutigen Spanier und Portugiesen. Das Erbgut hat sich also später noch einmal verändert, etwa durch die westgotische Herrschaft, die islamische Eroberung ab 711 und die Ausbreitung der christlichen Königreiche. Um diese Lücke zu schließen, wollen die Forscher künftig mittelalterliche und neuzeitliche Genome untersuchen. Zudem fehlen bislang Proben aus dem Norden der Halbinsel und aus Nordafrika. Die römische Spur auf der Halbinsel ist auch archäologisch reich, wie zuletzt 120 römische Inschriften in einer spanischen Höhle zeigten.
Für die beiden Geschwister bleibt manches offen: Warum die Frau allein an der Raststation zurückblieb, ob sie krank wurde, verunglückte oder überfallen wurde, verrät ihr Erbgut nicht. Sicher ist nach der Studie nur, dass Bruder und Schwester gemeinsam einen weiten Weg aus Mitteleuropa auf sich genommen hatten und am Ende 725 Kilometer voneinander entfernt ihre letzte Ruhe fanden.
Cell, Contrasting demographic impacts of Roman colonization and early medieval migrations in the Iberian Peninsula; doi:10.1016/j.cell.2026.09.052
Universidad de Granada, La colonización romana y las posteriores migraciones germánicas transformaron la composición genética de la población de la Península Ibérica
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