Spuren früher Künstler

Schauhöhle in Spanien birgt 280 lange übersehene Gravuren

 Dennis Lenz

Schauhöhle in Spanien birgt 280 lange übersehene Gravuren
In der Cova de la Font Major ist ein Pferd als Ritzzeichnung in die Konglomeratwand geschnitten. Seitliches Licht lässt die Linien und die darüber liegenden Zickzack-Rillen hervortreten. Das Motiv gehört zu den dokumentierten Gravuren der Schauhöhle. (Foto: © photographs © J.M. Vergès, Antiquity / Cambridge University Press (Morales et al. 2022; CC BY 4.0), Fig. 3 Ausschnitt Pferdegravur Font Major)

In einer spanischen Schauhöhle sind 280 lange übersehene Gravuren dokumentiert, darunter Tierfiguren und abstrakte Zeichen aus verschiedenen Schaffensphasen. Besucher gingen jahrzehntelang daran vorbei und ritzten stellenweise eigene Namen über die alten Linien. Eine neue Auswertung ordnet viele Motive der Eiszeit zu und macht Katalonien zu einem wichtigen Fundgebiet. Besonders aufschlussreich wird der Fund dort, wo Tierlinien auf natürliche Felsspalten treffen.

Die Cova de la Font Major in Katalonien bewahrt 280 wissenschaftlich erfasste Gravuren und Zeichengruppen auf ihren Wänden und Decken. Josep Maria Vergès Bosch und Míriam Salas-Altès vom IPHES-CERCA untersuchten die Ritzungen nach Lage, Motiven und Gestaltung und beschreiben ihre Ergebnisse in Antiquity. Zum Katalog gehören einzelne erkennbare Figuren ebenso wie zusammengehörige Linienfelder, die jeweils als grafische Einheit oder Gruppe gezählt werden.

Entdeckt hatte Vergès die ersten auffälligen Linien während einer Grabungskampagne im Jahr 2019, als er ihm unbekannte Seitengänge erkundete. Zwischen zahlreichen jüngeren Einritzungen erkannte der Archäologe Darstellungen mit Merkmalen paläolithischer Kunst, die zuvor offenbar niemand entsprechend eingeordnet hatte. Viele Fachleute hatten die unregelmäßigen, farblich wechselnden Konglomeratwände ohnehin für einen ungünstigen Untergrund gehalten, auf dem kaum solche Bilder zu erwarten seien. Hinzu kam die Annahme, dass auffällige prähistorische Spuren in einer derart häufig betretenen Höhle längst gefunden worden wären.

Gravuren liegen rund 250 Meter hinter dem Höhleneingang

Rund um die Gatoneres de Cal Palletes verzweigt sich die Höhle in kleine Passagen, die an den unterirdischen Fluss angrenzen. Stellenweise bleibt die Decke unter einem Meter Höhe, während sich der Raum andernorts deutlich weiter nach oben öffnet. An den Wänden wechseln Vorsprünge und kleine Mulden, sodass die Künstler sehr unterschiedlich geformte Flächen vor sich hatten. Die trockenen Nebenräume gehören zu einem ausgedehnten Höhlensystem unter dem heutigen Ort L’Espluga de Francolí, aus dem auch der Francolí entspringt.

Zwischen den groben Geröllen des Konglomerats liegen weichere Mergelbänder, und genau auf diesen vergleichsweise gleichmäßigen Flächen befinden sich die Gravuren. Ihre geringe Festigkeit erlaubt bereits mit einem einfachen festen Gegenstand sichtbare Linien, macht die Oberfläche aber zugleich empfindlich gegen Berührung. Meist schnitten die Künstler flache Rillen ein; bei einigen Motiven schabten sie zusätzlich Material ab oder kombinierten beide Arbeitsweisen. Messungen an digitalen Modellen ergeben überwiegend Rillenbreiten von drei bis sieben Millimetern, wobei Farbunterschiede zum umgebenden Material die Linien zusätzlich hervorheben.

55 Tierfiguren stehen zwischen abstrakten Zeichen

Pferde, Hirsche, Ziegenartige und Rinder bilden das erkennbare Tierinventar; hinzu kommt eine seltene Bärendarstellung mit leicht geöffnetem Maul und frontal gezeichneten Ohren. Etwa vier Fünftel der Tierfiguren messen zwischen 15 und 45 Zentimetern in der Länge. Augen, Fell, Nüstern oder Hufe fehlen häufig, sodass oft nur der äußere Umriss und wenige zusätzliche Striche eine Tierform erkennen lassen. Bei einem erheblichen Teil des Bestands reichen die erhaltenen Merkmale deshalb für eine eindeutige zoologische Zuordnung nicht aus.

Bei einem Pferd verläuft die Grenze zwischen dem feineren Bildträger und dem groben Konglomerat genau unter den Füßen der Figur. Das Team deutet die Schichtkante als möglichen Boden, den der Künstler in die Darstellung einbezog, statt ihn eigens einzuritzen. Besonders auffällig ist außerdem ein abgesenkter Hirschkopf, dessen Schnauze eine waagerechte Felsspalte berührt und dadurch an ein trinkendes Tier erinnert. Eine absichtliche Darstellung von Wasser bleibt eine Interpretation; die genaue Ausrichtung zwischen Anatomie und natürlicher Struktur liefert dafür einen konkreten Anhaltspunkt.

Font Major erreicht Rang drei an Iberiens Mittelmeerseite

Entlang der iberischen Mittelmeerseite, von den Pyrenäen bis Gibraltar, enthalten etwa 75 Prozent der bekannten Fundensembles höchstens fünf Tierdarstellungen. Die größeren Ensembles von Ardales und La Pileta liegen beide im Süden der Halbinsel, weit entfernt von der katalanischen Fundstelle. Der regionale Unterschied ist beträchtlich, weil in Katalonien zuvor lediglich vereinzelte Wanddarstellungen als paläolithisch eingeordnet worden waren.

Für Vergès Bosch und Salas-Altès ist außerdem entscheidend, wie die Tiere gestaltet wurden und welche grafischen Konventionen dabei wiederkehren. Einige Figuren besitzen gegabelte Extremitäten, andere Köpfe, die aus wenigen zusammenlaufenden Linien aufgebaut sind und an weitere mediterrane Fundstellen erinnern. Gemeinsam mit dem archäologischen Zusammenhang stützen diese Formen die Zuordnung zahlreicher Motive zu älteren Abschnitten des Jungpaläolithikums. Die Autoren sehen darin eine regionale Bildtradition, die sich vom berühmten französisch-kantabrischen Kunstgebiet unterscheidet und das Spektrum früher künstlerischer Ausdrucksformen erweitert.

Holzkohle aus Font Major liefert ein indirektes Zeitfenster

Holzkohleproben aus den inneren Höhlenbereichen belegen menschliche Aufenthalte vor rund 41.000 bis 26.000 Jahren, mit einer längeren Lücke in den bisherigen Nachweisen. Aus einer der untersuchten Schichten stammt zusätzlich eine kleine Feuersteinklinge, die einen weiteren materiellen Hinweis auf diese frühe Nutzung liefert. Solche Funde datieren Besuche und Ablagerungen, während die Entstehungszeit einer benachbarten Tierfigur damit zunächst nur indirekt eingegrenzt werden kann. Für die zeitliche Bewertung verbinden die Archäologen deshalb die Fundschichten mit der technischen und stilistischen Ausführung der Bilder. Einzelne jüngere Ritzungen, auch aus späteren prähistorischen Perioden, bleiben im Ensemble möglich.

Besonders offen ist die kulturelle Zuordnung eines dicht belegten Wandfeldes mit zahlreichen Schleifen, für das bislang eindeutige paläolithische Vergleichsbeispiele fehlen. Über einem Teil dieser Zeichen liegt eine Inschrift mit der Jahreszahl 1199, die zumindest ihre zeitliche Reihenfolge festlegt. Die betroffenen Linien waren bereits vorhanden, als der mittelalterliche Besucher seine Jahresangabe darüber setzte; ihr genaues Entstehungsalter ergibt sich daraus nicht. Wie stark die Bewertung solcher Spuren von sorgfältiger Prüfung abhängt, illustriert auch die lange als Naturfleck verkannte Höhlenkunst in Wales, bei der erst neue Analysen den menschlichen Ursprung bestätigten.

Zehn Ritzformen zeigen Grenzen der digitalen Vermessung

Hochauflösende Aufnahmen helfen inzwischen dabei, selbst kleine Unterschiede zwischen den Linien zu untersuchen, ohne die empfindlichen Wände anzufassen oder abzuformen. Für einen eigenständigen Methodenversuch zur geometrischen Morphometrie analysierte ein Team dreidimensionale Modelle aus einem besonders dicht mit geometrischen Ritzungen bedeckten Wandfeld. Dabei ging es um die Frage, welche Eigenschaften des verwendeten Instruments oder der ausgeführten Bewegung sich im Querschnitt einer Rille erhalten. Eine solche Formanalyse kann Unterschiede statistisch erfassen und damit Beobachtungen präzisieren, die am Original nur schwer miteinander zu vergleichen sind.

Mit einer sicheren Zuordnung zu einzelnen Werkzeugen oder Künstlern ist dieser Schritt noch nicht gleichzusetzen, denn auch der Erhaltungszustand verändert die Rillenform. Zudem kann dieselbe Ritzlinie über ihren Verlauf merklich variieren, sodass unterschiedliche Querschnitte nicht automatisch verschiedene Urheber oder Instrumente anzeigen. Der Nutzen dreidimensionaler Dokumentation reicht über die einzelne Messfrage hinaus, weil digitale Oberflächen systematisch untersucht und erneut verglichen werden können. Vergleichbare Bildverfahren halfen auch dabei, feine römische Inschriften in der Cova Dones zu unterscheiden, deren Linien mit bloßem Auge schwer zu erkennen sind.

Font Majors Kunstgalerie bleibt für Besucher geschlossen

Bei zwei überlagerten Vierbeinern gingen nach Angaben des Höhlenbetreibers die Köpfe durch Berührungen und Graffiti verloren, während hinten zusätzlich natürlicher Gesteinszerfall wirkte. Das Ausmaß früherer Verluste lässt sich deshalb nur teilweise rekonstruieren, und der erhaltene Katalog bildet vermutlich einen verkleinerten Rest ab. Der museal erschlossene Teil des Höhlensystems ist weiterhin zugänglich; die Beschränkung betrifft den empfindlichen Bereich mit den Originalritzungen.

An einer Tierdarstellung liegt Kalzit über den Ritzlinien, den das Team in einem nächsten Schritt mit der Uranreihenmethode untersuchen will. Die mineralische Auflage eröffnet die Aussicht auf eine zusätzliche Altersgrenze für das darunterliegende Motiv. Selbst ein belastbares Ergebnis würde zunächst diese einzelne Stelle betreffen und müsste anschließend mit den übrigen Figuren und Fundzusammenhängen verglichen werden.

Antiquity, Filling gaps: the Palaeolithic rock art of the Cova de la Font Major on the north-east Iberian Peninsula; doi:10.15184/aqy.2026.10447

Digital Applications in Archaeology and Cultural Heritage, 3D morphometric analysis of rock engravings: Scope and limitations of geometric morphometrics at Cova de la Font Major (Espluga de Francolí, Tarragona); doi:10.1016/j.daach.2026.e00553

Antiquity, Palaeolithic archaeology in the conglomerate caves of north-eastern Iberia; doi:10.15184/aqy.2022.34

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